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Satirezeitschrift „Titanic“ : Es lebe der Witz!

Wider der inflationären Solidarität: „Titanic“-Chefredakteur Tim Wolff. Bild: Wonge Bergmann

Die Satiriker vom Frankfurter Magazin „Titanic“ wollen sich von niemanden beeindrucken lassen. Auch nicht von humorlosen Gotteskriegern. Ideen für das nächste Heft mit Schwerpunkt „Charlie Hebdo“ gibt es schon.

          2 Min.

          Das nächste „Titanic“-Heft ist schon in der Mache. Es erscheint am 30. Januar und wird sich mit dem Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ befassen. Nicht ausschließlich, aber sehr stark. Man habe schon einige Ideen entwickelt, berichtet Tim Wolff, der Chefredakteur.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als die Nachricht vom Terrorakt und vom Tod der Pariser Satiriker-Kollegen eintraf, war die „Titanic“-Redaktion wie die meisten in Deutschland schockiert über so viel Brutalität. Längst haben Wolff und seine Mitstreiter wieder ihren Humor gefunden. Komik, so sagt der Chef-Satiriker, sei zuallererst ein Mittel, dem Ernst des Lebens etwas entgegenzusetzen und im besten Fall seiner Herr zu werden.

          So manch gotteslästerlicher Witz

          Jetzt, nach Paris, ist die Lage bitterernst. Und deshalb macht die „Titanic“-Crew einen bitterernsten Witz auf die vielen Solidaritätskundgebungen, auf denen Leute mit dem Schild „Je suis Charlie – Ich bin Charlie“ herumlaufen. Sie haben Schilder gemacht mit dem Aufdruck „Je suis Tim“ oder „Je suis Birgit“. Solidarität, sagt Wolff, schlage, wenn sie inflationär werde, in Selbstbeweihräucherung um. Dann ist sie ein Fall für den Satiriker.

          Die „Titanic“ hat in den 35 Jahren ihres Bestehens schon manchen gotteslästerlichen Witz gemacht. 1987 etwa zeigte sie auf ihrem Titelbild einen ans Metallkreuz geschlagenen Jesus. Die Überschrift lautete: „Ich war eine Dose.“ Das fanden viele nicht lustig. Eine Anzeige stellten aber nicht die Bischöfe oder der Vatikan, vielmehr tat es die Blechindustrie. Ohne Erfolg allerdings. „In Deutschland kann man recht gut Satire machen“, sagt Wolff. Die notwendige juristische und politische Freiheit dafür sei gewährleistet.

          Hiesige Muslime kaum Thema

          Das hätte der Vatikan wissen können, als er im Sommer 2012 eine Unterlassungserklärung gegen ein Heft einreichte, auf dessen Titel unter der Überschrift „Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!“ Papst Benedikt XVI. in einer Soutane zeigte, die von Hüfthöhe abwärts mit gelber Flüssigkeit befleckt war. Weil das Magazin ohnehin schon ausgeliefert war, zog der Heilige Stuhl bald darauf seine Verfügung wieder zurück.

          Die „Titanic“ hat sich in ihrer Geschichte im Gegensatz zu „Charlie Hebdo“ freilich weitaus weniger auf Attacken auf Kirchen und Religion spezialisiert. Auch Scherze über fanatische Gotteskrieger und engstirnige Islamisten fand man im Frankfurter Satiremagazin nicht allzu häufig. Gewiss: Einmal lächelte Bin Ladin vom Titelblatt und zur Überschrift: „Kann er Schäuble stoppen?“ Und jüngst in der Oktober-Ausgabe sah man in Anspielung auf die 72 Jungfrauen im Paradies eine barbusige Kanzlerin über islamistischen Kalaschnikow-Kämpfer schweben und las dazu die Überschrift: „Merkel zerstört Islamischen Staat“. Doch die hiesigen Muslime sind kaum ein Thema für die Titanic.

          „Titanic“ ist ein Nischen-Produkt

          Satiriker machten sich lieber über die Mächtigen lustig als über die Schwachen, sagt Wolff. Und Einfluss hätten in Deutschland nun einmal eher die Christen als die Muslime, was man allein daran sehe, dass ein Bischof, aber kein Imam in der Kommission zur Suche einer Endlagerstätte für Atommüll sitze. Man freue sich in der „Titanic“-Redaktion aber schon auf den Zeitpunkt, da endlich ein deutscher Muslim wichtig und bedeutend werden und seine erste Dummheit begehe. Dann werde man ihn unverzüglich auf die Schippe nehmen.

          Viele Komik-Unkundige, ob nun Islamisten, Rassisten oder deutsche Durchschnittsjournalisten, begehen laut Wolff den Fehler, einen Witz auf seinen unkomischen Aussagekern herunterbrechen zu wollen. Dabei sei ein Witz einfach nur ein Witz. Ein platter oder ein kluger. Wer ihn nicht möge, solle ihn ertragen oder ignorieren. Vertreter des heiligen Ernstes begegneten der Komik allerdings stets mit Zorn. Und das sei auch ihr gutes Recht, sagt Chef-Satiriker Wolff. Zumindest, so lange sie es in Wort und Bild und nicht mit der Maschinenpistole täten.

          Dass Satire dem großen Publikum eher fremd ist, sieht man daran, dass die „Titanic“ mit ihrer Auflage von knapp 100.000 Exemplaren ein Nischen-Produkt für Kenner ist. Es bedarf, das räumt auch Wolff ein, schon einer gewissen „Titanic“-Sozialisation, um die Scherze in diesem Magazin zu verstehen. Islamisten jedenfalls lesen es nicht.

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