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Salafisten und Flüchtlinge : Behörden sind wachsam

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Gezieltes Anwerben: Ein Mann verdeckt sein Gesicht bei einer Koran-Verteilaktion in Frankfurt (Archivbild). Bild: dpa

Anhänger des Salafismus versuchen laut hessischem Verfassungsschutz, gezielt Flüchtlinge anzuwerben. Viele der ankommenden Menschen seien jung und unerfahren. Eine Rolle spiele allerdings auch deren kritische Situation.

          Ist es ein Rekrutierungsversuch radikaler Islamisten, als Flüchtlingshilfe getarnt? Laut hessischem Verfassungsschutz „rufen salafistische Akteure in sozialen Netzwerken gezielt zur Missionierung von Flüchtlingen auf und erteilen konkrete Handlungsempfehlungen“. Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamts (LKA) werden neben Hilfsgütern auch Korane verteilt. Salafisten lehnen westliche Demokratien ab und wollen eine „islamische Ordnung“ mit islamischer Rechtsprechung (Scharia).

          Bisher seien zwar nur vereinzelte Verdachtsfälle bekanntgeworden. „Als der Zustrom von Flüchtlingen noch gering war, hatten wir allerdings gar keine Erkenntnisse“, sagt LKA-Sprecher Christoph Schulte. „Wir sind im ständigen Austausch mit den Einrichtungen für Flüchtlinge. Wir wollen auf gar keinen Fall, dass diese schutzlose Situation ausgenutzt wird.“ Schwerpunkte gebe es keine. „Die Fälle sind über ganz Hessen verteilt.“ Laut Landesregierung lag die Zahl der Flüchtlinge in Hessen in den ersten neun Monaten des Jahres bei insgesamt rund 42.000.

          Jugendliche besonders anfällig

          Die Chance, Flüchtlinge anzuwerben, wollen sich Salafisten nicht entgehen lassen, wie die Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, Professor Susanne Schröter, berichtet. „In den sozialen Netzwerken ist da große Aufregung. Das ist ein Thema, definitiv. Dass die Flüchtlinge Christen werden könnten, ist für sie die Horrorvorstellung.“

          Wie Schröter berichtet auch der CDU-Landtagsabgeordnete Ismail Tipi, dass gezielt jüngere Leute angesprochen werden. „Mindestens ein Drittel der Flüchtlinge sind Jugendliche“ - und damit auch noch recht unerfahren, erklärt Tipi. Er fordert: „Salafisten am besten ausweisen.“

          Laut Islamwissenschaftler Marwan Abou-Taam fällt auf, „dass Salafisten sich einbringen“. Einerseits: „Es ist kein massenhaftes Phänomen.“ Andererseits: „Überall dort, wo sie aktiv werden, ist es problematisch.“ Leicht anwerben lassen dürften sich die meisten allerdings nicht, meint Abou-Taam, der beim Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz arbeitet. Sie seien immerhin vor dieser Form des Islams geflüchtet. Wenn sich die Lage der Flüchtlinge allerdings nicht bessere, könne dies kippen.

          Aufklärung soll helfen

          Vorschläge für ein Gegenkonzept? „Wir müssen sensibel darauf reagieren, wenn die Salafisten versuchen, die besseren Sozialarbeiter zu sein“, sagt Abou-Taam. Den Flüchtlingen sollten demokratische Vorstellungen vermittelt werden. „Es muss verhindert werden, dass Salafisten eine Rekrutierungsbasis aufbauen.“

          Ähnlich sieht es auch Thomas Mücke, Geschäftsführer von „Violence Prevention Network“, das Jugendlichen bei religiösem Extremismus helfen will. Er plädiert dafür, die Flüchtlinge über die Demokratie in Deutschland aufzuklären. „Die Menschen, die hierherkommen, wissen von unserer Gesellschaft nichts“, sagt Mücke. „Die kennen vielleicht noch Angela Merkel. Das wäre es aber dann. Wichtig ist, dass wir etwas tun - und nicht nur immer darauf schauen, was andere tun.“

          „Wenig überraschend und nicht illegal“

          Außerdem müsse die Integration gelingen. „Die Chance der Salafisten beginnt dann, wenn sie auf enttäuschte Flüchtlinge treffen, die hier keine Wurzeln schlagen können“, so die Einschätzung von Mücke. Laut Schröter müssten sich die deutschen Behörden viel stärker als bisher um eine konsequente Registrierung von Flüchtlingen kümmern. „Damit sind die staatlichen Organe noch sehr überfordert.“

          Janusz Biene vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt rät, das Thema zu „entdramatisieren.“ Dass Salafisten missionieren, sei „wenig überraschend und auch nicht illegal“. Eine Kritik Richtung Berlin: Bei dem Hinweis, dass sie und andere Islamisten Flüchtlinge für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchten, habe sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) auf der Basis von Daten geäußert, die außerhalb von Sicherheitsbehörden nicht nachprüfbar seien. Die oft genutzte Formulierung, dass „die Salafisten“ werben, sei zudem „extrem pauschalisierend“. Es handele sich um keine homogene Gruppe.

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