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Salafisten-Szene professionalisiert sich : Islamisten mit neuer Strategie

Wieder im Fokus: Salafistische Gruppen aus Hessen verteilen Korane der „Lies“-Kampagne und nutzen dafür Grauzonen. Bild: ddp images/Mario Vedder

Nach dem Verbot von Infoständen verteilen Salafisten nun den Koran auf der Zeil mit „Bauchläden“. Laut Landesamt für Verfassungsschutz ist das Rhein-Main-Gebiet einer der regionalen Schwerpunkte für die Islamisten

          3 Min.

          Salafistische Gruppen aus Hessen haben offenbar neue Wege gefunden, ihre umstrittene Koran-Verteilungsaktion auszuweiten. Nach Informationen dieser Zeitung sind hessische Islamisten vor einigen Wochen ins Ausland gereist, um die „Lies“-Kampagne, die von dem radikalen Netzwerk „Die wahre Religion“ gesteuert wird, zu vermarkten. Ziel war in einem Fall Paris. Dort verteilten mehrere hessische Islamisten die Schriften im Namen der „Lies“-Aktion. Sicherheitsbehörden sprechen von einem neuen Phänomen. Offenbar beteiligen sich vor allem junge Männer aus dem Rhein-Main-Gebiet immer intensiver an der Kampagne, die als „Einfallstor“ für potentielle Dschihadisten gilt.

          Katharina Iskandar
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dazu passt, dass vor allem Gruppen in Frankfurt versuchen, für die Verteilung von Exemplaren des Korans städtische Verordnungen zu umgehen. Nachdem ihnen die Stadt untersagt hatte, Informationsstände aufzubauen, sind sie neuerdings mit Bauchläden unterwegs – allerdings keinen gewöhnlichen, sondern solchen, die bei Bedarf mit Hilfe von ausklappbaren Beinen zu Informationsständen ummontiert werden können, was regelmäßig auch getan wird.

          Professionalisierte Kampagne

          Ein Sprecher des Frankfurter Ordnungsamts bestätigt diese Entwicklung und sagt, die Gruppen seien „zweifelsohne erfinderisch“. Man könne dieser neuen Strategie nur mit verschärften Kontrollen begegnen, das werde auch getan. Solange die Bücher nur aus dem Bauchladen heraus verteilt würden, könne die Stadt nicht einschreiten. Würden die Bauchläden jedoch als Info-Stände genutzt, sei es möglich, gegebenenfalls auch Platzverweise auszusprechen und Bußgelder zu verhängen. Das sei bisher aber nicht geschehen. Sobald die Stadtpolizei kontrolliere, würden die Tische wieder zum Bauchladen ummontiert.

          Dass sich die hessische Islamistenszene rund um die „Lies“-Kampagne generell professionalisiert, beobachten die Sicherheitsbehörden schon seit einiger Zeit. Die Ausweitung hessischer Gruppen auf das europäische Ausland spielt dabei ihrer Ansicht nach eine wesentliche Rolle. So werden die Korane der „Lies“-Kampagne neuerdings auch in Französisch, Russisch und Serbokroatisch gedruckt.

          App soll Koran-Vergabe erleichtern

          Geprüft wird derzeit außerdem ein Zusammenhang zwischen der Koran-Aktion und Syrien-Ausreisenden, also jungen Männern und Frauen, die in das Kriegsgebiet reisen und sich dort für den Dschihad ausbilden lassen. Im Internet sind Videos aufgetaucht, die Kämpfer mit Rucksäcken der „Lies“-Kampagne zeigen. Unklar ist derzeit noch, woher die jungen Männer stammen. Rucksäcke gehören ebenso wie T-Shirts, Banner und Plakate zu den bevorzugten Werbeprodukten der Koran-Aktion – wie sie etwa auch an den Bauchläden auf der Zeil zu sehen sind. Diese „Merchandising“-Artikel werden, wie die Korane selbst, mit Spenden aus dem In- und Ausland finanziert.

          Die salafistischen Gruppen bedienen sich inzwischen immer stärker auch moderner Kommunikationsmöglichkeiten. So wurde eigens eine App entwickelt, die in einer Art Schneeball-System die gesamte Logistik der Koran-Verteilung übernimmt. Von behördlichen Genehmigungen bis hin zur Bestellung von Koranen, die dann mit dem Ziel der Missionierung in den Fußgängerzonen verteilt werden, kann über diese App alles gesteuert werden. Zudem bieten die Gruppen ihre Koran-Version inzwischen zum Herunterladen auch per QR-Code an.

          „Lies“-Aktion weit gestreut

          Nach Angaben des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz ist das Rhein-Main-Gebiet einer der regionalen Schwerpunkte der Koran-Aktion. Es existierten mehrere Gruppen, die sich an der Kampagne beteiligten und die „Der wahren Religion“ zuzurechnen seien, teilte die Behörde dieser Zeitung mit. „Mit der Kampagne sollen Nicht-Muslime und religiös wenig gefestigte Muslime nicht nur an den Islam herangeführt werden, sondern gleichzeitig mit der salafistischen Szene in Kontakt gebracht werden. Ziel ist es, Anhänger für den Salafismus zu rekrutieren und damit diese Form des religiös motivierten Extremismus in Deutschland weiterzuverbreiten“, heißt es vom Landesamt. Die „Lies“-Aktion könne „den ersten Berührungspunkt für Jugendliche zum salafistischen Spektrum darstellen“ und Impulse dafür geben, sich diesem extremistischen Gedankengut weiter zuzuwenden.

          In Hessen ist die Aktion weit gestreut, so gab es bisher Informationsstände in Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden, Darmstadt, Bad Homburg, Hanau und in mehreren Städten in Mittel- und Nordhessen.

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