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Zeugen der Vergangenheit : Auf der Suche nach vergessenen Orten

Ein Bild vom Bild: Dietmar Giljohann dokumentiert verlorene Orte im Rhein-Main-Gebiet. Bild: Alexander Davydov

Auch das gibt es im prosperierenden Rhein-Main-Gebiet: Ruinen und Verfall. Genau diese „Lost Places“ faszinieren den Fotografen Dietmar Giljohann.

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          Im Rhein-Main-Gebiet ist Platz wertvoll und teuer, das gilt ganz besonders für Flächen, die für den Wohnungsbau genutzt werden könnten. Das weiß auch Dietmar Giljohann. Er schaut sich jedoch nicht aus geschäftlichem Interesse um. Vielmehr liegt das Augenmerk des IT-Fachmanns und Hobbyfotografen auf vergessenen, verlassenen und verfallenen Plätzen – sogenannte Lost Places.

          Alexander Davydov

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Diese Orte erinnern uns daran, wie schnell sich Gesellschaften und Städte ändern, um sich neuen Technologien und wirtschaftlichen Gegebenheiten anzupassen“, sagt Giljohann. „Sie erscheinen ewig und statisch, sind für mich aber eher eine Erinnerung an die Stetigkeit des Wandels.“ Verwahrloste Immobilien erwarte man zwar eher in Nordrhein-Westfalen oder im Osten Deutschlands, doch auch im Rhein-Main-Gebiet gibt es Überbleibsel einer vergangenen Zeit. Seit fast 15 Jahren sucht Giljohann diese verlorenen Orte. „Ich fahre oft mit dem Fahrrad auf kleineren, ruhigen Wegen am Taunusrand und in Frankfurt herum. Die meisten Lost Places habe ich auf solchen Touren gefunden.“ Mitunter sei er schon über Jahre hinweg an einem Ort vorbeigefahren, bis er gemerkt habe, dass sich hinter dem Gebüsch ein verlassenes Gebäude befinde.

          Die Natur erobert sich ihren Platz zurück

          Fündig wurde Giljohann zum Beispiel in einem Villenviertel in Königstein. Zwischen luxuriösen Anwesen näherte sich der Fotograf seinem Ziel: Von Ahorn und Tannen verdeckt, stehen auf einem Hügel die Überbleibsel einer verlassenen Bildungseinrichtung. Durch ein Loch im Maschendrahtzaun gelangt Giljohann zur brüchigen, mit Moos bewachsenen Treppe, die zum Gebäude hinaufführt. An einigen Stellen wachsen Sträucher zwischen den Fugen. Giljohann schaut sich kurz um und drückt auf den Auslöser seiner Kamera: „Ich mag es, wenn die Natur sich ihren Platz zurückerobert.“

          Die Zeit hat es mit dem kastenförmigen Gebäude nicht gut gemeint: Die Wände sind dreckig und finster, der Putz bröckelt an vielen Stellen, Ranken umschlingen Teile der Fassade. Immer wieder fängt Giljohann Details des heruntergekommenen Gebäudes ein, auch die zahlreichen Graffiti. Sie wirkten wie ein kunsthistorisches Zeugnis der Stilrichtungen der vergangenen Jahrzehnte, scherzt Giljohann und macht noch einige Fotos. mehr. Bei jedem seiner Schritte knistert das zerbrochene Glas der ausgeschlagenen Fenster unter seinen Füßen.

          Auf der Suche: Dietmar Giljohann ist oft auf kleinen Wegen am Taunusrand unterwegs, um Lost Places zu finden. Bilderstrecke

          Die eigenwillige Ästhetik der Ruinen ist durchaus gefragt: Eine Agentur kaufte Giljohann von einigen Jahren Fotos ab, um damit für das Computerspiel „Tomb Raider“ zu werben, in dem eine Schatzjägerin versunkene Städte aufsucht. Der Fotograf amüsiert sich bei dem Gedanken, dass die Vorlage für eine fiktive exotische Ruine im Rhein-Main-Gebiet zu finden ist.

          Verrostete Metallstufen führen auf eine kleine Veranda. Von dort blickt Giljohann auf moderne Gebäude, einige davon sind noch im Bau. Denn ein Bebauungsplan weist in die Zukunft des Geländes: Wo er steht, werden weitere Villen entstehen. Und so dokumentiert der Fotograf den verlorenen Ort für die Nachwelt. Es ist ein bittersüßes Gefühl. Denn die „verlorenen“ Gebäude gleichen vergessenen Bekannten: „Jedes Jahr werden es weniger. Aber ich freue mich, wenn etwas Besonderes an diesem Ort neu entsteht. Ich bin ein Freund schöner Architektur.“

          Es müsse auch nicht immer mit einem Abriss enden. „In den mitunter jahrzehntelangen Phasen der Restnutzung mögen große Teile der Immobilie bereits leer stehen, andere Teile werden hingegen noch von Gewerbebetrieben oder Künstlern verwendet“, sagt Giljohann. „Die Phrix-Cellulose-Fabrik in Hattersheim ist hierfür ein Beispiel. Und am alten Flugplatz in Eschborn, der seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges brach liegt, trainieren heute Hundestaffeln ihre Einsätze.“ Manche verlorenen Orte werden auch wiederentdeckt, sobald die Besitzverhältnisse und der Preis geklärt sind. Häuser, die über Jahre leer standen, werden aufwendig restauriert, sagt Giljohann und deutet auf die Baugerüste an einer prachtvollen Residenz aus dem 19. Jahrhundert wenige Meter weiter. Für dieses Mal hat Giljohann genug Bilder gesammelt. Er verlässt den verlorenen Ort so, wie er ihn vorgefunden hat: verlassen und verfallen.

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