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Interview mit Sarah Sorge : „Fairplay wird missachtet“

Gelöst: Nicht immer war Sarah Sorge so entspannt wie hier im Beteiligungsverfahren zum Schulentwicklungsplan. Bild: Michael Kretzer

Die Grünen-Politikerin hält ihre Abwahl für sachlich unbegründet. Sie verweist auf den Ausbau von Kinderbetreuung und Gymnasien. Und sie sieht eine Parallele zu Roland Koch.

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          Wie haben Sie den Mittwochabend verbracht?

          Ich habe in meinem Büro gearbeitet.

          Sie hatten kein Interesse, an der Plenarsitzung im Römer teilzunehmen, bei der Sie und Ihr Parteifreund Olaf Cunitz als Dezernenten abgewählt wurden?

          Bei der Aussprache vor der Abstimmung hätte ich sowieso nicht anwesend sein dürfen. Es war ja absehbar, was passiert, und ich glaube, dass alle Welt dafür Verständnis hat, dass Olaf Cunitz und ich uns das nicht antun wollten.

          Haben Sie damit gerechnet, dass Sie nach der Kommunalwahl Ihr Amt verlieren

          Nein. Selbstverständlich haben die Grünen gewusst, dass es schwer wird, das Fukushima-Ergebnis zu wiederholen. Aber mit Verlusten in dieser Dimension haben wir nicht gerechnet.

          Immerhin bleibt Ihre Partei in der nun um die SPD erweiterten Koalition. Zwei Grünen-Dezernenten bleiben, zwei müssen gehen. Haben Sie erwartet, dass es Sie treffen würde?

          Nein, damit habe ich nicht gerechnet, bis zum Schluss nicht.

          Trotz der Kritik, die es an Ihnen gab?

          Bildungspolitik zu gestalten in einer dichtbesiedelten und so extrem wachsenden Stadt, in Konkurrenz mit anderen Aufgaben wie Wohnungsbau und Flüchtlingsunterbringung ist eine schwierige Aufgabe. Da stehen die vielen kleinen Schritte, die man machen muss, um Dinge zu verbessern, den berechtigten Ansprüchen der Eltern gegenüber. Es ist eine Frage der Sichtweise, ob man dann die kleinen und größeren Erfolge sieht oder den Blick auf das Defizit lenkt. Um ein Beispiel zu nennen: Ich weiß, wie dringend die Eltern von Grundschülern Betreuungsplätze für den Nachmittag brauchen. Aber in Frankfurt gibt es nun einmal an vielen Schulen und auch im Umfeld wenig Platz. Dadurch dauert der Ausbau.

          Hätten Sie früher auf den steigenden Bedarf reagieren müssen?

          Meine Vorgängerin und ich haben schon sehr früh reagiert. Wenn Sie sich in Hessen umgucken, gibt es keine andere Kommune, die in diesen Dimensionen Plätze für Grundschulkinder anbietet. Die einzelnen Eltern sehen natürlich immer nur ihre Situation und mich in der Pflicht, hier sofort Abhilfe zu schaffen, und schieben mir die Verantwortung zu.

          Wem kann man sie sonst zuschieben?

          Weite Teile der Politik, und dazu gehören die Grünen nicht, haben Ganztagsbetreuung für Grundschüler lange Zeit für unnötig gehalten. Es gab da noch die Vorstellung, dass Mutti ab ein Uhr zu Hause ist. Das ging an der gesellschaftlichen Realität vorbei. In Hessen hat sich das erst mit dem Inkrafttreten der schwarz-grünen Landesregierung geändert.

          Auch beim Ausbau der weiterführenden Schulen, insbesondere der Gymnasien, ist die Stadt den Schülerzahlen nicht hinterhergekommen. Woran lag das?

