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Rückblick Hochtaunuskreis : Aufdringlicher Nachbar

Nicht nur Bauern: Protest im Feld bei Oberursel gegen ein neues Wohnquartier. Bild: Marcus Kaufhold

Im Hochtaunuskreis sind die Politiker nicht nur mit der Suche nach Baulücken beschäftigt. Der Druck auf dem Wohnungsmarkt macht vor der Kreisgrenze nicht halt.

          Wer etwas auf sich hält, wohnt im Vordertaunus – die platte Weisheit ist weder neu noch originell. Aber ihre Konsequenzen haben in diesem Jahr Politik und Bürger im Hochtaunuskreis stark beschäftigt. Die Nachfrage treibt die Preise und macht das eigene Häuschen zu einem exklusiven Gut. Als die Lottogesellschaft SKL im Frühjahr im Kronberger Schlosshotel einen Millionär ermittelte, hätte der sich mit dem Gewinn den Traum vom Eigenheim in dem Städtchen mit dem schönen Burgblick schwerlich erfüllen können. Zum Glück kam der Mann aus Bremen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Forderung nach „bezahlbarem Wohnraum“ hat im Hochtaunuskreis also eine ganz eigene Bedeutung. Für den Oberurseler Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) liegt die Grenze bei einer Miete von weniger als zehn Euro je Quadratmeter. Auch wenn es, wie bei den derzeit im Süden der Stadt geplanten Wohnungen, gerade einmal 9,95 Euro sind. In Oberursel sucht die Koalition aus CDU und SPD intensiv nach Bauplätzen. 1000 Wohnungen sollen bis 2021 entstehen, für 800 sind Flächen gefunden.

          Zu wenige Wohnungen

          Allerdings werden es am Ende bei einzelnen Bauvorhaben doch nicht so viele Wohnungen wie ursprünglich vorgesehen. Denn die meisten Häuser sollen Lücken füllen, und wer neben der Lücke wohnt, sorgt sich wegen des zusätzlichen Verkehrs oder des Schattens der Immobilie, die das Grundstück möglichst stark ausnutzt. Ein neues Baugebiet außerhalb der bisherigen Siedlungsgrenzen ist vor allem in den Städten und Gemeinden im, von Frankfurt aus gesehen, Kreisgebiet diesseits des Taunuskamms selten geworden. Am Hühnerstein im Bad Homburger Stadtteil Ober-Erlenbach wurde im Oktober nach gut zehn Jahren Vorarbeit offiziell der Beginn der Erschließungsarbeiten gefeiert. Etwa 750 neue Einwohner könnte der Stadtteil durch die 300 Wohnungen bekommen. Obwohl nicht innenstadtnah, sind die Bauplätze gefragt. Auf das Angebot der Stadt, 50 Hausgrundstücke im Erbbaurecht an junge Familien zu vergeben, meldeten sich 700 Interessenten.

          Schlossherrin Kirsten Worms: Im oberen Hof des Bad Homburger Landgrafenschlosses kommen Smartphone-Nutzer seit kurzem drahtlos ins Internet. Es ist nur ein Beispiel dafür, dass sich Kirsten Worms außer um die Bewahrung historischer Bauten auch um deren Besucher kümmern muss. Als Nachfolgerin von Karl Weber ist die gebürtige Bremerhavenerin seit Anfang des Jahres Direktorin der Verwaltung der Schlösser und Gärten in Hessen. Von Bad Homburg aus betreut sie 45 Liegenschaften, vom Niederwalddenkmal oberhalb von Rüdesheim bis zum Kloster Seligenstadt. An ihrem Dienstsitz wartet eine Herausforderung: die Wiedereröffnung des kaiserlichen Appartements Wilhelms II. nach der statischen Sicherung des Königsflügels. Bilderstrecke

          Am stärksten bewegt hat 2018 viele Menschen aber die Suche nach Siedlungsflächen nicht im, sondern außerhalb des Hochtaunuskreises. Vor allem in Oberursel und Steinbach stoßen die Frankfurter Pläne für einen neuen Stadtteil zu beiden Seiten der Autobahn 5 auf Widerstand. Die Gegner sind keineswegs Öko-Fundamentalisten. In Steinbach stritten sich CDU und FDP darum, wer zuerst „Nein“ gerufen hat. Am 19. August führte ein Sternmarsch der CDU-Ortsverbände mehrere hundert Teilnehmer nach Oberursel-Weißkirchen, die gegen eine Bebauung im Nordwesten der A 5 protestierten. Denn bis dorthin würde der neue Stadtteil reichen, wenn auf 190 Hektar 30.000 Menschen unterkommen sollen. Was viele Bauern erbost.

          Frage nach der Stadtentwicklung

          Den meisten Politikern im Taunus ist klar, dass dagegen zu sein allein nicht reicht. Bei der Frage, wie es mit der eigenen Stadtentwicklung weitergehen soll, werden immer häufiger die Bürger gefragt. Neu-Anspach hat die Arbeit an einem Stadtentwicklungskonzept begonnen, Friedrichsdorf überarbeitet das vorhandene, und im Dezember hat der Kreis zu zwei Auftaktveranstaltungen eingeladen, um den Prozess „Hochtaunus 2030+“ zu beginnen. Dieselbe Jahreszahl hatte Bad Homburg als Zielvorgabe für sein Stadtentwicklungskonzept genommen. Im August wurde das in Arbeitsgruppen und mit Online-Beteiligung entstandene Regiebuch vorgestellt. Die vielbeschworene Offenheit der Gedanken hatte allerdings Grenzen. Als die Diskussion im März ein neues Wohnquartier am Ortsrand von Ober-Eschbach im Süden der Stadt ins Spiel brachte, wurde die Idee sowohl von den Fraktionen als auch von Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) unverzüglich verworfen.

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