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Rosenmontagsumzug Mainz : Der schönste Narren-Platz ist an der Ecke

In Reih und Glied: Die Mainzer Garden grüßen und marschieren. Bild: Cornelia Sick

Wie viel Brausetütchen am Rosenmontag in den Beutel kommen, ist eine Frage des Standorts. Und wie viel leere Flaschen im Container landen, eine der Information.

          3 Min.

          Der schönste Platz ist während des Mainzer Rosenmontagszugs bestimmt nicht an der Theke. Und auch jene, die jahrzehntelang vom eigenen Balkon an der sieben Kilometer langen Strecke profitierten, können sich in jüngster Zeit nur noch über die gute, da unverstellte Aussicht freuen. Schließlich haben die Fastnachter mittlerweile vor allem weiche Wurfware dabei, damit sich bloß niemand verletzt. Produkte, wie Popcorntütchen, Brausepulver und Taschentücher also, die mehr vom Wagen schweben denn fliegen. Und so etwas lässt sich selbst von geübten Zugteilnehmern mit Muskelkraft allein schwerlich bis in die zweite Etage eines Wohnhauses schleudern. Eben deshalb müssen sich alle, die mit gefüllten Taschen vom Zug heimkehren möchten, unters Volk mischen und möglichst nahe heranrücken an den Ort des Geschehens.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Auf der Prominententribüne vor dem Staatstheater, wo die Zuschauer abermals vom Kommentatoren-Duo Michael Ebling und Malu Dreyer – der eine Oberbürgermeister, die andere Ministerpräsidentin und beide in der SPD – ordentlich informiert und unterhalten wurden, sitzt man schon vergleichsweise gut. Noch besser, vermutlich gar am allerbesten, steht es sich jedoch ganz in der Nähe: an der Kreuzung Ludwigsstraße, Weißliliengasse und Große Langgasse. Schließlich ziehen an diesem einzigartigen Standort die Gardisten, Musiker und Motivwagen gleich an zwei Seiten am Publikum vorbei; die einen noch in Richtung Gutenbergplatz, die anderen schon auf dem Rückmarsch zum Schillerplatz. Entsprechend stockt einem an der Engstelle bisweilen der Atem, wenn ein von mehreren Pferden gezogenes Gespann gerade um die Ecke biegen will.

          Trauerflor für „Boten vom Bundestag“

          Die Sorge, dass die Mainzer Narrenschau kurzfristig doch noch abgesagt werden könnte, hatte am Sonntag bei den Stadtteilumzügen in Bretzenheim und Finthen für viel Gesprächsstoff gesorgt. Weil die „goldisch Mennzer Fassenacht“, selbst ohne Charlie-Hebdo-Motivwagen, eben für vieles stehe, was von islamistischen Fanatikern abgelehnt, wenn nicht gehasst werde. Und schließlich war am Sonntag der in Braunschweig geplante Umzug wegen einer laut Polizei „konkreten Terrorgefahr“ abgesagt worden. Nichts und niemanden über Gebühr provozieren, das Thema aber auch nicht so hochhängen, sich das Feiern nicht verleiden und erst recht nicht verbieten lassen: Geeint in dieser Grundhaltung, wenngleich durchaus mit zwiespältigen Gefühlen erschienen, haben die Fastnachter am Rhein die Kampagne 2015 allesamt dann doch recht froh gelaunt zu Ende gebracht. Die Organisatoren vom Mainzer Carneval-Verein (MCV) 1838, der in Erinnerung an den verstorbenen „Boten vom Bundestag“, Jürgen Dietz, seine Wagen mit Trauerflor versah, sprachen nach der mehr als fünfstündigen Narrenschau von 550.000 Zuschauern. Trotz kühler Witterung und unerwartet seien es mehr als im Jahr zuvor gewesen, sagte Kay-Uwe Schreiber von der Zugleitung. Was wieder einmal zeige, dass Narren sich den Spaß nicht so leicht verderben ließen.

          Schon gar nicht von der vor wenigen Tagen abgesackten Rheinbrücke zwischen Mainz und Wiesbaden. Dieses Hindernis scheint die rechtsrheinischen Bewohner jedenfalls nicht davon abgehalten zu haben, sich den 114.Rosenmontagszug unter Motto „Hier bin ich Narr, hier darf ich‘s sein, an Fassenacht in Mainz am Rhein“ anzuschauen. Neben den 15 vom MCV mitgeführten Motivwagen als „gebaute Karikaturen“ waren von 11.11 Uhr an fast 10.000 Anhänger von „Gott Jokus“ auf den Straßen unterwegs: um auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam zu machen, die Obrigkeit zu kritisieren und für die Meinungsfreiheit einzutreten.

          Ausweitung der „glasfreien Zone“

          Keine zwei Meinungen dürfte es darüber geben, dass das von der Stadt verhängte Glasverbot für den Schillerplatz nur funktionieren kann, wenn die Verwirklichung der an sich sinnvollen Regelung kontrolliert wird. Bis zum frühen Nachmittag waren aber die Böden der Glascontainer nur leicht bedeckt, derweil die meisten Bierflaschen, Klopfer und Sektpullen um den Fastnachtsbrunnen herumlagen. Was dem einsamen, am Ballplatz abgestellten Ordner, der die gruppenweise anrückenden Festgäste zum freiwilligen Umfüllen ihrer Getränke in bereitgestellte Plastikbecher ermuntern sollte, am wenigsten anzukreiden sein dürfte.

          Falls man sich 2016 für eine Ausweitung der „glasfreien Zone“ entscheiden sollte, wird es nicht reichen, nur mit einem leicht zu übersehenden Schild auf die Umkipp-Aktion hinzuweisen. Weil viele Festgäste wieder nur vollgepackte Tüten, nicht aber die leeren Flaschen mit nach Hause nahmen, mussten abermals die Mitarbeiter des Entsorgungsbetriebs anrücken, um tonnenweise Müll von Straßen und Plätzen zu entfernen.

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