          Das Land hat unseren Bedarf lange nicht anerkannt. Das Gymnasium Riedberg wurde zum Beispiel zunächst nicht genehmigt. Es hat gedauert, bis ich dem Land begreiflich machen konnte, dass das Wachstum in Frankfurt ein besonderes ist und deshalb auch besonders darauf reagiert werden muss. Abgesehen davon, ist es sehr schwer, das Wahlverhalten der Eltern vorauszuberechnen. Sie können nur eine neue Schule planen und beim Land beantragen, wenn der Bedarf nachgewiesen werden kann - dann ist es in vielen Fällen eigentlich zu spät.

          Aktuell beschäftigt viele Familien, dass ihre Kinder keinen Platz auf der gewünschten weiterführenden Schule bekommen haben und nun quer durch die Stadt zu einer zugewiesenen Schule fahren müssen. Hat die Stadt in der Schulentwicklungsplanung versagt?

          Im vergangenen Jahr hatten wir zu wenige Gymnasialplätze, das war tatsächlich eine Katastrophe für die betroffenen Kinder und ihre Eltern. Wir haben aber sehr schnell reagiert und Abhilfe geschaffen. Zum neuen Schuljahr eröffnen das Gymnasium Nord und die IGS Süd, die etliche Kinder mit Gymnasialempfehlung aufnimmt. Das muss erst einmal jemand nachmachen, in so einer Dimension neue Schulen an den Start zu bringen. Außerdem ist es uns gelungen, durch eine bessere Beratung der Eltern die Gymnasialquote von 56 auf 52 Prozent zu senken. Damit ist das Angebot der Gymnasien zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder größer als die Nachfrage. Zudem gibt es beliebte und weniger beliebte Schulen. Das hat nicht nur mit dem Standort zu tun. Hier müssen wir gemeinsam mit dem Land dafür sorgen, dass alle Schulen von den Eltern angenommen werden.

          Wie ist es zu erklären, dass die Stadt in Niederrad eine Kooperative Gesamtschule plant, die Eröffnung dann aber kurzfristig absagt?

          Diese Entscheidung wurde vom Staatlichen Schulamt getroffen, nicht von mir. Dennoch trage ich sie mit. Die Zahl der Erstanmeldungen hat nicht ausgereicht, um einen geregelten Schulstart an der KGS möglich zu machen. Und über die Schülerlenkung, also die Verteilung von nicht erfüllten Schulwünschen, die KGS zu füllen, dazu hat sich das Staatliche Schulamt nicht in der Lage gesehen.

          Hat sich das Scheitern der KGS nicht abgezeichnet?

          Es war vorausschauend, die KGS zu planen. Hätten wir wie letztes Jahr eine Übergangsquote auf die Gymnasien von 56 Prozent gehabt, hätten wir sie gebraucht. Und in der Aufschiebung der Schulgründung liegt ja auch eine Chance. Nämlich die, noch einmal über das Konzept und die passende Schulform zu beraten.

          Sie hielten eine Integrierte Gesamtschule in Niederrad für besser?

          Im Beteiligungsverfahren zum Schulentwicklungsplan wurde nahezu einhellig eine IGS als passende Schulform angesehen. Und wir haben aktuell ja bei der IGS Süd gesehen, wie gut hier die Anwahl-Situation war.

          Sie haben jüngst abermals kritisiert, dass in Schul-Debatten oft ein rauher Umgangston herrsche. Was haben Sie damit gemeint?

          Das beginnt bei Pressemitteilungen der Opposition, in denen ich als peinlich oder unfähig bezeichnet werde, und es endet damit, dass Sechsjährige auf die Straße geschickt werden mit Plakaten, auf denen - wahrscheinlich haben die Eltern sie gemalt - FCK SRG steht.

          … was für „Fuck Sorge“ stehen soll …

          Auch die vielen Wortspiele mit meinem Namen waren unter der Gürtellinie, zum Beispiel „Die Sorge macht uns krank“ oder jetzt: „Eine Sorge weniger“. Insgesamt ist aus meiner Sicht zu beobachten, dass bei gesellschaftlichen Debatten die Gesetze des Fairplay zunehmend missachtet werden.

