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Jugendbuch-Ausstellung : „Deutsche Jugend, wir kämpfen für dich“

„Lieb Vaterland magst ruhig sein“: eines der Kinderbücher aus dem Ersten Weltkrieg, die in der Frankfurter Universität ausgestellt werden Bild: Helmut Fricke

Wie Kinderbücher zum Ersten Weltkrieg eine ganze Generation prägten, zeigt das Frankfurter Institut für Jugendbuchforschung in einer Ausstellung und mit Vorlesungen.

          3 Min.

           Als die Frankfurter Universität, die damals noch nicht nach Goethe benannt war, am 18. Oktober 1914 eröffnet wurde, war der Krieg schon mehr als zwei Monate alt. Erst zogen die blutjungen Leute in den Krieg, später sogar Primaner, nach dem Notabitur. Diese Jüngsten unter den Kriegsteilnehmern könnten sie in der Hand gehabt haben, die Bücher, die jetzt auf den Fluren des Instituts für Jugendbuchforschung und im Bibliothekszentrum Geisteswissenschaften an der Goethe-Universität ausgestellt sind.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Abenteuergeschichten für Jungs sind dort zu sehen, erbauliche Erzählungen von Mädchen, die als Rotkreuzschwestern zu „kleinen Heldinnen“ wurden; Bilderbögen, die aussehen wie Zeitungsberichte, aber reine Propaganda waren: „Unser Kaiser betete auf dem Schlachtfeld mit dem Sterbenden“ liest man da oder von „weihnachtlichem Kriegsspielzeug“, das dem deutschen Knaben das Kriegshandwerk näher bringen sollte.

          Hans-Heino Ewers, der Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung, hat vor gut zwei Jahren angefangen, die Bestände der hauseigenen Bibliothek zu sichten. Gut 150 Titel Kriegsliteratur aus den Jahren 1914 bis 1918 sind zusammengekommen, also Werke für Kinder und Jugendliche, die sich ausdrücklich mit dem Ersten Weltkrieg befassen. Unter anderem mit Forscherkollegen aus Frankreich und Großbritannien steht das Institut im Kriegsgedenkjahr in Kontakt, eine große Tagung wird es im Herbst geben.

          Kriegsverherrlichend und euphorisch

          Die Befunde ähneln sich: Kaum ein Kinderbuch, das sich mit dem Krieg befasst, ist nicht nationalistisch, kriegsverherrlichend und euphorisch. Das aber, sagt Ewers, sei keine staatliche Inszenierung. „Die Verlage machten das ganz von selbst, aus Verkaufsgründen.“ Der Krieg sei vor allem einer des Bürgertums gewesen. Weder die teuren Kriegs-Spielsachen noch die bunten Pappbilderbücher landeten auf den Gabentischen der Arbeiter. Produziert worden sind sie zum Teil schon vor Ausbruch des Krieges: „Scherls Jungdeutschlandbuch“ etwa, das mit dem Vorwort anhebt „Deutsche Jugend, wir kämpfen vor allem für Dich“, erschien als Kalender zu Jahresbeginn. Auch „Der große Krieg. Ein deutsches Volks- und Kinderbuch“ wurde schon 1914 veröffentlicht: „Und doch: Fast banger noch war ihnen vor unsern stolzen Zeppelinen!“

          Das, was Ewers und seine Kollegen zeigen wollen, ist vor allem die „Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit“ dieser Literatur. Die Doktoranden Sebastian Weber und Robin Schmerer haben die Schau zusammengestellt, in erweiterter Form wird sie zum Jahresende in das Offenbacher Klingspor-Museum umziehen. Schon jetzt reicht sie von Bilderbüchern in Wilhelm-Busch-Manier bis zur Autobiographie des „Roten Barons“ von Richthofen, die 1917 erstmals erschien: Anregung, sich mit einem Thema zu befassen, das auch die nachfolgenden Generationen geprägt hat. Dazu soll auch die Bürgervorlesung „Der Erste Weltkrieg – Kindheit, Jugend, literarische Erinnerungskultur“ beitragen, die heute Abend beginnt.

          In den Jahren vor dem Krieg bestand die Kinderbuchproduktion aus unterschiedlichen Strömungen, auch progressiver, reformpädagogischer Art. 1914 zog ein anderer Ton ein: Härte, Tapferkeit, Patriotismus und ein Bild des Fremden, der nicht als ebenbürtig oder gar menschlich gezeichnet wurde, beherrschten dann die Kinderzimmer. „Die Frage ist, was das mit einer ganzen Generation macht“, so Ewers. Zumal die meiste Literatur, vor allem in den ersten Kriegsjahren, von Älteren geschrieben wurde, die allenfalls den Krieg von 1870/71 erlebt hatten. Opulente Schlachtengemälde des 19. Jahrhunderts, Geschichten von Kavallerie, Heldentum und bisweilen regelrecht fröhliche Anekdoten prägen diese Bücher; für Kleinkinder gab es Bilderbücher wie „Hurra Willi“, die einen Dreikäsehoch beim lustigen „Abknallen“ von Türken, Russen, Franzosen zeigen.

          Abschied, Tod, verstümmelte Gliedmaßen

          Mit der Realität des modernen Maschinen-, Graben und Giftkriegs hatte das kaum zu tun. Erst als die ersten Kriegsteilnehmer zu schreiben begannen, sagt Ewers, änderte sich das Bild. Selbst in den Büchern für die Allerjüngsten sind Abschied, Tod, Väter mit Verbänden oder verstümmelten Gliedmaßen zu sehen – den „Kriegskindern“ wurde fast keine grausame Realität erspart. Und die Artikel in den Jungen-Zeitschriften über Gewehre, Flugzeuge und Granaten seien „praktisch eine technische Grundausbildung“ gewesen, so Ewers.

          Was ist aus dieser Generation der blutjungen Leser geworden, die erst in den zwanziger, dreißiger Jahren erwachsen waren? Wie hängt ihre Prägung mit dem Nationalsozialismus zusammen? Und wie haben sie selbst den Krieg erlebt? Einige wenige Autoren haben versucht, den Kriegsalltag aus der Sicht von Kindern zu erzählen, auch sie sind im Bestand des Instituts, zum Teil auch online, zu finden. Else Ury etwa, die Autorin des „Nesthäkchens“, hat sehr realistisch das Schicksal der Arztfamilie Braun und „Nesthäkchens“ Rolle geschildert. Noch gebe es nicht allzu viel Forschung zur Kriegskinderliteratur, sagt Ewers. Das könnte sich in diesem Gedenkjahr ändern.

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