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Rückblick 2018: Wiesbaden : Dicke Luft und goldener Erdogan

Mehr Platz für Radfahrer: Wiesbaden will den Anteil des Radverkehrs auf zehn Prozent steigern. Bild: dpa

In der Landeshauptstadt warf der Oberbürgermeisterwahlkampf seine Schatten voraus. Restmüll, Stickoxide und die städtische Vergabepraxis führten zu Diskussionen. Aber das Kongresszentrum erweist sich als Erfolg.

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          Jede Menge „dicke Luft“ in Wiesbaden: So lässt sich das zurückliegende Jahr für die Landeshauptstadt treffend zusammenfassen – sowohl im Hinblick auf die Politik als auch auf das Klima in der Stadt. Wegen der chronischen Überschreitung der Stickoxid-Grenzwerte in 39 Straßenzügen wurde auch Wiesbaden von Deutscher Umwelthilfe und Verkehrsclub Deutschland vor den Kadi zitiert. Ob es zu einem Fahrverbot kommt, wird sich aber erst nach der zweiten Verhandlung Mitte Februar zeigen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Politisch müssen vor allem die Grünen der Deutschen Umwelthilfe für ihre Klagewelle dankbar sein. Denn unter dem Damoklesschwert eines drohenden Fahrverbots für 125.000 ältere Diesel, die in Wiesbaden und Umgebung zugelassen sind, konnte Umweltdezernent Andreas Kowol (Die Grünen) in Wiesbaden eine grüne Verkehrswende einleiten, wie sie in den Jahren zuvor politisch undenkbar gewesen wäre. So aber setzte Kowol mit breiter Unterstützung im Stadtparlament ein Paket durch, das den Autofahrern zunehmend Verkehrsraum entzieht.

          Weniger dicke Luft in der Innenstadt

          Profiteure sind unter anderen die Radler. Ob die Steigerung des Radverkehrsanteils von knapp sechs auf mehr als zehn Prozent gelingt, wird sich erst noch zeigen müssen. Auch die Elektrifizierung der gesamten Flotte von 221 Stadtbussen, mit der 2019 begonnen werden soll, ist noch nicht sicher, solange der Auftrag nicht erteilt ist.

          Der Verkehrsfluss in Wiesbaden wurde schon so verändert, dass mehr Autos auf den Zweiten Ring und damit an die Peripherie gelenkt werden. Der öffentliche Personennahverkehr wurde durch zusätzliche Busspuren beschleunigt. Im Gegenzug wurde das Parken in der Innenstadt für die Autofahrer um 25 Prozent teurer. Große Hoffnungen setzt die Stadt zudem in die digitale, intelligente Steuerung des Verkehrs, für die 30 Millionen Euro bereitstehen. Noch vor Weihnachten wurde der Vertrag mit Siemens unterzeichnet. Unklar bleibt, wann die Ampeln „intelligent“ werden und so klug miteinander vernetzt, dass der Verkehr besser fließt als heute.

          Projektleiter Henning Wossidlo: Unter der Regie des früheren Kurdirektors gelang es, das neue Rhein-Main-Kongresszentrum nicht zur planmäßig fertigzustellen und in Betrieb zu nehmen, sondern den Kostenrahmen von 194 Millionen Euro tatsächlich einzuhalten. Wossidlo hat mit seinem Team vieles richtig gemacht. Die Wahl von Ferdinand Heide als Architekt erwies sich als Glückgriff. Kein Wunder, dass Stimmen laut wurden, Wossidlo möge doch den neuen Berliner Flughafen fertigstellen, dann könnte dieses Projekt endlich zum Erfolg werden. Die Wiesbadener lieben das neue Kongresszentrum, das im ersten Rumpfgeschäftsjahr die Erwartungen übertroffen hat. Ein Schönheitsfehler war nur der Wasserschaden zur Eröffnung, der mehr als eine Million Euro gekostet hat – die Versicherung. Bilderstrecke
          Wiesbadener Köpfe 2018 : Wiesbadener Köpfe des Jahres 2018

          Die Atemluft sollte sich somit absehbar verbessern, sogar ohne Citybahn, deren Start weiterhin unklar bleibt. 2018 wurde zwar die Linienführung immer konkreter, doch ein negatives Votum der Industrie- und Handelskammer bedeutete politisch einen herben Rückschlag für das Projekt. 2019 sollte die Entwurfs- und Genehmigungsplanung so weit vorankommen, dass ein Termin für einen Bürgerentscheid spätestens für 2020 bestimmt werden kann. Das wird noch für hitzige Debatten sorgen.

          Skandale um Müllverbrennung und Catering

          Die politische Atmosphäre im Rathaus und über dessen Mauern hinaus wurde mehrfach starken Belastungen ausgesetzt. Nicht nur durch den goldenen Erdogan, der als provozierendes Kunstwerk über Nacht auf dem Platz der Deutschen Einheit aufgetaucht war und Wiesbaden bundesweite Schlagzeilen bescherte.

          In der ersten Jahreshälfte war es die Aufregung um den geplanten Bau einer privaten Müllverbrennungsanlage durch das Unternehmen Knettenbrech&Gurdulic, der politisch quasi durch die Hintertür durchgesetzt wurde. Vor allem für die Grünen ist es bis heute ein Skandal, dass nicht das Stadtparlament die Richtung vorgegeben hat, wie künftig mit dem Wiesbadener Restmüll zu verfahren ist, sondern eine Tochter des Stadtkonzerns mit ihrer Ausschreibung zur Restmüllentsorgung unumstößliche Fakten geschaffen hat.

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