          In der eigenen Partei hatten Sie nicht immer Rückhalt. Es gab da einen Vorfall in einem Ortsbeirat, bei dem Sie von einem Parteifreund wegen angeblich arroganten Verhaltens gegenüber Eltern zurechtgewiesen wurden.

          Ich habe das als unsolidarisch von dem grünen Ortsbeirat empfunden, und natürlich hat das die öffentliche Wahrnehmung meiner Arbeit beeinflusst. Statt der Schlagzeile „30 Bockenheimer Kinder bekommen einen Hortplatz“, wie die eine Zeitung titelte, hat sich „Sorge stößt Eltern vor den Kopf“ einer anderen Zeitung eingeprägt. Das hat mich als Dezernentin, die sich sehr für mehr Betreuungsplätze eingesetzt hat, geschwächt und war auch für das Wahlergebnis der Grünen nicht unbedingt förderlich.

          Sehen Sie sich als Sündenbock?

          Natürlich bin ich enttäuscht, dass meine Partei das von der SPD gezeichnete Bild von mir teilweise übernommen und damit dafür gesorgt hat, dass es sich in der Öffentlichkeit durchsetzt. Und auch darüber, dass die Grünen sich von der SPD derart in ihr Personaltableau hereinreden lassen. So etwas gab es in Hessen zuletzt unter Roland Koch.

          Wie meinen Sie das?

          Na ja, dass eine Partei die politische Zusammenarbeit daran knüpft, dass sich die andere Partei von einem wichtigen Akteur trennt. Sachlich begründet ist das nicht: Im Koalitionsvertrag stehen lauter Dinge, die ich in den letzten Jahren vorangebracht habe. Dasselbe gilt übrigens für Olaf Cunitz im Planungs- und Wohnungsbaubereich.

          Werden Sie bei der Stadtverordnetensitzung am 14. Juli, in der Sylvia Weber zur neuen Bildungsdezernentin gewählt werden soll, anwesend sein?

          Voraussichtlich nicht.

          Was halten Sie von Ihrer designierten Nachfolgerin?

          Als Oppositionspolitikerin ist sie dadurch aufgefallen, dass sie unseriös argumentiert hat. Bei der Europäischen Schule hat sie kritisiert, dass der Erweiterungsbau Luxus sei, und als für das Gymnasium Nord ein baugleiches Gebäude geplant wurde, hat sie es als Holzschuppen bezeichnet. Oder, dass sie meine frühe Festlegung auf ein neues Gymnasium kritisiert hat und mich später dafür angegriffen hat, dass ich nicht mehr Gymnasialplätze geschaffen habe.

          Was würden Sie ihr wünschen?

          Dass die Opposition und die Stadtgesellschaft fair mit ihr umgehen. Ich wünsche ihr, dass gesehen wird, dass die Probleme komplex sind und dass die Leute nicht mit FCK-WBR-Plakaten über die Straße rennen, wenn sie nicht nach den Sommerferien in jeder Grundschule jedem Kind ein Betreuungsplatz bieten kann.

          Die Fragen stellte Matthias Trautsch.

          Zur Person Bis zu ihrer Abwahl hat die gebürtige Frankfurterin Sarah Sorge eine makellose politische Karriere hingelegt. Seit 1993, also knapp die Hälfte ihres Lebens ist sie Mitglied der Grünen, zweimal war sie Sprecherin des Frankfurter Kreisverbands. In den Hessischen Landtag zog sie 2001 ein, dort profilierte sie sich vor allem in der Hoschulpolitik. 2012 wurde sie in Frankfurt Stadträtin für Bildung und Frauen und trat damit das Erbe ihrer Parteifreundin Jutta Ebeling an, die 23 Jahre für Schulen und Kitas verantwortlich gewesen war. (trau.)

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