https://www.faz.net/-gzg-8km3r

Russlanddeutsche : Zwischen den Stühlen

Gut gelaunt im Morgenkreis: Kinder und die Erzieherin Irina Taskin im Russisch-Deutschen Kindergarten Skaska in Frankfurt Bild: Frank Röth

Russlanddeutsche hatten es nicht leicht in der Sowjetunion. Eine Frankfurterin auf der Suche nach Identität in einer Zeit, da das Klima zwischen ihren Heimatländern schwierig geworden ist.

          6 Min.

          Irina Haupt war noch nie in Russland. Obwohl sie das „R“ rollt und manchmal falsche Artikel verwendet. Russisch beherrscht sie immer noch besser als Deutsch. Aber eigentlich ist Russisch nicht die Muttersprache der Kindergartenleiterin, die heute in Frankfurt lebt. Es ist kompliziert.

          Haupt ist Russlanddeutsche. Ihre Volksgruppe war vor etwa 300 Jahren ausgewandert. Katharina die Große lud im 18. Jahrhundert deutsche Siedler nach Russland ein, damit sie Äcker bestellten und die Wirtschaft ankurbelten; aus Hessen kamen damals besonders viele. Ihre Nachfahren erlebten den Zerfall des Zarenreichs, den Aufstieg der Sowjetunion, lernten die Sprache, viele heirateten Russen. Kultur und politische Einstellungen veränderten sich.

          Die russische Sowjetrepublik hat Haupt nie gesehen

          Wohl wegen dieser Erfahrungen, weitergegeben über die Generationen, stehen heute viele Russlanddeutsche, die in die Bundesrepublik zurückgekehrt sind, den Konflikten zwischen Russland und Deutschland ambivalent gegenüber. Wird Haupt gefragt, was sie von der Politik des Kremls hält, ist sie unsicher. Vieles kann sie verstehen, zum Beispiel, dass die Krim wieder zu Russland gehören soll. „Das waren ja fast alles Russen dort“, sagt sie. Auch die russischen Medien seien gar nicht so schlecht, wie sie hier dargestellt würden. „Der Ton ist schärfer. Manchmal glaube ich, dass das deutsche Fernsehen uns schonen will.“ Aber sie kann auch die deutsche Position nachvollziehen. Und fühlt sich der Gesellschaft hier näher als der in Russland. Es ist die Zerrissenheit am Ende eines auch für sie persönlich weiten Weges.

          Irina Haupts Geschichte beginnt vor fünfzig Jahren in einer der Sowjetrepubliken. Die meisten Russlanddeutschen leben zu dieser Zeit in Kasachstan oder Kirgistan, Haupt und ihre Familie in Usbekistan. Es ist nach der Vertreibung aus dem fruchtbaren Wolgagebiet und nach dem Zweiten Weltkrieg, der hier Großer Vaterländischer Krieg heißt. Viele der deutschen Siedler sind in die ärmeren Sowjetstaaten abgeschoben worden. Sie werden unterdrückt. Auch wenn Usbekistan damals Teil der Sowjetunion ist und Russisch gesprochen wird - die Russische Sowjetrepublik hat Haupt nie gesehen. „Es wäre zu schön für uns gewesen“, sagt sie und kneift den Mund leicht zusammen. „Wir wurden in die ärmsten Gegenden vertrieben.“

          Ein deutscher Nachname bedeutet schlechtere Chancen

          1966 wird Haupt in Taschkent geboren. Sie wächst in der usbekischen Hauptstadt auf, spricht zu Hause Deutsch und auf der Straße Russisch. Es ist keine einfache Zeit, viele Konflikte schwelen. Haupts Großmutter etwa kann gar kein Russisch, denn sie hat vor der Vertreibung in einer deutschen Siedlung gelebt. Zwei ihrer Kinder verhungerten in der Stalin-Zeit, sie wurde mehrmals interniert, schließlich nach Usbekistan gebracht. Weil sie zu den „Deutschen“ gehörte. Das Mädchen Irina spricht besser Russisch als Deutsch, denn in der Schule und im Alltag läuft alles in dieser Sprache. Wenn sie mit ihren Freunden den Großen Vaterländischen Krieg nachspielt, muss sie trotzdem immer „der Deutsche“ sein, der überwältigt wird. „Ich fand das so gemein“, erinnert sie sich. Im Fernsehen laufen damals Filme, die zeigen, wie schlimm der Krieg und die Nazis waren. Sie erinnert sich, dass sie als Kind dachte, „Faschist“ sei eine Nationalität. Ihre Nationalität.

          Weitere Themen

          Willy wollte es wissen

          Thorbjørn Jagland über Brandt : Willy wollte es wissen

          Vor 50 Jahren wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Ohne seine Zeit in Norwegen ist er nicht zu verstehen. Der frühere Ministerpräsident Thorbjørn Jagland redet darüber, wie das Land Brandt formte – und wie er Norwegen beeinflusste.

          Topmeldungen

          Auf Googles Quantenprozessor Sycamore sitzen 53 miteinander verdrahtete Quantenresonatoren. Jeder einzelne stellt ein Quantenbit dar, das zwei Zustände gleichzeitig annehmen kann.

          Quantenrechner „Sycamore“ : 1:0 für Googles Quantencomputer

          Der Internetriese Google hat einen Quantenprozessor präsentiert, der alle Rekorde bricht. Er löst innerhalb von Minuten ein komplexes Problem, das sogar den schnellsten Supercomputer überfordert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.