https://www.faz.net/-gzg-6w6fp

Schachspieler Aronjan : Ein Lebemann macht Ernst

Zug um Zug: Um die Schachkrone zu erringen, muss Aronjan noch manche Partie hinter sich bringen Bild: picture alliance / dpa

Erst das süße Leben, dann das Schachspiel: Lewon Aronjan will in die Fußstapfen großer Vorbilder wie Petrosjan und Kasparow treten - und bald Weltmeister werden.

          2 Min.

          Viele Jahre galt Lewon Aronjan als eine Art schlampiges Schachgenie. Sein außergewöhnliches Talent hatte der heute 29 Jahre alte Armenier, der gerade erst überraschend ein paar Partien in der Region - genauer: in Oberursel - gespielt hat, schon als Jugendspieler gezeigt, doch dann schien seine Karriere zu stagnieren. Aronjan erklärte diese Phase einmal mit seiner Zugehörigkeit zur „Kaukasischen Schachschule“: Deren Mitglieder hätten zwar Talent, schätzten aber auch das schöne Leben. Dass er selbst Sympathien für diese Einstellung empfindet, bestreitet Aronjan nicht. Aber Weltmeister kann man mit einer solch halbprofessionellen Attitüde nicht werden. Daher arbeitet Aronjan seit einigen Jahren ernsthaft an seinem Schach, und die Erfolge sind offensichtlich. Ende des Jahre wird er trotz schwankender Leistungen in den vergangenen Monaten in der Weltrangliste hinter dem mittlerweile 19 Jahre alten ehemaligen Wunderkind Magnus Carlsen Platz zwei einnehmen - und das vor dem ehemaligen russischen Weltmeister Wladimir Kramnik und dem Weltmeister aus Indien, Viswanathan „Vishy“ Anand. Anand hat zuletzt in mehreren Turnieren unter seinen Fähigkeiten gespielt. Inzwischen gilt Aronjan vielen Experten auf mittlere Sicht als der wichtigste Rivale Carlsens um die Schachkrone. „Er ist sehr talentiert“, sagt Aronjan lakonisch über seinen norwegischen Rivalen.

          In der Schachgeschichte gab es bislang zwei Weltmeister mit kaukasischen Wurzeln. Sowohl der Armenier Tigran Petrosjan, der zwischen 1963 und 1969 der „Schachkönig“ war, als auch der Halbarmenier Garry Kasparow (Weltmeister von 1985 bis 2000) erreichten die Spitze, weil sie sich vom süßen Leben fernhielten und allein auf Schach konzentrierten. Es ist nicht zuletzt Patriotismus, der Aronjan antreibt, es Petrosjan und Kasparow gleichzutun. „Die Weltmeisterschaft ist für mich weniger eine Ambition als eine Verpflichtung“, sagt er. „Armenien ist eine kleine Nation, in der Schach eine sehr bedeutende Rolle spielt. Es wäre unfair, wenn ich nicht versuchen würde, Weltmeister zu werden. Es wäre nicht so sehr für mich selbst.“

          Eine spielerische Liebe hat er sich bewahrt

          Der Weg zum Thron ist allerdings noch weit. Der 42 Jahre alte Anand wird im kommenden Frühjahr seinen Titel zunächst gegen den 43 Jahre alten Israeli Boris Gelfand verteidigen. Gegen Ende 2012 soll in einem Wettstreit von acht Kandidaten, zu denen Aronjan aller Wahrscheinlichkeit nach gehören wird, ein Herausforderer ermittelt werden, der im Jahr 2013 entweder gegen Anand oder gegen Gelfand um die Krone streiten soll. In den Vorjahren ist Aronjan mehrfach bei dem Versuch gescheitert, sich als Herausforderer des Weltmeisters zu qualifizieren. Nach eigenen Worten lässt ihn sein übertriebener Optimismus gelegentlich zu hohe Risiken eingehen. „Schach ist ein brutales Spiel“, fasst Aronjan zusammen. „Es geht darum, den Gegner dumm aussehen zu lassen.“

          Ein Sport für alle: Schach.

          Seit rund zehn Jahren lebt Aronjan in Deutschland. Derzeit spielt er für die Schachfreunde Berlin in der Bundesliga. Vorübergehend trat er auch für die deutsche Nationalmannschaft an, doch ließ er sich vom armenischen Schachbund überzeugen, sein Heimatland zu vertreten. Am Spitzenbrett führte er das armenische Team 2006 zum Gewinn der Schacholympiade und 2010 zum Sieg in der Mannschaftsweltmeisterschaft. Den Gewinn der Mannschaftseuropameisterschaft im Jahr 2011 verpasste Armenien in der letzten Runde durch eine Niederlage gegen das groß aufspielende deutsche Team, das völlig überraschend Titelträger wurde.

          Bei allen Erfolgen im harten Turnierwettkampf hat sich Aronjan eine spielerische Liebe zum Schach bewahrt. Es ist diese Liebe zu dem alten Brettspiel, verbunden mit persönlichen Freundschaften, die den Weltklassemann dieser Tage dazu bewegte, unentgeltlich am Weihnachtsturnier des Schachvereins Oberursel teilzunehmen - wo sich ihm außer dem deutschen Großmeister Klaus Bischoff fast ausschließlich Amateure entgegenstellten. Jeder andere Weltklassespieler hätte sich die Teilnahme an einer solchen Veranstaltung teuer bezahlen lassen, sofern er überhaupt bereit gewesen wäre, gegen Amateure anzutreten. Aronjan verlor zwar eine Partie, gewann das Turnier aber standesgemäß. Auf dem Weg zur Weltmeisterschaft wird er auf stärkeren Widerstand stoßen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Einer lernt noch schreiben, einer kann es schon.

          Corona und Gleichstellung : Wir erleben keinen Rückschritt

          Allerorten wird erzählt, durch Corona fielen die Geschlechter zurück in die fünfziger Jahre. Viele Familien erleben das gerade ganz anders. Die Erzählung vom Rückfall ist nicht nur für sie die falsche Geschichte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.