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Frankfurter Schauspielhaus : Das wandelbarste Gebäude der Stadt

Das Schauspielhaus von 1905 wurde 1960 für eine nüchterne, funktionalistische Doppelanlage der Städtischen Bühnen angerissen. Bild: Katalog

Wäre es nach Oberbürgermeister Adickes gegangen, das Schauspielhaus wäre an einem anderen Ort errichtet worden. Die Zeitläufte haben dazu geführt, dass es immer wieder umgebaut wurde.

          Von wegen, Geschichte wiederholt sich nicht. Man gehe nur einmal ins Institut für Stadtgeschichte, bestelle Magistratsakte U 549 und vertiefe sich in die dort abgehefteten Dokumente. In den frühen neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts stand die Stadt vor der schwierigen Frage, wie mit dem maroden Schauspielhaus umzugehen sei, das sich am heutigen Rathenauplatz befand. Der Magistrat setzte eine Kommission unter Leitung von Oberbürgermeister Franz Adickes ein, die die Vor- und Nachteile eines Umbaus, eines Neubaus am alten Standort und eines Neubaus an einem neuen, noch zu findenden Bauplatz gegeneinander abwägen sollte. Das erinnert frappierend an die aktuelle Diskussion um die Zukunft der Städtischen Bühnen.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Die Kommission kam damals zu dem Schluss, dass ein Neubau zu bevorzugen sei, der Aufwand für die Ertüchtigung des alten Theaters stehe in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Als denkbarer neuer Standort galt damals auch ein Areal neben dem Polizeipräsidium, das zu jener Zeit seinen Sitz an der Neuen Zeil hatte, im heutigen Gerichtsviertel. Favorisiert wurde am Ende aber ein Grundstück an der Taunusanlage zwischen Bockenheimer Landstraße und Guiollettstraße. Wäre es so gekommen, die Mitarbeiter der Deutschen Bank müssten heute nur ein paar Schritte in Richtung Alter Oper gehen, um ins Theater zu kommen.

          Kleine Meinungsverschiedenheiten mit gewichtigen Folgen

          Es kam anders, und das kam so: Die Stadtverordneten machten dem Magistrat einen Strich durch die Rechnung, obwohl der schon einen Kaufvertrag ausgehandelt hatte; ob sie es taten, weil sie sich von der Stadtregierung übergangen fühlten oder weil sie inhaltliche Bedenken gegen den Standort hatten, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Jedenfalls wurde eine zweite Kommission gegründet, diesmal unter Beteiligung der Stadtverordneten. Und die deutete den heutigen Standort der Theater-Doppelanlage an der Neuen Mainzer Straße als Bauplatz für das neue Schauspielhaus aus. Merke: Kleine Meinungsverschiedenheiten können für die Stadtentwicklung weitreichende Folgen haben.

          Das Frankfurter Schauspielhaus heute

          Das Grundstück war vergleichsweise günstig zu bekommen, 900.000 Mark forderten die Eigentümer. Das war möglich, weil die Stadt zum eigenen Vorteil die Wallservitut, die schon damals die Wallanlagen vor Bebauung schützen sollte, recht locker interpretierte.

          Nun musste noch ein Architekt gefunden werden. Für den Bau der 1880 eröffneten Oper war man einst ein Risiko eingegangen und wurde belohnt: Richard Lucae hatte keine nennenswerte Erfahrung als Theaterarchitekt, schuf aber eines der schönsten Bühnenhäuser überhaupt, das zudem eine ganz eigenständige Gestaltungsleistung war.

          Wer nichts wagt, gewinnt wenig

          Zu einem solchen Wagnis war man knapp 20 Jahre später nicht mehr aufgelegt. Im Gegenteil, die beiden Büros, die mit Planungen beauftragt wurden, waren auf dem Gebiet des Theaterbaus führend: Heinrich Seeling aus Berlin und Fellner & Helmer aus Wien. Seeling beherrschte den deutschen Markt, Fellner & Helmer sogar Europa, fast 50 Häuser stammten aus ihrer Entwurfsfabrik, darunter das Wiesbadener Hoftheater.

          Am Ende erhielt Seeling den Auftrag, auf einen Wettbewerb wurde verzichtet. Und die Stadt, die nichts gewagt hatte, gewann wenig, zumindest äußerlich. Das neue Theater war ein Spiegelbild der wilhelminischen Zeit, die zwischen Protzerei und Unsicherheit, zwischen Lust an der Repräsentativität und Aufbruchsgeist schwankte. Seelings Haus war ein Stilmischmasch zwischen prunkvoller Neorenaissance und avantgardistischem Jugendstil. Die Front der Fassade war skulptural überfrachtet, an den Seiten herrschte dagegen Nüchternheit. Und über allem thronte die riesige Kuppel, die unverhohlen an den Reichstag in Berlin erinnerte. Alles an diesem Bau schrie „Weltstadt“.

          Stärke des Entwurfs war der Innenraum

          1902 wurde es eröffnet. In der zeitgenössischen Architekturkritik scheint es wenig wahrgenommen worden zu sein, und auch unter den Frankfurtern erreichte es längst nicht die Beliebtheit der Oper. Der Gründungsintendant Emil Claar, der schon die Eröffnung der Oper begleitet hatte, äußert sich in seinen 1926 erschienenen Memoiren kühl über das Haus. Dieser „monumentale neue Ausdruck des Opfersinns der Frankfurter Bürgerschaft“ habe nicht alle Erwartungen erfüllt, insbesondere was die Akustik angehe. Bezeichnenderweise schrieb Claar den Namen des Architekten falsch. Er nannte ihn „Sehling“.

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