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Schalldämpfer gegen Lärmbelastung : Aufrüstung im Wald kein Tabu mehr

  • -Aktualisiert am

Für mehr Ruhe im Wald: Die Gesetze in Hessen sind nicht ganz eindeutig, aber auf Antrag dürfen eine Handvoll Förster bereits Schalldämpfer nutzen. Bild: dpa

Gewehrschüsse sind laut. So laut, dass Berufsjäger und Förster um ihr Gehör fürchten. Deswegen setzen sie vermehrt auf Schalldämpfer.

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          Jagd ist etwas anderes als eine Art Krieg im Wald. Jäger verwenden keine automatischen Waffen, und sie nutzen andere Munition als Soldaten. Jägern ist der Einsatz von Nachtzielgeräten verboten und in einigen Bundesländern auch das Anbringen von Schalldämpfern an der Mündung. Die Zulassung dieser Ausrüstung ist allerdings in die Diskussion geraten. Nicht um den rund 20000 hessischen Jägern das vermeintlich lautlose Töten im Forst zu gestatten, sondern aus Gründen der Fürsorge gegenüber Förstern und Berufsjägern.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Für beide gilt, dass das Erlegen von Wild zur Erfüllung der amtlich vorgegebenen Abschusspläne Teil des beruflichen Alltags ist. Der Lärm eines Schusses am Ohr des Jägers stellt allerdings den eines nur 100 Meter vorbeifliegenden Kampfjets klar in den Schatten. Messreihen nach standardisierten Verfahren der Nato haben nach Angaben des Waffentechnik-Experten Ralph Nebe ergeben, dass der Schalldruckpegel eines Büchsenschusses von 167 bis 172 Dezibel am Ohr des Schützen noch immer mit 150 bis 160 Dezibel ankommt. Das liegt deutlich jenseits der Schmerzgrenze von 130 Dezibel. Diese Grenze könnte knapp unterschritten werden, wenn moderne Jagdwaffen mit einem Schalldämpfer versehen werden. Die aus Stahl, Titan oder Karbon gefertigten Aufsätze verringern den Knall um immerhin 35 Dezibel.

          Schalldämpfer präzisieren Gewehrschüsse

          Allerdings sind Schalldämpfer – anders als beispielsweise Zielfernrohre – waffenrechtlich einem Gewehr gleichgestellt. Ihr Erwerb setzt daher eine Berechtigung und ein nachgewiesenes Bedürfnis voraus. Hessen hat Schalldämpfer im Gegensatz zu einigen anderen Bundesländern wie Bayern oder Hamburg nicht ausdrücklich verboten. Eine Handvoll Förster hat nach Angaben von Landesjagdreferent Karl Apel inzwischen auf Antrag eine Berechtigung erhalten, eines der 250 bis 700 Euro teuren Geräte zu erwerben.

          Wer einen Schalldämpfer einsetzen darf, wird deshalb aber nicht zum lautlosen „Killer“, wie dies Hollywoodfilme regelmäßig suggerieren. Ein Schalldämpfer kann nur eines von vier Elementen des Schussknalls verringern: die explosionsartige Ausbreitung der Treibladungsgase. Solange Jäger keine Unterschallmunition verwenden dürfen, weil sie für das Erlegen von Wild nicht taugt, wird der Knall weiterhin weithin zu hören sein. Bedenken des Bundeskriminalamtes im Hinblick auf die stärkere Verbreitung von Schalldämpfern werden daher in Jagdkreisen und unter Waffenexperten nicht geteilt. Befürworter wie Nebe verweisen auf Länder in Skandinavien, in denen Schalldämpfer zur Standardausrüstung vieler Jäger gehörten. Auch deshalb, weil Schalldämpfern positive Wirkungen auf die Präzision der Schüsse zugeschrieben werde: Der harte Rückstoß bei der Schussabgabe wird gemildert. Zudem blendet kein Mündungsfeuer den Schützen, der damit die Schusswirkung besser beobachten kann.

          Wild vermehrt sich - Jäger seien gefordert

          Diese Erkenntnisse und die Verpflichtungen, die das Arbeitsschutzgesetz und die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung allen Arbeitgebern auferlegen, haben dazu geführt, dass schon in der nächsten Woche die Waffenrechtsreferenten der Bundesländern in Berlin auch das Thema Schalldämpfer beraten. Dass künftig auch Hobby- und Freizeitjägern der Erwerb von Schalldämpfern zugestanden wird, ist aber nicht zu erwarten. Zudem sind die Interessenvertretungen der Jäger bislang skeptisch bis ablehnend, weil sie waidmännische Traditionen und das Ansehen der Jagd in Gefahr sehen.

          Dass allerdings effizienter als bisher gejagt werden muss, ergibt sich für Forst- und Landwirtschaftsministerin Lucia Puttrich (CDU) schon aus den Streckenmeldungen des Jagdjahres. In Hessen gibt es demnach so viel Wild wie nie. Mit 6362 Hirschen wurde der Rekord des Jahres 1996 überboten. Dennoch erwartet das Land einen weiteren Anstieg, weil zu wenig Hirschkühe erlegt worden seien. Bei Wildschweinen ist mit einer Strecke von fast 75000 Schwarzkitteln die zweithöchste Zahl seit 2008 registriert worden. Die Jäger seien daher gefordert, sagte Puttrich in Rüdesheim vor jagenden Journalisten: „Wir haben von allem zu viel.“

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