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Schädel-Hirn-Verletzungen : Nach der Reha wird es oft erst richtig schwer

Erfahren: Studienleiterin Barbara Benz hat selbst Hirnverletzte behandelt. Bild: Rainer Wohlfahrt

Eine Langzeitstudie an der Goethe-Uni soll zeigen, wie Kinder mit Schädel-Hirn-Verletzungen später im Leben zurechtkommen. Viele müssen mühsam wieder lernen, was früher selbstverständlich gewesen war.

          „Das ist das Haus vom Ni-ko...“ – weiter kam Vincent Decher nicht. Als er den Kugelschreiber absetzte, sah das Nikolaushaus eher wie eine marode Hütte aus. Er hatte verlernt, den Stift zu führen. Seine Hand wollte einfach nicht tun, was der Kopf befahl. Heute, 20 Jahre später, würde Decher mit seinen Zeichenkünsten wahrscheinlich noch immer keinen Preis gewinnen. Aber die Strichführung für das Nikolaushaus beherrscht er.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Alltag hat der 37 Jahre alte Frankfurter allerdings keine Zeit mehr für Kritzeleien. Er arbeitet als Veranstaltungskaufmann im Familienbetrieb. Vor mehr als 20 Jahren hätte das wohl niemand für möglich gehalten. Denn Vincent Decher hatte den Zusammenprall mit einer S-Bahn nur knapp überlebt und sich schwerste Kopfverletzungen zugezogen. Sechs Monate verbrachte er in einer Spezialklinik. Heute nimmt er als einer von 100 Patienten an einer Langzeitstudie der Uni Frankfurt teil: Junge Erwachsene, die im Kindes- oder Jugendalter ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten und eine stationäre Rehabilitation hinter sich haben, werden nach ihrer Lebenszufriedenheit und ihrem beruflichen Werdegang befragt.

          Mit Inlineskates auf der Suche nach Abenteuern

          An den Unfall kann sich Vincent Decher nicht mehr erinnern. Wohl aber an die Zeit in der Rehaklinik, in der er ein halbes Jahr verbrachte. Und er erinnert sich an seine gescheiterten Zeichenversuche. Daran, wie ihn dieses verdammte Nikolaushaus zum Verzweifeln brachte.

          Als er 15 Jahre alt war, bestand Vincents Leben aus der Suche nach Abenteuern. Mit seinem Zwillingsbruder fuhr er auf seinen Inlineskates zur Bahnstation in Karben. „Das, was wir da gemacht haben, war leichtsinnig, aber es hat zu uns gepasst“, sagt er heute. Die beiden Brüder warteten auf die hereinfahrenden S-Bahnen, krallten sich an den Türgriffen fest, ließen sich ein paar Meter mitziehen. Es ging gut. Einmal, zweimal, dreimal. Beim vierten Versuch verlor Vincent die Kontrolle über seine Skates, fiel vor den Augen seines Bruder zwischen Bahnsteig und S-Bahn.

          Erst Tage später wachte er im Krankenhaus auf. Sein Schädel war mehrfach gebrochen. „Glück im Unglück“, sagten die Ärzte. Für Vincent fühlte sich das nicht so an. Er, der eigentlich bei der deutschen Skateboard-Meisterschaft hätte starten sollen, fand sein Gleichgewicht im Leben nicht wieder. Bei dem Versuch, Fahrrad zu fahren, fiel er einfach um. „Erst da wurde mir bewusst, dass etwas bei mir nicht mehr richtig funktioniert. Dass es nicht ein einfacher Beinbruch ist, der wieder verheilt.“

          Lernen, was früher selbstverständlich war

          Der Schüler kam in die Rehaklinik Friedehorst nach Bremen. Dort musste er mühsam wieder lernen, was früher für ihn selbstverständlich gewesen war. Und dort traf er Barbara Benz. Die heute pensionierte Psychologin leitet gemeinsam mit Christian Fiebach, Professor für Neurowissenschaftliche Psychologie an der Uni Frankfurt, und der ebenfalls pensionierten Ärztin Annegret Ritz die Studie.

          Benz kann sich noch gut an jeden einzelnen Patienten erinnern. „Am Anfang dachte ich, ich zerbreche an der Arbeit“, sagt sie. Denn Kinder und Jugendliche zu therapieren, bei denen ein Unfall körperliche und manchmal auch geistige Einschränkungen hinterlassen habe, sei kräftezehrend gewesen. Manche Patienten hatten Probleme mit der Konzentration, der Erinnerung, der Sprache. Andere konnten ihre Emotionen nicht mehr kontrollieren. „Wir kannten die Kinder nicht, wie sie vor ihrem Unfall waren, das hat es leichter gemacht“, sagt Benz.

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