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Max Hollein verlässt Frankfurt : Schirn gerettet, Städel erweitert, Liebieghaus aufgefrischt

  • -Aktualisiert am

Rückschau: Eine der erfolgreichsten Ausstellungen im Städel war die Botticelli-Schau. Bild: Wonge Bergmann

Von der Entdeckung Petra Roths zum Liebling der Gesellschaft und der Sponsoren: In 15 Jahren hat Max Hollein die Museumslandschaft geprägt. Ein Rückblick auf seine Zeit in Frankfurt.

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          Es war bei einem Treffen 1998 in New York, einer dieser Gelegenheiten, in denen die damalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth in der Ostküstenmetropole für Frankfurt warb und sich dort Anregungen für die von ihr regierte Stadt holen wollte. Zusammen mit ihrem Büroleiter Felix Semmelroth, heute Kulturdezernent, lernte sie damals beim Essen den jungen Max Hollein kennen, der am Guggenheim-Museum arbeitete und schon zum engen Vertrauten von Thomas Krens, seinerzeit Direktor dieses Museums, geworden war.

          Der Wiener Charme muss den Frankfurtern ungemein imponiert haben, seit jenem Abend, so heißt es, sei man sehr interessiert daran gewesen, den Sohn des Architekten Hans Hollein, des Erbauers des Museums für Moderne Kunst, für die kleine Großstadt am Main zu gewinnen. Später sollte auch Hans-Bernhard Nordhoff, bis 2006 Kulturdezernent in Frankfurt, für sich beanspruchen, Hollein nach Frankfurt geholt zu haben. Schließlich war der mit 31 Jahren zum Leiter der Schirn Kunsthalle auserkorene Österreicher schon nach kurzer Zeit überaus erfolgreich.

          Die Schirn präsentiert außergewöhnliche Fragestellungen

          2001 hatte er den Posten angetreten. Kommunalpolitiker hatten noch kurz zuvor die Schirn wegen Publikumsmangel zur Disposition stellen wollen. Überhaupt schien das Kunsthallen-Konzept wenig zukunftsträchtig. Konservatorische Bedenken, hohe Versicherungssummen und keine Sammlung im Rücken, aus der man im Gegenzug zu Leihgaben Kunstwerke ausleihen könnte: Der Idee einer reinen Ausstellungshalle gaben viele keine Chance mehr.

          Es kam anders. Zumindest in Frankfurt. Max Hollein zweifelte zwar in Interviews immer wieder an, dass Kunsthallen Bestand haben könnten. Aber mit großen Ausstellungen, die sich nicht offen zutage liegenden Aspekten einzelner Künstler oder aber übergeordneten Themen widmeten, so die „Shopping“-Schau, mit der Hollein in Frankfurt seinen Einstand gab, umgingen er und seine Kuratoren die Notwendigkeit, Hauptwerke und allzu bekannte Ikonen der Kunstgeschichte zu zeigen, die, wenn überhaupt, nur selten auf Reisen geschickt werden.

          Diesem Prinzip ist die Schirn bis heute verpflichtet, mit den „Sturm-Frauen“ beispielsweise, deren Werke bis Anfang Februar dieses Jahres zu sehen waren, hat die Schirn eine bislang vernachlässigte, aber um so interessantere Entwicklung aus der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts dokumentiert, erklärt, in historische Zusammenhänge gebracht. Viele unbekannte Künstlerinnen erhielten ein spätes Forum. In einer ästhetisch ansprechenden Ausstellungsarchitektur wurden Werke präsentiert, mit denen die Frauen formal und inhaltlich neue Pfade gingen. Diese Vorgehensweise zeichnet auch viele andere Ausstellungen in der Schirn aus: Es geht nicht um zehn, zwölf anerkannte Meisterwerke eines Künstlers, sondern um außergewöhnliche Fragestellungen.

          Äußerst erfolgreich bei der Akquise von Drittmitteln

          Seit Hollein in Personalunion auch Direktor von Städel und Liebieghaus ist, hat sich das Problem des Hauses ohne Sammlung ohnehin entschärft. 2006 entschieden sich Stadt Frankfurt und die Städel-Administration zu diesem Schritt. Mit der Städel-Sammlung im Hintergrund lässt sich einfacher auch über Leihgaben für die Schirn verhandeln. Hinzu kommt die Reputation, die das Städel stets hatte und unter Holleins Führung ausbauen konnte. Als das Haus im vorigen Jahr seinen 200. Geburtstag feierte, kamen zu mehreren Jubiläumsausstellungen derart erstklassige Werke, dass das Publikum nur noch ins Staunen geriet. Die große Monet-Schau im Städel 2015 zog 432.121 Besucher an. Damit war der Publikumszuspruch noch stärker als bei der Botticelli-Ausstellung, mit der das Städel ohnehin schon an die Grenzen seiner Belastbarkeit gelangt war.

          Dass die aus Banken und anderen Wirtschaftunternehmen stammenden Administratoren des Städels Gefallen an Hollein fanden, ist nicht verwunderlich. Er hat keine Berührungsängste, bringt Kunst und Wirtschaft zusammen, wo er kann, und hat seit seiner Ankunft in Frankfurt nicht ein einziges Mal darüber gejammert, die Stadt gebe den Kulturinstitutionen zu wenig Geld. Im Gegenteil: Niemand aus der Kulturszene zuvor hat mit einer solchen Ausdauer Drittmittel eingeworben wie er.

          Unternehmen, darunter auch solche, deren Namen noch niemand in der Kulturszene gehört hatte, avancierten zu Sponsoren. Das brachte Neider aus anderen Kultureinrichtungen auf den Plan. Dass Förderer Mittel locker machten, die andersweitig zu vergeben ihnen gar nicht in den Sinn gekommen wäre, konnte man Hollein aber schwerlich vorwerfen. Als es um die Erweiterung des Städels durch die Gartenhallen ging, lief er zur Höchstform auf: Das ehrgeizige Projekt war nicht nur in erstaunlich rascher Zeit finanziert, es wurde auch erstaunlich zügig realisiert. Teile der Sammlungen von Deutscher Bank und DZ Bank sind jetzt unter dem Städel-Garten zu sehen - ein weiterer Hollein-Coup.

          Mit seinem den Vereinigten Staaten abgeschauten Fördermodell hat er Wege beschritten, die noch in den achtziger und neunziger Jahren für fast alle Kulturleute Tabuzonen waren. Auch das einst friedlich vor sich hin schlummernde Liebieghaus wurde aufgefrischt und auch schon einmal aufgemischt: Die Jeff-Koons-Ausstellung sorgte zumindest für heftige Diskussionen. Die Hollein, der in Frankfurt bald zum Liebling der Gesellschaft wurde, mit jenem Charme, der schon die einstige Oberbürgermeisterin bezauberte, zumeist für sich entscheiden konnte.

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