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Mechanisches Musikkabinett : Das Festival der Musikautomaten

Generationswechsel: Miteigentümerin Lena Wendel im Musikkabinett Bild: Cornelia Sick

Musikautomaten begeistern die Zuhörer seit nun mehr knapp 150 Jahren. Im hessischen Rüdesheim wird den akustischen Alleskönnern nun ein ganz besonderes Festival gewidmet.

          Das Radio beendete eine Ära. Spätestens um das Jahr 1930 waren die Röhrenempfänger so preiswert geworden, dass sich immer mehr Bürger die neue Technik leisten konnten, um immer und überall Musik zu hören. Und spätestens mit dem billigen „Volksempfänger“, der die Propaganda der Nationalsozialisten in jedes Wohnzimmer übertragen sollte, war das Ende der selbstspielenden Musikautomaten gekommen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Eine Technik, die immerhin rund 150 Jahre die Hörer unterhaltsam in ihren Bann gezogen hatte. Ihre Faszination hat sie bis heute nicht verloren. Das zeigen die jährlich rund 130.000 Besucher, die in Rüdesheim in Siegfrieds Mechanisches Musikkabinett strömen, um sich bei einer rund 45 Minuten dauernden Führung knapp zwei Dutzend der Automaten vorspielen zu lassen. Beispielsweise den Weber Maestro, der für Konzertsäle und große Hotels gedacht war und der musikalisch in der Lage war, ein 16-Mann-Orchester zu ersetzen. Oder den Bechstein-Welte-Flügel, der auch ohne Pianisten den Tasten einen so gefühlvollen Anschlag gibt, dass klaviererfahrene Besucher aus dem Häuschen sind.

          Start auf schmaler finanzieller Basis

          Das sind zwei von rund 500 funktionsfähigen Exponaten, von denen die allermeisten Siegfried Wendel zusammengetragen hat. Die Sammelleidenschaft des 2016 verstorbenen Wendel war auf seiner Hochzeitsreise nach Los Angeles geweckt worden, als er einen Salon mit automatischen Instrumenten entdeckte. Vor 50 Jahren, im Herbst 1969, eröffnete er im Dalheimer Klosterhof von Hochheim das „Erste Deutsche Museum für mechanische Musikinstrumente“. Ein Start auf schmaler finanzieller Basis, aber mit jeder Menge Enthusiasmus und einer großen Portion Optimismus. Dennoch war Hochheim kein gutes Pflaster, denn es kamen zu wenige Besucher.

          Taktgeber: ein automatischer Trommler Bilderstrecke

          Rüdesheim mit seinen vielen Tagesgästen schien da attraktiver. 1973 zog der ehemalige Sozialarbeiter Wendel dort in eine ehemalige Winzergenossenschaft um. Abermals war der Start schwierig. Aber sein Bekanntheitsgrad war immerhin schon so groß, dass ihm eine Einladung von Helmut Schmidt zum Gartenfest des Bundeskanzlers in Bonn ins Haus flatterte. Eine kleine Fotoausstellung zum Jubiläum erinnert daran und zeigt auch einen Dankesbrief von Schmidt: „Dieser einmalige Beitrag hat dem Fest eine besondere Note gegeben.“

          Ein passender Ort für ein Museum

          In Rüdesheim übernahm Wendel 1976 zunächst als Mieter den stattlichen Brömserhof unweit der Drosselgasse, wo das Musikkabinett bis heute seinen Platz hat. Das Angebot der Stadt Rothenburg ob der Tauber, sein Museum dorthin zu verlegen, schlug er aus. Seit 1998 ist der Brömserhof im Eigentum der Familie Wendel. Dieser verwinkelte Adelshof der Familie Brömser an der Oberstraße war schon im 15. Jahrhundert errichtet worden. Ein passender Ort für ein Museum, zumal der Brömserhof selbst ein kulturhistorisches Kleinod ist.

          Zwei Räume wurden 1558/59 durch Hans Ritter, einen Schüler von Lucas Cranach dem Älteren, ausgemalt. In Darstellung, Umfang, Geschlossenheit und Qualität gilt diese Raumgestaltung als Rarität nördlich der Alpen. Sie wurde in jahrelanger Arbeit mit Unterstützung der öffentlichen Hand restauriert – in Nachtschichten und während der Winterpause, denn das Musikkabinett musste geöffnet bleiben.

          „Papst der selbstspielenden Violine“

          Wendels Welt der „Datenspeicher-Musikinstrumente“ wuchs unterdessen weiter, auch wenn seit den dreißiger Jahren keine mehr produziert wurden. Wendel sammelte weiter, von der zierlichen Spieluhr bis zum gewaltigen Konzert-Piano-Orchestrion. Auf den Erwerb manch begehrter Stücke wie einer Leipziger Symphonion-Eroica-Standuhr mit drei Notenscheiben wartete Wendel 30 Jahre. In der von Wendel mitgegründeten Gesellschaft der Freunde mechanischer Musikinstrumente galt ihr Ehrenpräsident als „Papst der selbstspielenden Violine“.

          Wendel organisierte Sammlerbörsen als Treffpunkt der in- und ausländischen Liebhaber. Vor zehn Jahren verwirklichte er sich den Traum vom eigenen Stummfilmkino, nachdem zum vierzigjährigen Bestehen die 1929 gebaute Welte-Kinoorgel Modell E 2/11 restauriert war und feierlich Bachs Toccata und Fuge d-Moll ertönen ließ, ehe mit ihr ein kurzer Stummfilm untermalt wurde.

          Profit vom Boom der Flusskreuzfahrt auf dem Rhein

          In den nunmehr 50 Jahren haben rund vier Millionen Besucher das Musikkabinett besucht. Seit dem Tod des Gründers führt sein Sohn Jens die Geschäfte, und mit Lena und ihrem Bruder Lucas ist schon die nächste Generation ins Unternehmen eingebunden. Sie haben im Jubiläumsjahr und davor weiter investiert. Nicht nur in einen neuen Boden im Obergeschoss, sondern auch in eine detailreiche Berliner Hinterhausszene, in der jetzt Drehorgeln und Leierkästen gezeigt und vorgeführt werden. Eindrucksvoll ist auch die originalgetreue Orgelwerkstatt von Giovanni Bacigalupo, einem der berühmtesten Drehorgelbauern in Deutschland. Besucher werden in neun Sprachen durch das Musikkabinett geführt. Sie strömen weiter in Scharen.

          Das Musikkabinett profitiert vom Boom der Flusskreuzfahrt auf dem Rhein, wenngleich das Museum an seine Grenzen geführt wird, wenn immer mehr Kreuzfahrer möglichst gleichzeitig durch die Sammlung in den neun Ausstellungsräumen geführt werden wollen.

          In absehbarer Zeit soll das Museum eine Dependance auf dem früheren Asbach-Gelände nahe dem Rüdesheimer Bahnhof erhalten. Welche selbstspielenden Apparate aus dem reichen Fundus dort aufgestellt werden, steht nicht fest. Im Brömserhof lieben die Besucher vor allem die buntbemalten Varianten, die auf Jahrmärkten für Unterhaltung sorgen. Lena Wendels Liebling steht hingegen im ersten Stock: Ein eher unscheinbares, 1926 gebautes „Violin Orchestra“, und wenn das „Lied der Geigen“ ertönt, „dann heul ich jedes Mal“.

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