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Saison-Vorbereitung : Mainzer Abenteuerreise

Gipfelkreuz mit Wimpel: Die Mainzer nach ihrem alpinen Aufstieg. Bild: Mainz 05

Der Bundesligaklubs aus Rheinhessen hat eine ungewöhnliche Vorbereitung hinter sich. Nun geht er mit neuem Gesicht in eine Saison mit vielen Ungewissheiten.

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          Es ist ein wenig untergegangen in der schnelllebigen Welt des Fußballs, die in diesem Sommer so ganz und gar vom Trubel um den neuen Bayern-Trainer Pep Guardiola gefangen war. Denn abseits des meist von langweiliger Alltagsfron geprägten Trainingsrasens hat sicherlich Mainz 05 eines der aufregendsten Bilder der Sommervorbereitung produziert. Da saß der Kader plötzlich auf der Spitze des 3021 Meter hohen Sparrhorns im schweizerischen Kanton Wallis. Am Gipfelkreuz hängt seither ein 05-Wimpel. Und in den Köpfen der Spieler sind die Erlebnisse der am Morgen gegen vier Uhr in Angriff genommenen Bergwanderung tief verankert. „Das sind Dinge, die wir gemeinsam gemacht haben, das schweißt uns als Team zusammen“, sagt Christian Wetklo, der sich als dienstältester Spieler bei Mainz 05 nur an einen vorherigen Ausflug in einen Klettergarten im Schwarzwald mit dem damaligen Trainer Jürgen Klopp erinnern kann. „Aber das kann man nicht vergleichen. Das jetzt war der Hammer“, sagt Wetklo. „Vor allem auch, weil wir nicht wussten, was auf uns zukommt.“

          Genau diese Gedanken wollte Trainer Thomas Tuchel mit dem ungewöhnlichen Ausflug anstelle des klassischen Trainingslagers provozieren. Denn auch in der am Sonntag mit dem Spiel gegen den VfB Stuttgart (15.30 Uhr) beginnenden Saison weiß man bei Mainz 05 nicht wirklich, was den Klub auf der Abenteurreise 2013/14 erwartet. Nach dem Verkauf von Adam Szalai zu Schalke 04 für rund acht Millionen Euro, dem Wechsel von Jan Kirchhoff zu Bayern München und der freiwilligen Trennung von Andreas Ivanschitz, der künftig in Spanien für Levante spielt, war der Verein zu einem radikalen Umbruch gezwungen. Sieben Neuzugänge haben dem Team, in dem lediglich die Torhüter Heinz Müller und Christian Wetklo sowie die zentrale Defensivabteilung mit Niko Bungert, Nikolce Noveski, Bo Svensson und Elkin Soto ins gemeinsame fünfte Dienstjahr mit Tuchel gehen, mittlerweile ein neues Gesicht gegeben und auch eine Unberechenbarkeit. Vom Abstiegskandidaten bis hin zum möglichen Überraschungsteam mit Aussichten auf einen Europapokalplatz reichen die Prognosen der Experten. Im letzterem Fall wäre das Gipfelfoto ein treffendes Sinnbild.

          Gute Treffer bei den Neuzugängen

          Aber so einfach macht sich Trainer Thomas Tuchel die Sache nicht. „Wir werden jetzt kein einziges Spiel gewinnen, nur weil wir gemeinsam auf einen Dreitausender gestiegen sind“, sagt der Trainer. „Aber natürlich können wir diese Bilder von der gemeinsamen Tour immer wieder herausholen in Ansprachen und in Fußballsprache übersetzen.“ Mit welchen Vokabeln der 39 Jahre alte Trainer die Übersetzungsarbeit leistet, verrät er nicht. Aber er geht mit Zuversicht in die Saison.

          Bei den Neuzugängen deutet sich an, dass Mainz 05 gute Treffer gelandet haben könnte. Joo Ho Park ist der komplette Linksverteidiger, den der Klub lange gesucht hat. Defensiv versteht der aus Basel rheinabwärts gewechselte Südkoreaner sein Handwerk als robuster, zweikampfstarker Verteidiger und auch offensiv dürfte er dank Laufstärke und solidem linkem Fuß dem Costa Ricaner Junior Diaz den Rang ablaufen. Im Mittelfeld deutete Johannes Geis auch beim Erstrundensieg im DFB-Pokal bei Fortuna Köln sein Talent an. Er dürfte wegen des Ausfalls von Elkin Soto am Sonntag neben dem von einer leichten Knieblessur genesenen Niki Zimling in der Startformation stehen. Der ehemalige Fürther ist reifer als es seine 19 Jahre vermuten ließen. Im Angriff hat Tuchel derweil dank der Neuzugänge Shinji Okazaki (Stuttgart), Sebastian Polter (Wolfsburg) und Dani Schahin (Düsseldorf) sowie Maxim Choupo-Moting, der wegen einer Verletzung eines Hüftbeugemuskels indes zum Saisonstart ausfällt, mehr Auswahl. Es wird sich zeigen müssen, ob diese Variabilität den Verlust Szalais aufwiegt.

          Neben der Runderneuerung des Kaders hat Mainz 05 in der Sommerpause auch sein Verhältnis zu seinen Fans wieder verbessert: Ein bisschen war es in jüngster Zeit schließlich so gewesen wie bei einem Ehepaar, das sich nach Jahren der schönen Zweisamkeit etwas zu sehr aneinander gewöhnt hatte. Die Vorzüge des Partners wie Bodenständigkeit, solides Wirtschaften oder die Akribie des Trainers fiel bei einer Großzahl der Anhängern nicht mehr ins Gewicht. Der Dauerkartenverkauf ging zurück. Die Saison-Vorbereitung mit engagierter Öffentlichkeitsarbeit vor allem des interviewfreudigen Managers Christian Heidel und guten Testspielergebnissen war nun auch eine Zeit der Versöhnung. Bisheriger Höhepunkt der neu entfachten Zuneigung war sicherlich die Rückkehr an den Ort des ersten Verliebtseins: Gegen West Ham United hatte Mainz 05 glanzvoll im alten Bruchwegstadion mit 4:1 gewonnen und dabei viele der nostalgisch veranlagten Fans begeistert. So fehlt nun zur endgültigen Bereinigung der Beziehung nur noch eine sportliche Versöhnung: ein Auftaktsieg gegen Stuttgart beispielsweise.

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