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Rüsselsheimer Opel-Gelände : Zuflucht im Colabunker

  • -Aktualisiert am

Schaltzentrale: der Maschinenraum des Hochbunkers Bild: Sick, Cornelia

Zwei Schutzbauten auf dem Opel-Gelände in Rüsselsheim sollten Belegschaft und Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg vor alliierten Luftangriffen schützen. Beide sind heute Mahnmale gegen den Krieg.

          3 Min.

          Für Monika Weber ist der Betonklotz auf dem ehemaligen Werksgelände von Opel in Rüsselsheim ein Lebensretter. Ihre Mutter und ihr damals acht Jahre alter Bruder fanden in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs in dem Hochbunker „D20“ Schutz vor den immer häufigeren Luftangriffen der Amerikaner und Briten auf die Stadt. Auch ihr späterer Ehemann floh als kleiner Junge in den Schutzraum auf dem Fabrikgelände. „Der Bunker hat meine Familie gerettet“, sagt die heute 67 Jahre alte Rüsselsheimerin.

          Weber schaut sich zum ersten Mal den Bunker an, der so eng mit der Familiengeschichte verbunden ist. Jeden ersten Samstag im Monat bietet das Stadt- und Industriemuseum um zwölf und 14 Uhr Führungen durch den Hochbunker an. Der Eintritt kostet nach vorheriger Anmeldung fünf Euro. Der Rundgang weckt bei Weber dramatische Erinnerungen, auch wenn sie selbst den Schrecken des Krieges nicht mehr erleben musste, weil sie ein Jahr nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands geboren wurde. Ihre Mutter habe es manchmal nicht mehr rechtzeitig in den Hauptschutzraum geschafft, berichtet Weber. Die Mutter habe dann im schlecht vor Bomben geschützten Vorraum bis zum Ende der Luftangriffe ausharren müssen. Das seien angstvolle Stunden gewesen, sagt Weber. „Es ist ein komisches Gefühl, diesen Ort, den ich nur aus Erzählungen kenne, mit eigenen Augen zu sehen.“

          Zutritt eigentlich nur für Opel-Personal

          Im Bunker „D 20“ unweit des Hauptportals des Opel-Werks hätten während der Bombardements etwa 2500 Menschen, dicht aneinander gedrängt, Platz gefunden, sagt der Historiker Hannes Pflügner. Er führt die Besucher durch die leeren Schutzräume. Es ist modrig, dunkel und kalt. Eigentlich sei der Bunker nur für 1400 Menschen konzipiert gewesen und Zutritt sollte nur das Fachpersonal von Opel erhalten, um nach einem Angriff die Kriegsproduktion aufrechtzuerhalten. „Es ging aber ums nackte Überleben“, sagt Pflügner.

          Der Hochbunker sei wohl der einzig sichere Schutz in der Stadt vor den Luftangriffen gewesen. Auch wenn dort mehr Menschen Zuflucht fanden, als geplant, seien die sechs Eingänge vom Opel-Werksschutz streng kontrolliert worden, sagt der Historiker. Während Mütter, Kinder und alte Menschen Schutz fanden, seien Männer und Zwangsarbeiter abgewiesen worden.

          Nur ein Bruchteil der Menschen fand Schutz

          Mit viel Aufwand hätten die Nationalsozialisten den Bunker im Januar 1944 erbauen lassen, sagt Pflügner. Eigentlich seien die Baumittel - vor allem Stahl und Beton - äußerst knapp gewesen. Die meisten Materialien seien für den Bau des sogenannten Atlantikwalls benötigt worden. Doch da Opel als ein kriegswichtiger Betrieb eingestuft war, wurde der Bunkerbau vorangetrieben, sagt Pflügner. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs war die Produktion von zivilen Autos in Rüsselsheim auf Teile für Bomber und Jagdflugzeuge umgestellt worden.

          Massiv: der Hochbunker in der Autofabrik

          In einem halben Jahr wurde der dreigeschossige Stahlbetonbau mit zwei Meter dicken Außenwänden und einer vier Meter dicken Decke errichtet. Ein baugleicher Bunker wurde zur selben Zeit an der Weisenauer Straße gebaut. Rund 1,8 Millionen Reichsmark ließ sich die Naziregierung Pflügner zufolge die beiden Hochbunker in Rüsselsheim kosten. Doch nur einem Bruchteil der Bevölkerung und Arbeiter boten die beiden Bunker Schutz. 1944 hätten etwa 20.000 Menschen auf dem Opel-Gelände gearbeitet, unter ihnen auch Tausende Zwangsarbeiter, sagt Pflügner.

          Die Menschen, die im Bunker Zuflucht fanden, seien aber aufgrund der Konstruktion des Gebäudes sehr gut geschützt gewesen, sagt der Historiker. Die Gänge am Eingang zweigen nahezu rechtwinklig ab, damit Druckwellen von Bombenexplosionen und Splitter nicht ins Bunkerinnere vordringen können. Um auch gegen einen möglichen Giftgasangriff gewappnet zu sein, ist der Eingangsboden an einigen Stellen abgesenkt, damit sich dort das Nervengas hätte sammeln können, zu dessen Einsatz es nie kam.

          Im Bunker wurde einst Cola gelagert

          Der Bunker verfügte über ein Notstromaggregat und eine Grundwasserpumpe, um den Schutzraum eine Zeit lang autark zu versorgen. Über das Lüftungssystem konnte Frischluft in den Bunker gepumpt werden. Damals hochmoderne Filter hätten die angesaugte Luft von Rauchgas befreit, das durch Brände und Explosionen entstanden sei, sagt Pflügner. Auch gegen Giftgase hätten die Filter wohl geholfen.

          Nach dem Krieg sei mehrmals überlegt worden, die Bunker abzureißen, sagt Pflügner. Wegen der stabilen Konstruktion sei aber ein Abriss zu teuer gewesen. Deshalb seien die Bunker als Mahnmale gegen den Krieg erhalten geblieben. Und sie wurden ganz friedlich weiter genutzt: Ein Limonadenhändler habe die Flaschen für die Getränkeautomaten auf dem Opel-Werksgelände in dem Bunker gelagert, da es dort besonders kühl sei, sagt Pflügner. Daher heiße der Schutzbau für viele Opelaner heute nur noch der „Colabunker“.

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