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Rückgang der Artenvielfalt : Die Nachtigall singt nur noch im Lied

Leidet unter intensiver Landwirtschaft: die Feldlerche, ein Singvogel Bild: dpa

„Flaggschiff-Arten“ wie dem Storch hat der Naturschutz auch im Rhein-Main-Gebiet geholfen. Doch Kiebitze und Unken verschwinden.

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          Jetzt ist der Biber sogar zurück im Rheingau. Zumindest ein Exemplar der emsigen Nager ist vor drei Wochen im Rhein in Höhe des Eltviller Ortsteils Hattenheim fotografiert worden. Das beweist nicht nur für den hessischen Naturschutzbund (Nabu), dass die seit Ende des 16. Jahrhunderts in Hessen als ausgestorben geltende Art allmählich zurückkehrt. Und auch der in den siebziger Jahren verschwundene Storch ist seit einiger Zeit wieder öfter zu erspähen. Mehr als 410 Brutpaare haben nach Angaben der Staatlichen Vogelschutzwarte im Bundesland Hessen vergangenes Jahr rund 1000 Jungvögel großgezogen. Das sei eine sensationelle Zahl. Da lässt es sich für die Vogelexperten, die ihren Sitz in Frankfurt haben, leicht verschmerzen, dass man in der Metropole selbst noch immer auf den ersten Nachwuchs seit 1968 wartet.

          Mechthild Harting
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aus der Rückkehr dieser „Flaggschiff-Arten“, zu denen die Fachleute im gleichen Atemzug Uhu, Wanderfalke und Schwarzstorch wie auch Luchs und Wolf zählen, lässt sich ihrer Ansicht nach aber nicht der voreilige Schluss ziehen, dass es in Hessen um Artenvielfalt und Naturschutz wieder besser bestellt ist als vor einigen Jahren. Der Nabu Hessen spricht von Gewinnern und Verlierern. „Es gibt Arten, die haben von der Gesetzgebung, insbesondere vom Jagdverbot, profitiert“, sagt Mitarbeiter Mark Harthun. Für andere Arten wirke sich das Bewachen der Nester durch Ehrenamtliche positiv aus. Trotzdem wird die Liste der Verlierer nicht kürzer, sondern länger.

          Feuchte Wiesen und Tümpel wichtig

          Als besonders bedrohlich erweist sich die immer intensivere Landwirtschaft. „Auf den Äckern und Wiesen stellen wir einen massiven Artenrückgang fest“, sagt Harthun. Acker-Bodenbrüter wie Feldlerche und Kiebitz gebe es in Hessen immer seltener. Auf den Äckern nisten die Tiere nicht, weil Jahr für Jahr in riesigen Mengen Pestizide gesprüht werden. Nicht nur wegen der Giftstoffe selbst, sondern auch weil die Getreide- und Grashalme durch das Düngen immer dichter wachsen, brüten dort kein Vögel mehr, wie es heißt. Sie könnten nicht mehr beobachten, ob sich Feinde, etwa Füchse, näherten, und scheuten deshalb Wiesen und Felder.

          Hinzu komme, dass die Bauern nicht an ihren Feldergrenzen haltmachten. Seit Jahren nähmen sie die Randstreifen an Wegen, Bächen und Flüssen, die eigentlich der Öffentlichkeit gehörten, einfach mit unter den Pflug. „Damit gehen die letzten Lebensräume der Tiere verloren“, sagt Harthun. Er sei irritiert, wie unbekümmert die Kommunen diese „illegale Landnahme“ hinnähmen.

          Typisches Opfer der modernen Landwirtschaft ist das Braunkehlchen, das jahrhundertelang auf Zaunpfählen saß, um einen guten Überblick zu haben. Jetzt gebe es kaum noch Pfähle auf den Feldern, sagt Harthun. Verschwunden sind auch Auen und Auwälder, die es früher an allen Flüssen gab und die ursprünglich zu den artenreichsten Lebensräumen zählten. Dort fühlte sich einst die Nachtigall wohl, die man mittlerweile fast nur noch aus Frühlingsliedern kennt. Auch Amphibien wie Gelbbauchunke und Kreuzkröte, laut EU streng geschützte Arten, können ohne feuchte Wiesen und Tümpel, die durch regelmäßiges Hochwasser entstehen, nicht überleben.

          Die saubere Windschutzscheibe

          Selbst ganz normale Wiesen sind kaum noch zu finden. Entweder werden die Flächen zu Ackerland gemacht, oder aber sie werden so stark gedüngt, dass sich nur noch Gras, Löwenzahn und Butterblume durchsetzen. „Es fehlen die blütenreichen Wiesen“, sagen Experten. Das bedeute nicht nur Monotonie in der Pflanzenwelt. Auch die Vielfalt der Insekten, etwa unter den Schmetterlingen, nehme ab.

          In diesem Frühjahr haben die Ergebnisse einer Erhebung von Nabu und Krefelder Insektenkundlern für Aufregung gesorgt. Sie stellen seit Jahren Insektenfallen auf und vergleichen die Mengen. Dabei registrierten sie nun, dass innerhalb von 20 Jahren die Zahl der Insekten um bis zu 80 Prozent gesunken ist. „Wissen Sie noch, wie viele tote Insekten früher nach einer langen Autofahrt an der Windschutzscheibe klebten?“, fragt Harthun. Mittlerweile bleibe sie fast sauber.

          In der Forstwirtschaft gibt es zwar Fortschritte im Naturschutz, doch die Naturschützer vermissen große Gebiete, in denen kein Baum mehr gefällt wird. In Gewässern und an den zugehörigen Uferstreifen könnte die EU helfen: Sie gibt den Ländern eine Wasserrahmenrichtlinie vor, die die Entwicklung naturnaher Ufer vorschreibt. Das gibt Hoffnung für die Biber und könnte die Vielfalt bunter Libellen fördern. So soll in Frankfurt zum Beispiel der Fechenheimer Mainbogen zu einer Auenlandschaft mit Wiesen und Tümpeln werden. Vielleicht wird dort dann, wie gerade schon in Frankfurt-Harheim, ein Storchenpaar heimisch.

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