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Brücke über den Rhein : Brückenschlag rückt in weite Ferne

Ohne Querung: der Rhein bei Rüdesheim Bild: dpa

Der jüngste Vorstoß, in Rüdesheim eine Brücke über den Rhein zu bauen, scheint in einer Sackgasse zu enden: Gutachter sehen die Vogelwelt durch eine Rheinquerung gefährdet.

          3 Min.

          Wer nach Rüdesheim fährt, der wird schon am Ortseingang von einem mächtigen steinernen Torbogen daran erinnert, dass es mit der Hindenburgbrücke hier einst eine feste Verbindung über den Rhein gab. Hätte die Wehrmacht sie in den letzten Wochen vor Kriegsende 1945 nicht gesprengt, würde sie wohl noch heute den Strom überspannen. Der Neubau einer Brücke, der die Region seither in unregelmäßigen Abständen beschäftigt, aufwühlt und polarisiert, hat absehbar aber keine Chance auf Realisierung.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Denn auch der jüngste Vorstoß scheint in einer Sackgasse zu enden. Zuletzt waren die Brückenpläne im Jahr 2005 zu den Akten gelegt worden, weil die Naturschutzkonflikte wegen des Schutzstatus für den Inselrhein nicht überwindbar schienen. Nachdem zwischenzeitlich aber Gesetze geändert worden waren und Bürger vor allem in Rheinhessen starken politischen Druck ausgeübt hatten, waren die Landkreise sowie die Länder Rheinland-Pfalz und Hessen übereingekommen, auf Basis der 2005 abgeschlossenen Planungen und Gutachten die Chancen nach aktueller Rechtslage abermals zu prüfen.

          Im Auftrag des Landesbetriebs Mobilität in Worms hat ein Planungsbüro in Herne nun eine 137 Seiten starke Machbarkeitsstudie verfasst. Dazu wurden die veralteten Daten und Erhebungen aktualisiert und die neue Rechtslage bewertet. Die schon 2005 beschriebenen Schutzgebiete sind unverändert rechtskräftig. Der Anteil gesetzlich geschützter Biotope hat sich im Vergleich zu 2005 noch erhöht. Das reiche Spektrum der Arten wurde inzwischen um den Biber erweitert.

          Naturschutz wichtiger als eine Brücke

          Im Ergebnis halten die Gutachter fest, dass die hochwertige Rheinlandschaft bei Rüdesheim und Geisenheim insbesondere für die Brut- und Rastvögel seit 2005 an Bedeutung zugenommen hat. Egal, ob die Brücke in Rüdesheim oder Geisenheim stehen würde, es wäre mit starken Beeinträchtigungen der Schutzgebiete zu rechnen.

          Die Gutachter gehen nicht davon aus, dass eine Brücke zulässig wäre, weil sowohl die Nutzung durch täglich etwa 10.000 Fahrzeuge als auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis gering wären. Es fehle eine gesetzliche oder fachplanerische Begründung der Straßenverbindung im Verhältnis zur großen Zahl der betroffenen Schutzgebiete und der „Schwere der erheblichen Beeinträchtigungen“. Außerdem stelle eine „hocheffiziente Fährverbindung“ trotz der „verkehrlichen Abstriche“ eine „zumutbare Alternative“ zur Brücke dar. „Die Planung einer Rheinbrücke zwischen Bingen und Rüdesheim erscheint hiernach nicht genehmigungsfähig und würde auch einer gerichtlichen Überprüfung nicht standhalten“, heißt es in dem Gutachten. Der Wert der Naturschutzflächen überwiege das öffentliche Interesse an einer Brücke.

          „Vielfältige Interessen abwägen“

          Das klingt wie ein Todesstoß, wird politisch aber dennoch relativiert. „Die Hürden für den Bau der Rheinbrücke sind hoch“, gibt die Landrätin des Kreises Mainz-Bingen, Dorothea Schäfer (CDU), zu. Nun liege es am Kreistag, zu entscheiden, ob dennoch ein Raumordnungsverfahren eingeleitet werde.

          Nach ihrer Ansicht müssen „vielfältige Interessen abgewogen“ werden. Nicht untersucht worden seien von den Gutachtern Aspekte wie die Verkehrsentwicklung in der Region, die Entwicklung des Wirtschaftsraumes und die damit zusammenhängende übergeordnete Bedeutung einer Brücke.

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          Die Landrätin verweist zudem auf die Planungsgemeinschaft Rheinhessen-Nahe, die die Notwendigkeit von sogar zwei Brücken zwischen Bingen und Nierstein erkannt habe. Und der frühere rheinland-pfälzische Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) habe festgestellt, dass einer Rheinquerung zwischen Bingen und Rüdesheim aus Sicht des Landes eine strukturpolitische Bedeutung zukomme.

          Brücken-Hoffnung ist offenbar erloschen

          Die Landrätin sieht nun die Fraktionen am Zug, zu entscheiden, ob dennoch ein Raumordnungsverfahren eingeleitet werden soll, bei dem auch die anderen Interessen jenseits des Naturschutzes abgewogen und bewertet werden könnten. Sie selbst hielte das für sinnvoll und will überdies Abstimmungsgespräche mit dem Rheingau-Taunus-Kreis führen.

          Dort allerdings ist die Brücken-Hoffnung offenbar erloschen. Zumindest im Kreisausschuss, der auf seiner konstituierenden Sitzung unter Leitung von Landrat Frank Kilian (parteilos) zu Wochenbeginn beschlossen hat: „Der Bau einer Rheinbrücke zwischen Rüdesheim und Bingen wird nicht weiterverfolgt.“ Das ist insofern eine Überraschung, weil es im Kreis in den zurückliegenden Jahren immer eine politische Mehrheit für die auch von IHK und Handwerkskammern vehement geforderte Brücke gab.

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          Der Kreisausschuss lehnte in seiner neuen Zusammensetzung auch die vom Landrat geforderte Prüfung einer Untertunnelung des Rheins ab. Allenfalls soll noch die Chance einer für Fußgänger und Radfahrer konzipierten Brücke geprüft werden, was der Landrat jedoch als „inkonsequent“ bewertet.

          Zudem soll der Kreis Gespräche über die Subventionierung eines erweiterten, eng getakteten Fährverkehrs auch in der Nacht aufnehmen. Für Kilian liegt aber auf der Hand, dass die Kosten nicht allein den Rheingau-Taunus-Kreis belasten dürfen. Bislang war von mehreren hunderttausend Euro jährlich die Rede, die von den Fährbetreibern gefordert werden. Spannend wird nun die Diskussion im Kreistag. Kilian erwartet eine intensive Debatte und schließt „ein möglicherweise anderes Ergebnis“, als es der Kreisausschuss beschlossen hat, nicht aus.

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