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Hessen in Salzburg : Das Festival-Experiment

Auf Abstand: Tanja Ariane Baumgartner (vorne) verkörpert bei den Salzburger Festspielen die Klytämnestra in der Strauss-Oper „Elektra“. Bild: EPA

Auch zwei hessische Opernstars treten bei den Salzburger Festspielen auf: Tanja Ariane Baumgartner und Johannes Martin Kränzle über Proben unter Corona-Bedingungen und andere Erfahrungen.

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          Die „Tagebücher“, die sie jetzt führen müssten, „könnten eine interessante Lektüre werden“, scherzt Tanja Ariane Baumgartner. Denn schließlich müssten darin nicht nur die Körpertemperatur oder gegebenenfalls Krankheitssymptome eingetragen werden, sondern auch die Namen jener, mit denen man länger als 15 Minuten in einem Abstand von weniger als anderthalb Metern Kontakt hatte.

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Frankfurter Opernsängerin, die von Samstag an bei den Salzburger Festspielen als Klytämnestra in der Oper „Elektra“ von Richard Strauss in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski auf der Bühne steht, findet das Sicherheitskonzept, durch das die 1920 gegründeten Festspiele im Jubiläumsjahr, trotz der Corona-Pandemie, mit verkürztem und verändertem Programm stattfinden können, aber ausgezeichnet. Für sie sei es nicht ungewohnt, vor und während einer Auftrittsserie die Kontakte auf ein Minimum zu beschränken und auf alle Hygienestandards zu achten. Denn als Sängerin müsse sie ohnehin schon versuchen, jeden grippalen Infekt zu vermeiden.

          Mit Johannes Martin Kränzle, dem langjährigen Ensemblekollegen, der als weiterer Opernstar aus Frankfurt in Salzburg engagiert ist, hat sich die Mezzosopranistin immerhin schon einmal zum Essen getroffen, „vorsichtig und draußen“. Das war erlaubt, denn die Sänger zählen im Salzburger Ampelsystem zur „Gruppe Rot“, die am häufigsten getestet wird, damit sie auf der Bühne ohne Abstände voneinander interagieren können. Zur „Gruppe Orange“ zählten etwa die Ankleider und Maskenbildner, die bei der Arbeit immer einen Mundschutz tragen müssten.

          Es werde außerdem dauernd geputzt und belüftet. Durch viele weitere Regelungen seien relativ normale, wenn auch verkürzte Proben möglich geworden, freut sich Baumgartner. Die Wiener Philharmoniker, die besonders viel getestet werden, können so in dem etwa 100 Minuten dauernden Einakter „Elektra“ in großer Besetzung mit fast 120 Musikern spielen. Zudem dürfen in Salzburg schon bis zu 1000 Besucher in das 2200 Plätze bietende Große Festspielhaus eingelassen werden. In der Felsenreitschule sitzen die Zuschauer ebenfalls nicht mehr in so großen Abständen wie derzeit noch in den meisten Sälen in Deutschland.

          Gekürzt und ohne Pause

          Kränzle findet das Sicherheitskonzept ebenfalls sehr gut und hofft, dass das „Experiment“ glückt und das Ganze als Vorbild für andere Länder dienen könne. Schließlich schaue jetzt die ganze Musikwelt auf das Festival, und viele Aufführungen würden live oder zeitversetzt im Radio oder Fernsehen übertragen. Kränzle wirkt ebenfalls an einer Neuinszenierung mit, wobei ihm Rolle, Stück und Regisseur bestens vertraut sind: Schon vor zwölf Jahren stand er als Don Alfonso in Mozarts „Così fan tutte“ unter Christof Loys Regie in der Oper Frankfurt auf der Bühne, in der extrem reduktiven, ganz auf die Personen konzentrierten Kult-Inszenierung.

          Natürlich habe Loy seine Sicht weiterentwickelt, aber vom Grundansatz her sei doch manches ähnlich, verrät der zu den Frankfurter Publikumslieblingen zählende, inzwischen freischaffend tätige Bariton. Es werde nun allerdings eine stark gekürzte Fassung ohne Pause mit einer Dauer von nur etwas mehr als zwei Stunden gespielt. Die musikalische Leitung liegt dabei in den Händen von Joana Mallwitz, die schon mehrfach in der Oper Frankfurt zu Gast war und hier noch kurz vor dem Lockdown mit „Salome“ von Strauss in Barrie Koskys ungewöhnlicher Inszenierung einen großen Erfolg feierte.

          Bewährt: Johannes Martin Kränzle als Don Alfonso

          Kränzle und Baumgartner sind sich bewusst, dass sie zu den „Privilegierten“ zählen, die jetzt schon wieder an Opernproduktionen mitwirken können, wie sie sagen. Vielen anderen und gerade freischaffenden Opernsängern sei es übel ergangen. Sie kenne eine Kollegin, die jetzt im Supermarkt jobbe, sagt Baumgartner. Viele überlegten sogar schon, ob sie sich beruflich ganz neu orientieren sollten. Baumgartner selbst ist durch die Pandemie eine große Aufführungsserie in Chicago weggebrochen: Sie probte dort gerade an einer Neuproduktion der „Götterdämmerung“, an die sich Aufführungen der kompletten Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner anschließen sollten, als die Meldung kam, dass Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern abgesagt würden. Viele Kollegen hätten damit die Arbeit verloren, die sie bis zum Jahresende ernähren sollte. Auch künstlerisch sei das so enttäuschend gewesen, dass Tränen geflossen seien.

          Die Krise als Chance sehen

          Sie sei dann nach Frankfurt zurückgekehrt, habe sich dennoch auf ihre Salzburger Rolle vorbereitet, ihre Studenten von der Berner Hochschule online unterrichtet und ansonsten viel Zeit in ihrer Wohnung in Sachsenhausen verbracht. Die Spaziergänge am Main, ihren Balkon, das Kochen – all das und die Entschleunigung habe sie, nach zehn Jahren ohne Urlaub, durchaus genossen. Kränzle berichtet ebenfalls, dass es schön gewesen sei, einmal so viel Zeit mit seiner Frau zu Hause im Ostend verbringen zu können. Er habe wieder verstärkt Russisch gelernt und außerdem für eine befreundete Sängerin einen kleinen Zyklus von Goethe-Liedern komponiert.

          Auf seiner Homepage veröffentlichte Kränzle zudem eine Liste von Theatern, die in vorbildlicher Weise Ausfallgagen zahlten. „Die Oper Frankfurt fehlt da bis heute“, stellt er fest. Ärgerlich finde er vor allem, dass ein Brief, den er zu diesem Thema an die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig geschrieben habe, bis jetzt unbeantwortet geblieben sei. Baumgartner, die durch ihr festes Engagement am Haus finanziell etwas abgesichert ist, hofft nun, dass der Einschnitt durch die Pandemie dazu genutzt werde, die entsprechenden Ausfall-Regelungen in den Verträgen der Gastsänger und „überhaupt einiges neu zu ordnen“. Insofern könne die Krise auch als Chance gesehen werden.

          Die Produktionen mit Baumgartner und Kränzle werden von Arte im Fernsehen gezeigt: „Elektra“ am Samstag (1. August) von 20.30 Uhr an, „Così fan tutte“ am Sonntag (2. August) von 17 Uhr an.

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