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„4.48 Psychose“ in Frankfurt : Kinder der Verneinung

Mit Hightech ins Auge der Psychose schauen: Sarah-Kane-Stück bei den Thementagen „Digitale Welten“ Bild: Edi Szekely

Die Projektions-Gaze wird abgerissen. Die Schauspieler sind frei. Die Zuschauer auch: Der Schauspiel Dortmund zeigt Sarah Kanes „4.48 Psychose“ in Frankfurt.

          Sie tragen alle ihre Päckchen. Lucas Pleß, Informatiker und Softwareentwickler, hat die Kästchen mit den Mikro-Controllern konstruiert, Kostümbildnerin Mona Ulrich hat sie den drei punkig zugerichteten Schaupielern auf den Rücken geschnallt. Björn Gabriel, Uwe Rohbeck und Merle Wasmuth sind als „Mensch-Maschine-Knoten“ verkabelt mit sechs Mitstreitern am Schaltpult hinter dem Publikum. Gemeinsam versuchen sie, mit drei Puls-Oxymetern, vier Beamern, 13 Boxen, fünf Kameras, drei Microports, mit Scheinwerfern, Sensoren, Temperaturfühlern und Computern einen Resonanzkörper für die Poesie der britischen Dramatikerin Sarah Kane zu bilden. Anders gesagt: das depressive und psychotische Bewusstsein für nicht-psychotische Theaterbesucher visuell und akustisch erfahrbar zu machen.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das gelang ihnen nur zu gut. Das Frankfurter Schauspiel, wo das Studio des Dortmunder Schauspiels im Kontext der Thementage „Digitale Welten“ mit Kanes Stück „4.48 Psychose“ gastierte, hatte wohlweislich Ohrstöpsel an die Zuschauer ausgegeben. Blendschutzbrillen wären auch eine gute Idee gewesen. Denn immer wieder gleißen drei Leuchtstoffröhren auf, begleitet von einem Höllenlärm. Aber auch die medizinischen Daten, die über einen mit schwarzer Gaze bespannten Kubus von Bühnenbildner Jan Brandt und Regisseur Kay Voges flimmern, strapazieren die Nervenzellen nahezu unerträglich. Die Zuschauer, in vier Blöcken um den Kubus auf der Bühne des Schauspielhauses platziert, können sich der Krankheit nicht entziehen. Sie nehmen teil am permanenten Feuern der Neuronen wie am lähmenden Serotonin-Tiefstand.

          Sarah Kane hat ihren hochpoetischen Text 1999 im Angesicht des Todes verfasst: Kurz darauf nahm sie sich in einer Londoner Klinik, wo sie wegen schwerer Depressionen behandelt wurde, mit 28 Jahren das Leben. Der Titel des Stücks bezieht sich auf den morgendlichen Zeitpunkt von vier Uhr und 48 Minuten. Da ließ die Wirkung der Medikamente nach, und bis sechs Uhr war die Autorin bei klarem Bewusstsein, das sie zwar vom Wahn kaum unterscheiden konnte, aber dennoch zum Schreiben nutzte. Ihr Stück gleicht einer Sektion von Körper und Geist, Herzmuskel und Seele, einer Bestandsaufnahme des kranken Ichs. Neben den Monologen und Dialogen der drei Schauspieler in dem durchsichtigen, hermetisch abgeriegelten Kubus-Ich streamt Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz immer wieder Passagen aus dem englischen Originaltext ein.

          Regisseur Kay Voges hat mit den Softwareingenieuren Stefan Kögl und Lucas Pleß vom Dortmunder Hackerspace-Chaostreff die Körpersignale der Schauspieler in Sound- und Lichtsignale verwandelt. Aber was die Akteure - mal aus der Perspektive des Arztes, mal aus der des Patienten - zu sagen haben, ist allemal interessanter - und erschütternd: „Was bin ich denn? Ein Kind der Verneinung.“ Kindheitserinnerungen ans Ski- und Schlittenfahren flimmern in schwarzweiß über die Projektionsfläche: „Schnee und schwarze Verzweiflung.“ Isoldes Sterbegesang passt zu der Erfahrung des emotionalen Totalverlustes durch Neuroleptika oder Depression: „Nur meine Liebe lasst mir.“ Oder des Verlassenseins: „Gemacht, einsam zu sein.“ Kein Wunder, dass sich die Patientin den Arm aufritzt, um dem inneren Druck zu entkommen.

          Der Arm ist verbunden, aber Blut rinnt von der Stirn. Der Arzt könne sie ja wenigstens fragen, warum sie das getan hat, anstatt nur anhand von Büchern und Erfahrungen zu diagnostizieren: „Unergründliche Ärzte, alle stellen dieselbe Frage.“ Das Stück ist auch ein Plädoyer für das individuelle Erleben des Patienten, der sich von denen, die ihm helfen wollen, gar nicht verstanden, sondern eher bedroht fühlt. Zuletzt nimmt die Verzweiflung überhand, die totale Beschleunigung ergreift alle technischen Effekte, dann liest man auf dem Kubus nur noch „No data“. Das „Lacrimosa“ aus Mozarts „Requiem“ begleitet den geradlinigen EKG-Befund. Der Exitus ist der schönste Teil dieses Vanitas-Abgesangs. Die Projektions-Gaze wird abgerissen. Die Schauspieler sind frei. Die Zuschauer auch. Weiße Lilien, ganz ohne Kabel, erinnern an die Autorin.

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