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Sängerin Annett Louisan : Reifen statt spielen

  • -Aktualisiert am

Reizvolle Perspektive als Chansonsängerin: Annett Louisan nennt Hildegard Knef als ein Vorbild. Bild: Christoph Koestlin

Annett Louisan meldet sich mit einem neuen Album und einer Tournee zurück. Unbequemer ist sie geworden, positioniert sich inzwischen auch politisch. Authentizität als Künstlerin gewinnt sie zudem durch die Liebe zu ihrer Tochter.

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          Vorbei sind Babypause und Mutter-Auszeit: Annett Louisan ist wieder zurück auf der Bühne. Begeistert erzählt sie vom neuen Leben mit ihrer inzwischen zwei Jahre alten Tochter Emmylou Rose, die ihr Dasein entschleunigt habe – „gerade in den ersten Wochen damals habe ich eigentlich nichts mehr gebraucht, als dieses Baby in den Armen zu halten“ –, und wie gut ihr diese Schaffenspause als Mensch wie als Künstlerin getan habe. 42 Jahre alt ist die Sängerin mit der zarten Unschuldsstimme inzwischen, verspricht auf ihrem neuen Album wie auch für ihr Konzert in Frankfurt „Kleine große Liebe(n)“ – und lässt keinen Zweifel daran, dass es für die fürsorgliche Mutter nur eine große Liebe gibt: ihr Kind. „Das Allerwichtigste in meinem Leben ist meine Tochter – und das ist eine Liebe, die ich vorher nicht kannte und die alles überstrahlt“, bekennt die Wahl-Hamburgerin: „Diese Liebe ist bedingungslos und geht über so vieles hinaus, etwas Größeres gibt es nicht.“

          So wandeln sich die Zeiten: Aus der Blondine von einst, die doch nur spielen wollte und mit ihrer Unschulds-Stimme und ihrer vermeintlichen Unbeholfenheit bei der Männerwelt Beschützerinstinkte weckte, um diese dann mit provokant-ironischen Texten zu überrumpeln, ist nun eine liebende Mutter geworden, die mit ihren neuen Liedern und Texten drauf und dran ist, eine Chansonsängerin zu werden. Deren charmante, bisweilen humorvolle kleine und große Geschichten stammen zwar weiterhin aus der Feder des Vielschreibers Frank Ramond, doch haben sie inzwischen an Authentizität gewonnen: Die Chansonette schlüpft doch nicht mehr allein nur in Rollen und bedient Klischees, sondern „möchte heute viel mehr Verantwortung für mein Schaffen übernehmen“. Einen „ganz normalen Reifeprozess“ nennt Louisan diese persönliche Entwicklung: „Ich habe in den letzten Jahren bemerkt, dass mir Lieder, die andere für mich schreiben, immer seltener gut passen.“ Und noch etwas hat sie festgestellt: „Immer wenn wir einen Hit schreiben wollten, ist das Gegenteil dabei herausgekommen – insofern versuche ich während der Produktionsphase nicht mehr an Kommerzialität zu denken.“

          Raum für eigene Geschichte der Zuhörer

          Allzu schöne Worte? Ein Song wie „Meine Kleine“ lässt in der Tat einen (kleinen) Blick hinter die üblichen Song-Kulissen zu. Wahre Mutterliebe eben – auch wenn sie rasch hinterherschiebt, dass „immer noch so viel Raum für jeden einzelnen Zuhörer bleiben muss, um die eigene Geschichte empfinden zu können: Im besten Falle sind die Menschen dann nicht bei mir, sondern bei sich selbst.“ Gedanken und Zeilen, die manche überraschen dürften, die in ihr immer noch das blonde Elfchen sehen. Doch die schlichte Lolita-Rolle hat sie hinter sich gelassen, was auch dadurch deutlich wird, dass die gebürtige Sachsen-Anhaltinerin sich nicht zuletzt in den sozialen Medien immer wieder gegen die latente Ausländerfeindlichkeit gerade in Ostdeutschland positioniert: „Poste ich dort einen solchen politischen Beitrag, habe ich gleich tausend Likes weniger.“ Gleichzeitig fürchtet sie, dass der Riss zwischen Ost und West im Land sich weiter vertiefen wird, und fordert: „Wir müssten uns mehr miteinander befassen.“ Es brauche „eine große Informations- und Bildungsoffensive, um zusammenzukommen und einander wirklich kennenzulernen. Da ist bislang einfach zu wenig passiert“, sagt sie im Gespräch.

          Annett Louisan ist unbequemer geworden – doch sich selbst ist sie dadurch nähergekommen. Und so überrascht es auch nicht, dass die Chansonette beim Blick in die Zukunft eine Hildegard Knef als Vorbild nennt, die als ältere Frau „noch unfassbar interessant, ja immer besser geworden“ sei. „Es reizt mich einfach, mit meinen Liedern älter zu werden und zu erleben, wie sich meine Musik mit mir entwickelt“, sagt sie. Reifen statt spielen – das könnte dem deutschen Chanson eine reizvolle Perspektive sein.

          ANNETT LOUISAN
          Am 3. November, 19 Uhr, in der Jahrhunderthalle Frankfurt

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