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Rotlichtviertel : Im Schein der Lichterketten

  • -Aktualisiert am

Noch immer ist der Reiz des Verbotenen und Verruchten da: das Frankfurter Rotlichtviertel. Bild: Lisowski, Philip

Alle sehen die Bordelle, viele wollen davon nichts wissen. Im Rotlichtviertel in Frankfurt werden die Heimlichkeiten offen angepriesen. Wie sieht der Alltag der Frauen dort aus?

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          Komm“ steht über der automatischen Tür zum „Crazy Sexy“. Dahinter ist ein Süßigkeiten-Automat aufgestellt, vielleicht, um dem Besucher Zeit zu geben, ein Gefühl des Gehemmtseins abzulegen, während er zunächst die Auswahl an Schokoriegeln studiert.

          Laut einer Schätzung der Dienstleistungsgesellschaft „Verdi“ haben in Deutschland täglich 1,2 Millionen Männer Kontakt mit einer Frau, die ihren Körper verkauft. Im Frankfurter Bahnhofsviertel gibt es 22 sogenannte Laufhäuser, Bordelle, in denen Prostituierte einen Raum gemietet haben und bei offenen Türen auf Kunden warten. Das „Crazy Sexy“, ein Komplex aus mehreren Gebäuden, hat 180 Zimmer, es ist das größte Laufhaus in Deutschland.

          Zutritt: nur für Männer

          Das Entrée, der Übergang zwischen der Welt draußen und der Parallelwelt drinnen, erinnert an Gruselkabinette auf frühen Jahrmärkten. Kleine Neonlichter im sonst dunklen Raum, grobe Gipsimitate antiker Statuen und Vitrinen, in denen explizite Interaktionsszenen zwischen Schaufensterpuppen arrangiert sind: Das ist der Zugang zu einem Ort des Versprechens und der Heimlichkeit. Zu einem Ort mit vielen Fluren, die einer dem anderen gleichen, mit unzähligen Türen und weiß gekachelten Wänden. Alles erinnert ein bisschen an das Set in den Filmen von David Lynch; Zutritt nur für Männer.

          Sie gehöre schon fast „zum festen Inventar“ in diesem Bordell, sagt Uschi. Mit einem geflochtenen Korb in der rechten Hand steigt sie in den Aufzug. Es riecht nach Seife und nach Chlor. Die kleine Frau um die fünfzig hat ihre schwarzgefärbten Haare zu einem Zopf zusammengebunden, trägt eine Brille mit silbernem Rand und bequeme Halbschuhe. Sie bringt Putzmittel und Kondome in die dritte Etage. Seit mehreren Jahrzehnten tut sie das schon: Den ganzen Tag durch diese fünf Häuser laufen, endlose Flure entlang, „zu den Damen“, denen sie Dinge des alltäglichen Bedarfs bringt, denen sie zuhört, wenn sie Sorgen haben. „Was ich während der langen Zeit schon alles mitbekommen und erzählt gekriegt habe, kann man sich kaum vorstellen“, sagt Uschi mit einem Lächeln, das zwischen mütterlicher Fürsorglichkeit und Abgebrühtheit changiert. Konkretes will sie nicht erzählen, aus Loyalität zu den Frauen, sagt sie. „Dass sich in so einem Geschäft Belastungen und Probleme häufen, ist ja klar.“

          Ein Gewerbe wie jedes andere?

          120 bis 140 Euro Miete am Tag zahlen die Frauen, die im „Crazy Sexy“ ein Zimmer haben. Wer mieten möchte, muss dem sogenannten Wirtschafter des Hauses Ausweis oder Pass vorlegen. Der Pass wird kopiert und den Frauen ein Belegzettel für die Zimmermiete ausgehändigt. Seit das Prostitutionsgesetz im Jahr 2002 die Sexarbeit vom Stigma der Sittenwidrigkeit befreit hat, gilt Prostitution als Gewerbe wie jedes andere. Prostituierte können sich offiziell krankenversichern, sie haben das Recht, die Zahlung des mit dem Kunden vereinbarten Entgelts gerichtlich einzuklagen - und können Mitglied bei „Verdi“ werden. Auf der anderen Seite müssen die Frauen ihre Arbeit anmelden und Steuern zahlen.

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