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Rückläufige Organspenden : Warten auf die Transplantation

  • -Aktualisiert am

Werbung für Organspende: Etwa zwei Drittel der Deutschen sind bereit, nach ihrem Tod Organe zu spenden. Doch die wenigsten halten dies schriftlich fest. Bild: dpa

Die Zahl der Organspenden ist in Hessen wie in ganz Deutschland rückläufig. Deshalb fordern einige Transplantationsbeauftragte in den Kliniken. Was steckt hinter der Idee?

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          Vor fünf Jahren hätte ihr Leben auch zu Ende sein können, sagt Barbara Eyrich aus Mörfelden-Walldorf. Damals habe sie keine zwei Worte hintereinander sprechen können, nach Atem gerungen, Angst vor dem Ersticken gehabt. Wegen einer chronischen Lungenerkrankung und -emphysemen musste sie mit Sauerstoff versorgt werden. 2007, als sie 58 Jahre alt war, rieten ihr die Ärzte in Mainz zur Lungentransplantation und setzten sie auf die Warteliste. Für Eyrich folgten Monate des Bangens und der Unsicherheit. Sie wartete vergeblich.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „2010 sagten die Ärzte mir dann, ich sei zu krank und zu alt, das Risiko für eine Transplantation zu groß“, berichtet die Siebenundsechzigjährige. Weil sie das nicht akzeptieren wollte, wandte sie sich an andere Spezialisten, diesmal in Gießen. Nach gründlichen Untersuchungen kam sie wieder auf die Warteliste, diesmal mit dem Vermerk „besonders dringlich“ (high urgent). Drei Monate verbrachte sie im Krankenhaus, wurde intensivmedizinisch überwacht, bis Ende 2011 ein Spenderorgan gefunden war.

          Herzpatienten oft in schlechtem gesundheitlichen Zustand

          Wegen des Mangels an Spenderorganen erhalten fast alle Patienten erst eine Transplantation, wenn sie schon intensivmedizinisch im Krankenhaus betreut werden müssen, wie der Herzchirurg Manfred Richter berichtet. Er leitet an der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik das hessische Herztransplantationszentrum. Bei Herztransplantationen treffe dies auf 85 Prozent der Empfänger zu. Doch auch sie müssten bis zu zwölf Monate warten.

          Der schlechte gesundheitliche Zustand der Patienten erhöhe jedoch das Risiko, dass sie den Eingriff nicht überlebten. Das war in Bad Nauheim 2015 bei einem von 14 Patienten der Fall. Wie berichtet, waren am Frankfurter Universitätsklinikum in den vergangenen beiden Jahren drei von vier Patienten nach dem Eingriff gestorben, weshalb das Angebot dort eingestellt wurde. Schuld daran sei auch die geringe Fallzahl, die sich aus dem Mangel an Spenderorganen ergebe, hieß es.

          Zwei Drittel der Deutschen bereit zu Organspende

          Seit Jahren ist die Zahl der Organspenden in Deutschland rückläufig, auch in Hessen. Im ersten Halbjahr dieses Jahres sind die Zahlen noch weiter zurückgegangen. Daran sind nicht nur Berichte über falsche Arztangaben zur schnelleren Zuteilung schuld, die 2013 zur Verunsicherung führten. „Die allgemeine Zustimmung zur Organspende liegt auf dem alten Niveau“, sagt Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Die gemeinnützige Stiftung mit Hauptsitz in Frankfurt ist beauftragte Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende in Deutschland.

          Bild: F.A.Z.

          Etwa zwei Drittel der Deutschen sind Umfragen zufolge bereit, nach ihrem Tod Organe zu spenden. Doch die wenigsten halten dies schriftlich fest. „Nur bei 15 Prozent der Patienten lässt sich in der Situation ein Organspendeausweis finden“, sagt Rahmel. Über die Entscheidung sollten Patienten deshalb auch ihre Angehörigen informieren. Denn sie würden im Ernstfall gefragt. Derzeit stimmten zwei Drittel der Angehörigen einer Organentnahme nicht zu, wenn sie nicht wüssten, wie der Verstorbene dazu gestanden habe. Allerdings zeige sich, dass sie besser informiert seien, seitdem die Krankenkassen ihre Versicherten zum Thema anschrieben.

          In anderen Ländern muss Spende widersprechen werden

          Eine andere Möglichkeit wäre es, den Wunsch zur Organspende in eine Patientenverfügung aufzunehmen. Bisher hätten sich diese häufig sogar eher als Hindernis erwiesen, berichtet Rahmel. Denn die meisten Patienten lehnen in diesem Schriftstück lebensverlängernde Maßnahmen grundsätzlich ab. Organe können jedoch nur transplantiert werden, solange sie durchblutet waren, wofür eine künstliche Beatmung zumindest für einen begrenzten Zeitraum nötig ist.

          Den Willen zur Organspende in einem zentralen Register festzuhalten, hält Rahmel auch nicht für sinnvoll. „Wir Menschen scheuen es, uns mit dem eigenen Tod zu beschäftigen.“ In den Niederlanden, wo es ein solches Register gebe, seien sehr große Anstrengungen nötig gewesen, bis sich 50 Prozent der Einwohner eingetragen hätten. Die Trägheit der Menschen erweise sich dagegen bei der Widerspruchsregelung als Vorteil, die zum Beispiel in Spanien und Belgien gelte.

          Vorschlag: Transplantationsbeauftragte

          Nicht nur die fehlende Zustimmung führt nach Ansicht von Rahmel in Deutschland zum Mangel an Spenderorganen, sondern auch veränderte Therapiestrategien – die Kliniken kommen dem Wunsch der Patienten, auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten, oft nach. Aber als Spender kommen nur Patienten mit Hirntod in Frage, deren Kreislauf mit Maschinen aufrechterhalten wird. Gefordert seien Transplantationsbeauftragte, die es an allen Krankenhäusern mit Intensivmedizin geben müsse. Sie sollten sich in dieser Situation dafür einsetzen, dass trotz aller Leistungsverdichtung geprüft wird, ob der Verstorbene für eine Organentnahme geeignet ist. Das kostet Geld, die Kliniken erhalten, unabhängig vom Aufwand, eine Pauschale von 4700 Euro für die Entnahme mehrerer Organe.

          Es kostet auch Zeit: für die Diagnostik ebenso wie für Gespräche mit den Angehörigen, für deren Entscheidung und das Abschiednehmen vom Verstorbenen. Die DSO sehe ihre Aufgabe darin, Krankenhauspersonal zu schulen, Ärzte und Angehörige zu unterstützen. „Wir wollen vermeiden, dass die Angehörigen im Nachhinein ihre Entscheidung bereuen – unabhängig davon, wie sie ausfällt.“

          Barbara Eyrich hat ihren Entschluss nie bereut. Statt der ganzen Lunge tauschten die Ärzte bei ihr nur den linken Lungenflügel aus. Dennoch kann Eyrich heute fast normal atmen, legt beim Erzählen kaum noch eine Pause ein. Trotz aller Nebenwirkungen der Medikamente würde sie es immer wieder machen.

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