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Romantik-Kongress : Gegen eine Welt der Gründe und Zwecke

Wohlklang: Harfenkonzert beim Romantik-Kongress im Frankfurter Kunstverein Bild: Sick, Cornelia

Die Romantik wirkt weiter und hat den zeitgenössischen Künsten einiges zu sagen: Das zeigt der Kongress „Unendliche Annäherung“ in Frankfurt und Wiesbaden.

          Warum, fragte Katharina Hacker, hätten Clemens Brentano, Ludwig Tieck und all die anderen bloß immer das Gefühl gehabt, das Leben sei anderswo: „Was ist das für ein Gejagtwerden?“ Wilhelm Genazino hatte im Frankfurter Kunstverein die Antwort. Die Romantiker seien enorme Stubenhocker gewesen: „Sie hatten das Gefühl, sie sind zu sehr zu Hause.“ Dass heute ganz Europa wie verrückt in den Urlaub fährt, hätte an diesem Punkt der Diskussion unbedingt ergänzt werden müssen, schließlich ging es im Kunstverein auf dem vom Frankfurter Kulturamt veranstalteten Kongress „Unendliche Annäherung“ einen Tag lang um die Spuren der Romantik in der Gegenwart.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass die Romantik nicht nur eine zeitlich abgrenzbare Epoche, sondern auch ein Habitus ist, hatte Heinrich Detering am Abend zuvor schon bei der Eröffnung des Kongresses im Museum Wiesbaden formuliert. Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung nahm eine kurz zuvor von einem Mitdiskutanten gemachte Bemerkung auf: „Der romantische Blick ist, die Utopie in die Vergangenheit zu verlegen“, hatte Martin Mosebach gesagt. Und erklärt, wie es zu diesem zurückblickenden Traum kam, der noch immer anziehend wirkt: „Wir haben die Romantik nicht verlassen. Sie ist Ergebnis der Revolution, und die Revolutionen sind seitdem nicht abgerissen. Wir sehen in immer kürzeren Abständen zurück auf Gewesenes.“

          Wissenschaftliche Fortschritte

          Der Romantik als Reaktion auf Umsturzerlebnisse aller Art stellte Georg Klein am folgenden Tag im Kunstverein eine ergänzende Deutung zur Seite, in der er das Denken der Romantiker ebenso intensiv mit ihrer Vergangenheit und unserer eigenen Gegenwart verband wie Mosebach. Klein sah in der Romantik das Resultat eines Gefühls, das die Jahre um 1800 mit ihrem Rückblick auf die Aufklärung und einige wissenschaftliche Fortschritte ebenso geprägt habe, wie es die vernetzte Jetztzeit kennzeichne: „Jetzt kann man alles wissen.“ Die Romantik sei der Versuch des Entkommens aus einer „zu Ende erklärten Welt, die völlig in Gründen und Zwecken aufgeht“. Klein lieferte die deutlichste Erklärung des gestern mit einem Konzert von Adam Green zu Ende gegangenen Kongresses für die augenblickliche Anziehungskraft der Romantik, der das Freie Deutsche Hochstift ein Museum neben dem Frankfurter Goethehaus errichten möchte und die Thomas Hettche dazu gebracht hat, einen veritablen, noch nicht erschienenen historischen Roman zu verfassen, aus dem er in Frankfurt Auszüge vorstellte. „Pfaueninsel“ führt ins Herz des preußischen Arkadien zu Beginn des 19. Jahrhunderts, mit den Tieren der königlichen Menagerie, Hofgärtnern, Hofzwergen und dem feinen Bewusstsein von der Fiktionalität jeglicher historischen Rekonstruktion, das schon die Romantik auszeichnete.

          Mosebach hatte die Vorstellung, die sich die Romantiker vom Rhein machten und danach der ganzen Welt als echt andrehten, schon am Tag zuvor als reine Erfindung bezeichnet. Das Flusstal, das sie vorgefunden hätten, sei schließlich schon zu ihrer Zeit die menschengemachte Kultur- und Verkehrslandschaft gewesen, die es auch heute noch sei. Die Dichter und Maler hätten die geliebte Gegend in einen „verzauberten Zustand entrückt, den sie gar nicht hatte“. Der Lyriker Norbert Hummelt entdeckte daraufhin sogar im Eisenbahnbau der nachromantischen Jahrzehnte die Möglichkeit, das Rheintal als Zugpassagier auf der Durchfahrt ganz im Sinne der Dichter zu genießen. „Das Romantische ist doch das Prinzip Sehnsucht, nicht das der Anwesenheit.“ Detering führte Hummelts Beobachtung weiter aus. Die Sehnsucht nach dem, was sich nicht mehr erreichen lasse, verbinde die Romantik mit dem Dichten an sich. „Der unsinnige Wille, das sich Entziehende festzuhalten, gehört zum Grundimpuls des Gedichteschreibens.“

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