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Russische Kirche in Wiesbaden : Goldene Strahlen vom Neroberg

Historisches Wahrzeichen: Innenansicht der Russischen Kapelle auf dem Wiesbadener Neroberg Bild: Kretzer, Michael

Die Russische Kirche in Wiesbaden zeugt von einer tragischen Liebe und engen Beziehungen. Sie gilt als nationales Denkmal.

          Alexander Zaitsev, der Priester der Russischen Kapelle auf dem Wiesbadener Neroberg, scheut die breite Öffentlichkeit. Auf Anfragen von Journalisten reagiert er zurückhaltend. Aber zu Anfang des Monats hat er sich zu einem offiziellen Anlass in die Hessische Staatskanzlei begeben. Denn dort wurde sein Gotteshaus als „eines der hervorragendsten Zeugnisse deutsch-russischer Beziehungen“ gewürdigt. Die Formulierung stammt von Erzbischof Mark, dem höchsten Würdenträger der russisch-orthodoxen Auslandskirche in Deutschland. Axel Wintermeyer (CDU), der Chef der Hessischen Staatskanzlei, spricht von einem „nationalen Denkmal“ und einem „einzigartigen Wahrzeichen unserer Verbundenheit“.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Ein aktuelles Dokument für die Dichte der bilateralen Beziehungen ist der Bildband, den der hessisch-russische Verein Herus mit der Unterstützung von Stadt und Land gerade herausgebracht hat. Der Vorsitzende Alexander de Faria e Castro setzt sich in dem großformatigen Werk beispielsweise mit der Frage auseinander, warum sich für die Russische Kirche in Wiesbaden die Bezeichnung als Griechische Kapelle so festgesetzt hat, das sie selbst auf den Straßenschildern nicht fehlen darf. Aus der Luft gegriffen ist der Sprachgebrauch keineswegs. Denn die Christen in Russland standen von jeher unter byzantinischem Einfluss. Ihr Glaube war durch die griechisch-orthodoxe Kirche geprägt.

          Russische Bauformen und italienische Renaissance

          Das Gotteshaus ist aber nicht nur ein religiöses Bekenntnis, sondern auch das Symbol einer tragischen Liebesgeschichte. Im Januar 1844 heiratete Herzog Adolph von Nassau in Sankt Petersburg die Großfürstin Elisabeth, eine Nichte des russischen Zaren. Zwei Monate später wurde das Traumpaar in Wiesbaden euphorisch empfangen. Die beiden residierten im Biebricher Schloss. Doch ihr Glück währte nicht lange. Noch vor dem ersten Hochzeitstag starb Elisabeth. Ihre reichliche Mitgift wollte Herzog Adolph in seiner unendlichen Trauer nicht für sich selbst, sondern für eine würdige Grabkapelle verwenden. Sein Landbaumeister Philipp Hoffmann ließ sich auf verschiedenen Studienreisen von der Verbindung spezieller russischer Bauformen mit solchen der italienischen Renaissance beeindrucken. Die Gruft im Kircheninneren schuf der Berliner Bildhauer Emil Hopfgarten in Anlehnung an das Königin-Luise-Grabmal in Berlin-Charlottenburg aus carrarischem Marmor.

          Nach sechsjähriger Bauzeit konnten die tote Mutter und ihr Kind, die der Herzog vorläufig in der Bonifatiuskirche hatte beisetzen lassen, 1855 in ihre letzte Ruhestätte überführt werden. Der inzwischen verstorbene Denkmalschützer Gottfried Kiesow nannte den Kirchenbau ein Meisterwerk des romantischen Historismus und schätzte ihn in seiner Bedeutung weit höher ein als die russischen Kirchen in Frankfurt, Bad Homburg und Darmstadt.

          Die Regeln der Orthodoxie

          Eine Blickachse verbindet das Gotteshaus mit dem Biebricher Schloss. Der Friedhof neben der Kirche zählt zu den ältesten seiner Art in Westeuropa. Die ebenfalls von Philipp Hofmann geplante Anlage geht zurück auf den Einsatz der russischen Großfürstin Jelena. Sie warb in ihren Kreisen nicht nur für einen Aufenthalt in der Weltkurstadt, sondern wollte für Angehörige der orthodoxen Konfession auch einen angemessenen Begräbnisplatz schaffen.

          Hoffmann entwarf eine Anlage in der Form eines Kreuzes mit abgerundeten Ecken. Die Fläche war mit einer Ziegelsteinmauer eingefasst. Auf das Tor wurde ein vergoldetes Kreuz gesetzt. 1864 ging das auf nassauischem Boden gelegene Areal in den Besitz der Russischen Kirche über. Die Regeln der Orthodoxie verbieten es, Gräber einzuebnen oder neu zu belegen. So ruhen auf dem mehrmals erweiterten Areal heute die Überreste von rund 800 Toten. Fast ein Drittel waren Opfer der Revolution von 1917. Begraben sind dort Vertreter des russischen Hochadels, Militärs, Diplomaten, Wissenschaftler und Künstler. Unübersehbare Verfallserscheinungen hat die Stadt Wiesbaden von Steinmetzen beseitigen lassen.

          Putin und Gorbatschow in Wiesbaden

          Besonders große Mühe gaben sich Stadt und Land mit der Neuvergoldung der fünf Kirchenkuppeln. Der Auftrag dazu wurde erteilt, als sich der russische Präsident Wladimir Putin und sein Vorgänger Michail Gorbatschow zum Petersburger Dialog in Wiesbaden angesagt hatten. Die Arbeiten zögerten sich aber hinaus, sodass der prominente Besuch nur die Gerüste zu sehen bekam. Außerdem hatte der Architekt sich bei der Menge des Blattgoldes verrechnet. Als man nachbestellen musste, war der Goldpreis deutlich gestiegen. Am Ende kostete die Vergoldung 663000 Euro. Eine sehr gute Geldanlage, meinen vor allem die Bewohner des Nerotals - und genießen den täglichen Blick auf die Kuppeln, die ihre Stadt überstrahlen.

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