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Sänger Holger Falk : Lieber Rihm als Mozart

  • -Aktualisiert am

Tritt bald in Wiesbaden auf: Holger Falk Bild: Wonge Bergmann

Der Bariton Holger Falk hat sich von den Regensburger Domspatzen auf die großen Bühnen emporgearbeitet. Heute lebt er in Frankfurt. Und schätzt Zeitgenössisches mehr, als viele verstehen können.

          Der Bub hat eine Stimme. Das haben sie alle gesagt. Der Pfarrer auch. Was der Pfarrer sagt, gilt, so war das damals, auf dem Land ohnehin, in einem Dorf nahe Regensburg sowieso. Aber er hatte ja recht. Holger Falk war ein Dreikäsehoch, von dem sich die Mutter, sie war streng katholisch, wünschte, dass er Pfarrer werde. Vier Jahrzehnte später ist der Sohn längst nicht mehr Mitglied der Kirche. Dafür singt er, nun nicht mehr vor Verwandten, Nachbarn oder dem Dorfpfarrer, sondern vor dem Publikum namhafter Opernhäuser: Holger Falk, Bariton aus Frankfurt. Denn die Mutter hatte noch einen Wunsch: Geh zu den Regensburger Domspatzen.

          Sein jüngerer Bruder war auch dort. Sie waren eine musikalische Familie. Der Vater spielte Saxophon und Klarinette, war ungeheuer begabt. Zehn Instrumente hat er sich selbst beigebracht, tourte in jungen Jahren von der Reeperbahn in Hamburg bis in die Clubs von Frankfurt. So hatte es sich der Großvater, ein Bauer aus dem Bayerischen Wald, vermutlich nicht vorgestellt. Der muss bodenständig gewesen sein, hatte bloß gesagt: „Lern ein Instrument, dann kannst du bei Hochzeiten spielen und was verdienen.“ Holger Falks Mutter wiederum sang gerne, von ihr kommt die Sinnenfröhlichkeit, die Leidenschaft. Das gesellige Singen kannte sie aus dem Wirtshaus ihrer Eltern. Da ging es nur zweistimmig zu. Schön zweistimmig, versteht sich, nicht grölend.

          Keine guten Erinnerungen an Domkapellmeister

          Kein Wunder, dass Holger Falk Musik im Blut hat und früh zu musizieren begann. Er lernte Klavier und Orgel, übte in der Kirche manchmal nachts, hatte den Schlüssel für das Gotteshaus. Die Kirche lag am Waldrand, aber Angst hatte er keine. Die Tutti rein und dann ging es los. Manchmal stieg er auf den Kirchturm, hoch zu den Glocken. Und dann zu den Regensburger Domspatzen? Oje! Er wollte doch nicht weg von zu Hause, hatte schon vorher Heimweh.

          Über die Zeit bei den Domspatzen stöhnt Falk heute noch. Sie muss nach seinen Erzählungen schwer gewesen sein, vor allem für ein empfindsames Kind, als das er sich beschreibt. Von 1982 bis 1991 war er ein Domspatz, mit zehn Jahren wurde er aufgenommen, kam gleich aufs Gymnasium. Fürstin Gloria besuchte die Domspatzen immer zu Weihnachten, Falk erinnert sich noch genau. Nein, er wurde nicht geschlagen, keiner hat sich an ihm vergangen, und er hat in seiner Klasse auch nichts von den schrecklichen Dingen mitbekommen, derentwegen die Domspatzen in Verruf geraten sind und ihr Ansehen wieder aufmöbeln müssen. Mindestens 231 Jungs sollen nach einem Zwischenbericht in den Jahren von 1953 bis 1992 misshandelt, weitere 50 sexuell missbraucht worden sein.

          An Georg Ratzinger, den damaligen Domkapellmeister, und seine Herangehensweise an die Musik hat Holger Falk auch keine wirklich guten Erinnerungen. Als „extrem autoritär“ skizziert er den Bruder des ehemaligen Papstes. Auf der anderen Seite genoss Falk aber die Gemeinschaft, das Reisen, das Musizieren. Nach dem Stimmbruch waren die Freiheiten auch größer. Außerdem lernte er bei den Domspatzen, was Professionalität bedeutet. Mit elf Jahren hatte er bereits eine Amerika-Tournee hinter sich, an seinem zwölften Geburtstag gaben sie in Toronto ein Konzert. „Die Spannung, zu wissen, es geht jetzt um was, das prägt“, sagt er. Der Preis dafür war trotzdem hoch: viel Druck. „Es wurde einem ein Stück Kindheit gestohlen.“ Noch etwas machte ihm zu schaffen. „Ich wollte nach vorne“, sagt er. Allein dastehen, frisch und frei singen. So wie vor den Leuten, die sagten: Der Bub hat eine Stimme. Das war aber verpönt bei den Domspatzen, da hieß es, sich einzuordnen ins Glied.

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