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Rosa von Praunheim zum 70. : Falsch, aber echt

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Den Partyhut hat er schon aufgesetzt: Rosa von Praunheim, hier in seiner Berliner Wohnung, wird an diesem Sonntag 70 Jahre alt. Bild: dapd

Berühmt wurde er erst, nachdem er die Stadt verlassen hatte. Noch immer aber trägt er einen Teil Frankfurts im Namen: Heute feiert Rosa von Praunheim seinen 70. Geburtstag.

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          Das Private öffentlich machen. Das galt schon immer für Holger Radtke alias Holger Mischwitzky alias Rosa von Praunheim. „Praunheim über Praunheim“. So könnten alle seine Filme überschrieben sein. Stets erzählt sich der Filmemacher selbst, schafft mit seinen Filmen authentische Inszenierungen immer wieder neuer und anderer Reflexionen über sein eigenes Ich, sein Leben, seine Lieben, seine Freunde, seine Bekannten, seine Städte, seine Szenen, seine Welten.

          Unter dem Titel „Rosas Welt“ hat sich der Provokateur, politische Aktivist der Schwulenbewegung und Grimme-Preisträger zu seinem heutigen 70. Geburtstag 70 neue Filme geschenkt. Mit seinem Konvolut hat er sich in Berlin, im Deutschen Filmmuseum Frankfurt und im Frankfurter Kino „Mal seh’n“ feiern lassen. Entstanden ist ein gigantisches Porträt-Panoptikum, unterteilt in Kapitel: starke Frauen, starke Schwule, sensible Heteros, Erotik, Transgender.

          Die starken Frauen Praunheims

          Zu den starken Frauen Praunheims gehört Eva Mattes. Ausgestattet mit einem blau schimmernden Dompteurhut besucht er die Schauspielerin, sitzt mit ihr auf der Dachterrasse und befragt sie neugierig und direkt zu Leben, Liebe und Beruf. Zu den starken Schwulen gehören Praunheims Nachbarn. Sie sprechen selbstbewusst in die Kamera und erklären ihre „Goldbarock“-Einrichtung damit, dass sie Sissi-Filme mögen. Aber auch Straßen und Plätze wie der Berliner Preußenpark gehören zu „Rosas Welt“. Entstanden sind Dokumentationen zwischen vier und 45 Minuten Länge.

          Praunheims fiktionale Dokumentationen oder dokumentierende Fiktionen, wie immer man die Werke des Autorenfilmers nun auch kategorisieren mag, zeichnen sich zum einen durch eine verblüffend selbstironische Aufrichtigkeit, zum anderen durch eine zutiefst liebevolle Beschreibung der Menschen seiner Welten aus. Sie spielen für Praunheim vor der Kamera im Grunde immer sich selbst, verkörpern ihre eigenen Wünsche und Träume. Ähnlich wie die Akteure der Nouvelle Vague dokumentieren sie eine unbändige Lust am Schauspiel und wirken gerade in der Inszenierung ihrer märchenhaften Lügen unglaublich aufrichtig. Alles Nicht-Perfekte und Nicht-Schöne wird bei Praunheim provokant thematisiert. Der Inhalt dominiert die Form, die Botschaft zählt. Die Neugierde auf Menschen und ihre Geschichten treibt ihn an.

          „Die Bettwurst“ mit der exaltierten Tante

          Legendär sind seine Porträts der mütterlichen Muse Lotti Huber. Der extravaganten Schauspielerin, Tänzerin und Diseuse des Berliner Underground setzte er Denkmäler mit „Unsere Leichen leben noch“ (1981), „Anita - Tänze des Lasters“ (1988) und „Affengeil - Eine Reise durch Lottis Leben“ (1990). Während des Drehs zu „Unsere Leichen leben noch“ lebte er mit allen fünf Protagonistinnen gemeinsam in seiner Wohnung. Hier erzählten die alternden widerborstigen Heroinen aus ihrem Leben, tranken, kifften und schliefen und ließen sich dabei von Praunheim filmen. In „Anita - Tänze des Lasters“ (1988) spielte die Huber Frau Kutowski, die denkt, sie sei Anita Berber, die Nackttänzerinnen-Ikone des Berliner Nachtlebens der zwanziger Jahre, und deshalb in der Psychiatrie landet. Die Erinnerungen inszenierte Praunheim eindringlich als farbenprächtige Stummfilmsequenzen, während die Psychiatrie schwarzweiß blieb.

          Abgöttisch liebte und verehrte er auch seine exaltierte Tante Luzi Kryn, mit der er ebenfalls mehrere Filme drehte, vor allem in seinen Anfangsjahren, so „Die Bettwurst“ (1971). Der Film, mit Laiendarstellern gedreht, die sich selbst spielten, und das mit geringstem Budget, gilt heute als Klassiker des Neuen deutschen Films.

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