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Frankfurter Leonhardskirche : Die ewige Baustelle

Trister Empfang: Die Tür von St. Leonhard lädt nicht zum Besuch ein. Bild: Jana Mai

Seit 2011 versucht die Stadt Frankfurt, den Innenraum der fast 800 Jahre alten Leonhardskirche zu sanieren. Doch immer wieder stocken die Arbeiten. Das mehr als zehn Millionen Euro teure Projekt wird allmählich zum Problem für den Kirchendezernenten.

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          Die Nachricht stammt aus einer anderen Zeit. „Kirche überfüllt“, steht auf einem Holzschild, das an der Leonhardskirche lehnt. Doch überfüllt kann das katholische Gotteshaus in der Nähe des Mainufers schon lange nicht mehr gewesen sein. Denn seit 2011 wird die spätromanische Kirche aus dem Jahr 1219 saniert. Die Wirklichkeit rund um das Gebäude sieht so aus: An der Nordseite steht ein mit Parolen beschmierter Bauzaun, im Innenhof stapeln sich Steine und Paletten, an der Fassade klebt eine dunkle Plastikfolie, und zwischen den Platten vor dem Westportal wuchern Disteln.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Lange schon sind die Gemeindemitglieder verärgert, dass die Arbeiten dermaßen lange dauern. Seit 2011 haben sie kein Gotteshaus mehr, und ohne ein Zentrum, ohne einen Treffpunkt, zerfällt jede Gemeinschaft irgendwann. Damals seien zwei bis drei Jahre Sanierung angekündigt worden, heißt es in einem gerade bekanntgewordenen Beschwerdebrief des kirchlichen Ortsausschusses. Nach der jüngst angekündigten abermaligen Verzögerung, die „unbegreiflich“ sei, „ist uns, gelinde gesagt und etwas volkstümlich ausgedrückt, der Kragen geplatzt“.

          Sieben Millionen Euro an Kosten

          Gekommen, um das Unbegreifliche zu erklären, sind an diesem Vormittag drei Herren. Kirchendezernent Uwe Becker ist der Bauherr des Sanierungsprojekts. Das liegt daran, dass die Stadt laut einem Vertrag von 1830 für die Instandhaltung von acht Dotationskirchen im Stadtgebiet verantwortlich ist, zu denen auch St. Leonhard zählt; etwa sieben Millionen Euro lässt sich Frankfurt diese Pflicht jedes Jahr kosten. Erschienen ist auch Gerhard Altmeyer vom Amt für Bau und Immobilien, dessen Behörde noch unter dem Namen Hochbauamt vor gut sieben Jahren die Projektleitung übernommen hat. Mit dabei ist außerdem Burkhard Margraf, der an diesem Vormittag den erkrankten Dombaumeister vertritt und das Projekt im Detail kennt.

          Becker holt weit aus. Sein Ziel während der etwa einstündigen Besichtigung wird sein, die Arbeiten als ebenso wichtig wie hochkomplex zu beschreiben. Nach und nach wird er dreierlei beteuern: „Wir hätten uns einen anderen Verlauf gewünscht“ – „Ich habe Verständnis für die wachsende Ungeduld der Gemeindemitglieder“ – „Hier wird mit hoher Energie gearbeitet.

          Kulturgeschichte der Stadt

          Die Leonhardskirche sei etwas Besonderes, „eine Wegmarke auf den Pilgerstrecken und Kreuzzügen und ein Teil des Jakobswegs“, sagt der Dezernent. „Sie ist ein Stück weit Kulturgeschichte der Stadt und ein Stück weit Identität.“ Als einzige Dotationskirche sei St. Leonhard im Zweiten Weltkrieg nicht schwer beschädigt worden. „Ein kleines Feuer im westlichen Dachstuhl wurde von zwei mutigen Schwestern gelöscht“, berichtet der CDU-Politiker, der sich die Arbeiten in der Kirche viele Male angeschaut hat. Meistens war kurz davor wieder etwas schiefgegangen.

          In der Nordhalle von St. Leonhard liegen Balken und Kabel. Gestapelt sind Säcke mit Zement und mineralischem Dämmputz. Es riecht nach Staub. Becker leuchtet mit der Lampe seines Smartphones in eine Art Kellerloch. Links unten ist ein Stein zu erkennen, der sich während der Arbeiten als romanischer Altar erwies und dessen Existenz bis dato unbekannt war.

          In der Heilig-Grab-Kapelle liegt eine Holzschalung auf dem Boden. Mit deren Hilfe wurde ein maroder Sturz in der Wand wiederhergerichtet. In der Decke klafft ein dunkler Riss. Auf ein noch nicht restauriertes Gemälde ist eine Makulatur, eine dünne Schutztapete, gelegt. Daran klebt ein Zettel. Auf dem steht: „Achtung, Wandmalerei! 532 Jahre alt – Wer hier was anlehnt, wird erschossen (oder muss einen Kaffee ausgeben).“

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