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Großbaustelle Mathildenhöhe : Mit Ehrfurcht vor dem Alten und Mut zum Neuen

Entkernt: eine der vier Ausstellungshallen auf der Mathildenhöhe Bild: Marcus Kaufhold

Noch ist das Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe eine Großbaustelle. Aber die Handschrift der Architekten und Denkmalpfleger lässt sich schon erkennen. Und 2020 wird ein Schatz präsentiert.

          Mit den Prognosen über die Kosten und die Dauer der Sanierung der Ausstellungshallen auf der Mathildenhöhe ist es so eine Sache. Denn das Vorhaben dehnt und streckt sich, seit Jochen Partsch nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister 2011 die ursprünglich für den Erwerb des historischen Kollegiengebäudes angesparte Summe umwidmete für die Sanierung des größten Bauwerks, das Joseph Maria Olbrich als Chef der Darmstädter Künstlerkolonie der Stadt hinterlassen hat: das Ausstellungsgebäude von 1908 mit dem zur gleichen Zeit fertiggestellten Hochzeitsturm. 2011 befanden sich im Topf für den Erwerb des Kollegiengebäudes als neues Rathaus 9,2 Millionen Euro.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Es stellte sich bald heraus, dass diese Summe nicht ausreichte für die Modernisierung des Wahrzeichens der Stadt. 2016 schossen die Stadtverordneten deshalb einige Millionen nach, um die inzwischen auf 17,1 Millionen Euro geschätzten Sanierungskosten zu decken. Diese Woche nannte Partsch, als er über Darmstadts bedeutendste kulturhistorische Baustelle führte und über den Stand der Arbeiten informierte, als aktuelle Zahl: 22 Millionen Euro. Außerdem teilte er drei wichtige Daten mit: Bauende 2019, Probelauf Anfang 2020, erste große Ausstellung Mitte 2020.

          Besuchermagnet mit einem geheimnisvollen Ort

          Während dieser Ankündigung schauten die erfreuten Besucher auf einen von vorne bis hinten aufgerissenen Baukörper, der einen unwillkürlich an den früheren Leiter des Instituts Mathildenhöhe denken ließ: Ralf Beil hatte Anfang 2014 versichert, die Ausstellungshallen würden „im Herbst 2016“ wiedereröffnet.

          Obwohl die Mathildenhöhe ein Besuchermagnet der Stadt ist: Sein mächtigstes Jugendstil-Bauwerk mutierte in den vergangenen Jahren zu einem geheimnisvollen Ort, weil außer den Mitarbeitern des beauftragten Frankfurter Architekturbüros Schneider und Schumacher, den Handwerkern, einigen städtischen Mitarbeitern und den Mitgliedern des Advisory Board niemand Zugang hatte zu Olbrichs „Gebäude für Freie Kunst“. Am 23. Mai 1908 war es mit der „Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst“ eröffnet worden, eine Art Bauausstellung von Darmstadts letztem Großherzog Ernst Ludwig. Bis zur beträchtlichen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg dienten die Hallen weiter als Ausstellungsflächen. Dann folgten provisorische Instandsetzungsarbeiten, Umbauten und vorübergehende Nutzungsänderungen. So tagten nach 1945 Magistrat und Stadtverordnetenversammlung im ehemaligen Rosenhof.

          Beispiel für die Komplexität der Sanierung

          Der Rosenhof ist ein anschauliches Beispiel für die Komplexität der Sanierung, mit der Projektleiterin Astrid Wuttke vom Büro Schneider und Schumacher zu tun hat. Das, was dem Publikum als Ausstellungshalle 4 bekannt ist, hatte Olbrich als einen nach oben offenen Hof gestaltet mit freiem Balkonaustritt. Dort flanierte das Publikum und atmete frische Luft. Nach dem Krieg wurde der Rosenhof durch ein Flachdach mit Mitteloberlicht geschlossen, damit die Stadtverordneten in der kriegszerstörten Stadt einen Tagungsraum hatten. 1976, als sich die Politik zu einer umfassenderen Renovierung des Gebäudes entschloss, erhielt der Hof ein Sägezahndach (Nordlichtsheds) und diente fortan als Halle 4. Diese Stahlkonstruktion hat der Qualitätsüberprüfung durch das Architekturbüro standgehalten und soll deshalb erhalten bleiben, obwohl sie nicht von Olbrich stammt.

          Zur Vorsicht eingerüstet: der Treppenpavillon

          Was womöglich wie eine Petitesse klingt, ist von weitreichender Bedeutung. Das Jugendstilensemble Mathildenhöhe wurde von der Kultusministerkonferenz auf die Tentativliste für die Unesco-Welterbestätten gesetzt. Die Stadt befindet sich in der heißen Antragsphase, die gesamten Bewerbungsunterlagen sollen bei der Weltkultur-Organisation 2019 abgegeben werden. Ein ausschlaggebender Aspekte wird für die Unesco der denkmalpflegerische Umgang mit der möglichen Welterbestätte sein. Mit Blick auf das Ausstellungsgebäude heißt dies vor allem: Wie geht die Stadt mit den historischen Zeitschichten um? Müssen die Dachaufbauten wieder verschwinden, und muss alles so angepasst werden, wie es Olbrich ursprünglich geplant hatte? Oder haben die späteren An- und Umbauten eine eigene historische Relevanz, sind also als wichtige Zeitschichten einzustufen?

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