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Handel mit Safran : Der Duft der Heimat

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Safran-Händler: Mohammad Mehdi Balutsch will durch den Handel mit Safran afghanische Bauern unterstützen. Bild: Marcus Kaufhold

Ein afghanisches Rezept ohne Safran ist für Mohammad Mehdi Balutsch ein Rezept ohne Seele. Der Frankfurter hat ein Start-up gegründet, um in den Handel mit dem edlen Gewürz einzusteigen.

          Als Mohammad Mehdi Balutsch das Paket öffnete, schlug ihm der vertraute Geruch seiner afghanischen Heimat entgegen. Ihm wurde schummrig. Der Duft, aber auch die Angst, etwas wirklich Dummes getan zu haben, überwältigten ihn. „Ich dachte nur: Mein Gott, was habe ich da gemacht? Ich habe mein ganzes Erspartes in Safran investiert.“

          Zwei Kilo lagern bei Mohammad Mehdi Balutsch zu Hause. 15 weitere Kilo warten in Afghanistan darauf, verschickt zu werden. Der Frankfurter hat gemeinsam mit seinem Freund Müslüm Örtülü das Unternehmen „Saffron Collective“ gegründet. Eine Idee, aus der so viel mehr wachsen soll als der Handel mit Safranfäden. Es soll Bauern in Afghanistan eine wirtschaftliche Zukunft bieten, afghanischen Frauen zur finanziellen Unabhängigkeit verhelfen und in Europa lebenden Afghanen ermöglichen, ihre Heimat wieder zu schmecken.

          Es sind die kleinen Dinge

          Mohammad Mehdi Balutsch hat jahrelang als Übersetzer in Flüchtlingsunterkünften gearbeitet. In den Gesprächen mit seinen Landsleuten hat er gelernt, dass es häufig die kleinen Dinge sind, die das Gefühl von Heimat vermitteln. Safranfäden, beispielsweise. Sie geben afghanischen Gerichten die typisch gelbe Farbe und die intensive Note. Und sie bleiben für viele Geflüchtete unerschwinglich. Ein Gramm kann schnell bis zu 30 Euro kosten. „Nimmt man der afghanischen Küche den Safran, nimmt man ihr die Seele“, sagt Balutsch.

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          Er kam im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern aus Afghanistan nach Deutschland. Mehr als 25 Jahre später packte er 2017 abermals seine Koffer und flog nach Kabul. Zurück in das Land, das seine Eltern Heimat nennen und das ihm bis dahin fremd war. Zurück in das Land, über das er in Gesprächen mit Geflüchteten so viel Schreckliches gehört hatte und das die Menschen doch in ihren Herzen tragen. „Es gibt dort keine Gesetze“, sagt Balutsch über seine Reise. In Kabul entkam er dem Kugelhagel, in Herat erlag er der Schönheit des Landes. Für Mohammad Mehdi Balutsch war es eine Reise zu den eigenen Wurzeln. Eine Reise, die ihm geholfen hat, den Menschen in den Flüchtlingsunterkünften mit einer anderen Haltung zu begegnen. Demütiger. Verständnisvoller. „Durch diese Reise habe ich endlich begriffen, was Heimat wirklich bedeutet“, sagt er. Und auch, was es bedeutet, die eigene Heimat verlassen zu müssen. Weil das eigene Leben nicht mehr sicher, weil die Wirtschaft am Boden ist.

          Zwischen zwei Kulturen

          Er selbst kann sich an die Flucht seiner Familie aus Afghanistan nicht erinnern. Dafür kennt er das Gefühl der inneren Zerissenheit, weiß, wie es sich anfühlt, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen. „Ich denke deutsch, mein Herz schlägt afghanisch.“ Balutsch war aber nicht nur nach Afghanistan gereist, um seine eigenen Wurzeln zu finden. Er machte sich außerdem auf die Suche nach Bauern, die bereit waren, seine Idee umzusetzen.

          Denn Balutsch hatte sich in den Kopf gesetzt, das Kochen mit Safran für Flüchtlinge bezahlbar zu machen. Iran und Spanien gelten als „Safran-Hochburgen“. Dass aber auch in Afghanistan qualitativ hochwertiger Safran angebaut wird, sei vielen Händlern gar nicht bewusst, so Balutsch. „Die Bauern in Afghanistan bleiben auf ihren Produkten sitzen“, sagt er. Viele würden deshalb lieber wieder Schlafmohn, der für die Opium-Herstellung benötigt wird, anbauen. Ein Geschäftsmodell, dem Mohammad Mehdi Balutsch eine Alternative entgegenhalten will. Denn durch den Mohnanbau, den daraus resultierenden Drogenhandel und die damit zusammenhängende Finanzierung aufständischer Truppen sei ein Teufelskreis entstanden. Er hofft, einigen Bauern in seinem Heimatland einen Ausweg aufzuzeigen und ihnen somit eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten. Safran statt Mohn – der Plan klingt so schön einfach.

          Für die Ernte von Safran gibt es keine Maschinen

          Dass sich die Umsetzung schwerer gestalten könnte als gedacht, musste Mohammad Balutsch erst lernen. Um wirklich etwas zu verändern, braucht es Zeit. Viel Zeit. Denn für den Anbau und die Ernte von Safran gibt es keine Maschinen. Das Pflanzen der Knollen, die Ernte und das Trocknen der Blütenstempel ist mühsame Handarbeit. Für ein Gramm Safran, das aus den getrockneten Stempeln der Crocus sativus gewonnen wird, werden bis zu 300 Blüten benötigt. Balutsch zahlt freiwillig einen höheren Preis für das edle Gewürz, als es der afghanische Markt derzeit verlangt. Dafür hat er sich das Recht erkauft, die Produktionsbedingungen zu bestimmen. „Saffron Collective“ arbeitet ausschließlich mit Anbietern zusammen, die auch Frauen beschäftigen. Ihnen will Balutsch ein finanziell unabhängiges Leben ermöglichen. Langfristig, sagt er, wolle er dafür sorgen, dass alle Menschen, die in den Produktionsprozess eingebunden sind, einen Zugang zu Bildung erhalten. Er will die Männer und Frauen, die auf den Feldern arbeiten, so gut bezahlen, dass sie es sich leisten können, ihre Kinder in die Schule zu schicken, statt sie als zusätzliche Arbeitskräfte einzuspannen.

          Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Als vor ein paar Wochen die erste Safranlieferung aus Afghanistan eingetroffen ist, hat er sie in einem unabhängigen Labor auf Wassergehalt, Färbequalität, Geruch und Geschmack untersuchen lassen. „Alles 1a“, versichert der Medizinstudent. Er ist von seiner Geschäftsidee und von seinem Safran überzeugt, will aber trotzdem nicht alles auf eine Karte setzen. Vielleicht, sagt er, sei es seine „deutsche Art zu denken“, die ihn dazu zwinge, das Projekt parallel zum Medizinstudium und zu seiner Arbeit als Radiologischer Assistent in der Uniklinik zu stemmen. Er wolle durch den Safran-Handel ohnehin nicht reich werden, sondern schlichtweg helfen. In Afghanistan und in Europa. Er wolle die Fluchtursachen in seinem Heimatland bekämpfen und gleichzeitig den Safran-Markt „ordentlich aufmischen“, um das Gewürz für alle Menschen zugänglich zu machen. Denn wenn der 30 Jahre alte Frankfurter eines in den vergangenen Jahren verinnerlicht hat, dann das: Gegen Heimweh gibt es kein Rezept – aber es gibt Safran.

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