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Kommentar : Hinter Gittern geht das Leben weiter

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Stätten der weiteren Radikalisierung religiös motivierter Straftäter: hessische Gefängnisse, hier die JVA Frankfurt I Bild: Maria Irl

In hessischen Gefängnissen sitzen besonders viele religiös motivierte Straftäter. Einige Islamisten radikalisieren sich dort sogar weiter. Sie sollten nicht ihrem Schicksal überlassen werden.

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          Die Welt der Gefängnisse ist den Menschen so fern wie nah. Zahlreiche Filme zeichnen ein Bild, das nicht immer der Wirklichkeit entsprechen muss. Und dem hohen Interesse daran, wie es hinter Gittern zugehen mag, steht zugleich eine Haltung des Augenverschließens gegenüber. So, als hörten die menschlichen Existenzen auf zu existieren, sobald sich hinter ihnen die Türen der Justizvollzugsanstalten geschlossen haben.

          Dass aber auch „im Knast“ das Leben weitergeht, merkt man immer wieder an verstörenden Nachrichten, etwa wenn ein ehemaliger Spitzenmanager wie Thomas Middelhoff viele Tage lang wegen möglicher Selbstmordgefahr alle fünfzehn Minuten geweckt wird. Oder wenn sich wieder einmal bei einer Razzia zeigt, dass im Justizvollzug Drogen zum Alltag gehören.

          Radikalisieren sie sich im Gefängnis weiter?

          Die Fachtagung, auf der sich derzeit in Frankfurt die Leiterinnen und Leiter von Justizvollzugsanstalten mit Fragen ihrer Zunft befassen, hat eine unschöne Aktualität gewonnen durch die Festnahme der mutmaßlichen salafistischen Gewalttäter Halil und Senay D. aus Oberursel. Was geschieht mit solchen Menschen, wenn sie eines Tages abgeurteilt sind und in einer Justizvollzugsanstalt ihre Strafe absitzen?

          Radikalisieren sie sich dort weiter? Erklärt ihnen vielleicht ein kluger Imam oder ein christlicher Seelsorger, dass der Islam nicht zwingend zum Bombenbauen führt? Oder überlässt man sie ihrem Schicksal, ihren Überzeugungen und vielleicht der Möglichkeit, andere, womöglich junge und ungefestigte Mitgefangene von ihren verqueren Gedanken zu überzeugen?

          Nicht aktiv zu werden könnte Blut kosten

          Aus Anlass der Tagung hat die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann darauf hingewiesen, dass die Zahl der religiös motivierten Straftäter in hessischen Gefängnissen stark steigen wird. Als Gegenmaßnahme hat die CDU-Politikerin auch ein schönes Wort gefunden: „Deradikalisierungsmaßnahmen“.

          Das klingt gut. Und niemand würde bestreiten, dass die Haftzeit genutzt werden müsse zum „Umdrehen“ solcher Täter. Doch das kostet Geld und Sachverstand. Imame, Seelsorger und Sozialpädagogen müssen ausgebildet und bezahlt werden. In Hessens Strafvollzug gibt es besonders viele junge islamische Straftäter.

          Hier nicht aktiv zu werden, hier zu knausern wäre ein Fehler, der Blut kosten kann. Denn das Leben in einer Justizvollzugsanstalt hört nicht auf, wenn sich die Gefängnistüren schließen.

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