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Sarah Wiener in Bad Vilbel : Patin und Praktikantin

  • -Aktualisiert am

Schauen, was die Produzenten so tun: Sarah Wiener auf dem Dottenfelder Hof. Bild: Eilmes, Wolfgang

Zu Besuch in der Wetterau: Sarah Wiener wirbt für Genuss und die Züchtung neuen Weizens.

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          Wenn ihr etwas gefällt, sagt sie es, und wenn ihr etwas nicht passt, sagt sie es auch. Bei Thema Kochen ist sie eine leidenschaftliche Kämpferin für einen sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln. „Wir können die Welt nur mit Genuss retten“, sagt Sarah Wiener, und so lautet auch das Credo ihres neuen Buches, in dem die in Berlin lebende Österreicherin dafür plädiert, die Natur zu achten und das, was sie hervorbringt. Die Rettung der Welt findet für Sarah Wiener in der Küche statt. Und sie beginnt bei den Lebensmittelproduzenten, auf besonderen Bauernhöfen zum Beispiel. Der Dottenfelderhof bei Bad Vilbel-Gronau ist so ein spezieller Bauernhof.

          Seit Jahren besucht die mehrfache Restaurantbesitzerin und Unternehmerin, die als Quereinsteigerin in Koch-Gewerbe kam und über das Fernsehen bekannt wurde, das ehemalige Hofgut des Klosters Worms, das schon mehr als tausend Jahre landwirtschaftlich genutzt und seit 1968 von einer Betriebsgemeinschaft aus mehreren Familien biologisch-dynamisch bewirtschaftet wird. „Der Dotti“, wie der Betrieb in der Region liebevoll genannt wird, beheimatet auch eine gemeinnützige Landbauschule und eine eigene Züchtungs- und Forschungssparte. Mehr als 100 Menschen leben auf dem Hof, auf dem wissenschaftlich fundierter Pflanzenbau mit der biologisch-dynamischen Praxis und der Ausbildung verknüpft wird.

          Die Kühe haben alle einen Namen

          Sarah Wiener, die es versteht, mit ihrem heiteren Lachen das Bild der radikalen Unangepassten zu hegen, sagt, sie sei vom Dottenfelder Hof fasziniert. Als dort dieser Tage eine neue Saatguthalle eröffnet wurde, in der Getreide- und Gemüsesamen gelagert werden, istsie dabei. Und ergreift das Wort. Temperamentvoll und kämpferisch spricht sie sich gegen den Einsatz von Pestiziden und Fungiziden auf den Feldern aus, wettert gegen die Agroindustrie und verurteilt die Verstümmelung von Schweinen, Kühen und Hühnern in der Massentierhaltung. Gegen das Töten männlicher Küken aus wirtschaftlichen Gründen hat sie sich an anderer Stelle mehrfach ausgesprochen.

          Das alles geschieht auf dem Demeter-Hof vor den Toren Frankfurts selbstverständlich nicht. Weil die Tiere dort artgerecht gehalten werden, bekommen die Kühe, die alle einen Namen haben, nicht die Hörner gestutzt, werden Kälber mit den Muttertieren gehalten und trinken deren Milch. Zwei Wochen war Wiener auf dem Hof Praktikantin. Ihrer Gastgeberin Margarethe Hinterlang half sie beim Ausmisten und Melken im Kuhstall, zog los mit Schülern der Landbauschule, um Neues zu lernen über das aufmerksame Beobachten von Pflanzen und den Blättern etwa von Obstbäumen zur Diagnose etwa von Krankheiten.

          „Saatgut ist ein Kulturgut“

          Sie sei, erzählt Wiener auf dem Dottenfelder Hof, auch in die Wetterau gekommen, um wieder einmal Getreide wachsen zu sehen: Die Multi-Unternehmerin, die auch Backwaren produziert, lässt in der Wetterau eigenen Weizen züchten. Der Keim dafür wurde bei einem Besuch vor sechs Jahren gelegt, als sie den Getreidezüchter und -forscher Hartmut Spieß kennenlernte und eine Patenschaft für eine neue und gegen den Steinbrand widerständige Weizensorte übernahm. Bis der „Sarah Wiener-Weizen“, der zur Zeit auf Zuchtparzellen regelmäßig untersucht wird, als Saatgut auf den Markt kommt, wird noch einige Zeit vergehen. Zwölf Jahre habe es gedauert, seine letzten zwei Winterweizensorten zu entwickeln, berichtet Spieß, und dass es bis zu einer Million Euro koste, bis eine neue Sorte marktreif sei.

          „Saatgut ist ein Kulturgut“, sagt Wiener, und dass „keine Gentechnik erzeugen kann, was altbewährte Sorten an qualitativen Schätzen in sich bergen“. Der prominente Gast und seine Gastgeber in Bad Vilbel sehen diese Zukunft durch Patente auf Gene, eine zunehmende Abhängigkeit von großen Saatgutkonzernen, den Verlust der Artenvielfalt und nicht zuletzt durch „die Gleichgültigkeit der Politik gegenüber dieser Entwicklung bedroht“. Dass der Saatgut-Produzent Monsanto jetzt angekündigt hat, den Kampf für die Gentechnik in Europa aufzugeben, ist ein Etappensieg, vielleicht. Dass Wiener wieder in die Wetterau kommt, sei sicher, sagt sie; immerhin hat ihr Weizen erst die Hälfte hinter sich auf dem Weg zu seiner Verbreitung.

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