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Roma im Gutleutviertel : Wenn Betteln die bessere Wahl ist

Die Roma, die vor der Kirche an der Gutleutstraße campieren, verdienen ihr Geld offenbar mit Bettelei. (Symbolbild) Bild: dpa

Mehrere Roma ziehen das Campen im Gutleutviertel der Rückkehr nach Rumänien vor. Einige Anwohner versuchen sie zu vertreiben - auch vor Reizgas scheint mancher keinen Halt zu machen.

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          Das Auto hält gegen Mittag an der Gutleutstraße, direkt vor der Kirche. Es ist ein neueres Modell mit bulgarischem Kennzeichen. Ein Paar steigt aus. Der Mann ist schon etwas älter, die Frau vielleicht Mitte dreißig. Sie gehen die paar Schritte zum Verschlag, in den am Morgen sämtliche Matratzen, Decken und Kinderwagen eingeräumt worden sind. Sie setzen sich auf Stühle, holen Essen aus einer Tüte und verbringen so den frühen Nachmittag.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Fast nichts deutet darauf hin, dass in der Nacht abermals rund zwei Dutzend Roma vor der Weißfrauenkirche im Frankfurter Gutleutviertel geschlafen haben. Inzwischen haben die Obdachlosen auf den Druck der Kirche reagiert und kehren morgens einmal durch. Auf dem Asphalt liegen lediglich noch Überreste eines zerschlagenes Eis. Vermutlich wurde es von Anwohnern geworfen, wie es in den vergangenen Tagen oft geschehen war, weil sie sich nicht mehr zu helfen wissen, wie sie sagen.

          Alle 20 Meter sitzen ältere Frauen auf dem Boden

          Offenbar verdienen die Roma-Familien ihr Geld mit Bettelei. Während das Paar an diesem Nachmittag an der Kirche die Stellung hält, kommen in Abständen von zehn Minuten junge Frauen vorbei. Sie sind zu dritt unterwegs, vielleicht gerade 20 Jahre alt. Sie besprechen sich kurz mit dem Paar, dann ziehen sie weiter, bis zur Münchener Straße, dort warten schon weitere Mitglieder des Clans. Alle 20 Meter sitzen ältere Frauen auf dem Bürgersteig, vor sich einen Pappbecher. Die Mädchen bleiben stehen, sammeln das Kleingeld ein, nur ein paar Münzen lassen sie liegen. Dann gehen sie weiter zur nächsten Bettlerin. Wieder eine ältere Frau, die gebückt auf dem Gehsteig hockt und wartet, dass ihr jemand Geld in den Becher wirft. Auch ihre Münzen sammeln die Mädchen ein.

          So geht es weiter, bis die Gruppe schließlich in Richtung Baseler Platz abbiegt. Dort, an einer Wechselstube, bleibt eines der Mädchen zurück, bei weiteren Angehörigen des Clans, die vor einer der Wechselstuben warten. Die anderen zwei ziehen weiter bis zum Hauptbahnhof.

          Am Abend versammelt sich die Gruppe wieder vor der Kirche. Einige liegen auf schmutzigen Matratzen, von denen nur noch der Schaumstoffkern übrig ist, neben ihnen stehen blaue Mülltüten und Rollkoffer mit Habseligkeiten. Eine junge Frau mit zum Zopf gebundenen schwarzen Haaren und einem bunten, knöchellangen Kleid nimmt sich einen Kanister und schüttet Wasser in einen braunen Emailletopf. Sie wäscht ihn aus und schüttet das Schmutzwasser in den Rinnstein an der Weserstraße. Eine andere Frau fegt mit einem Besen etwas fahrig den Platz.

          „Immer noch besser als in Rumänien“

          Sie versuchten, den Platz sauber zu halten, um keinen Ärger zu bekommen, sagt Vintila Cristian. Der 62 Jahre alte Mann ist der Kopf der Gruppe. Barfuß kommt er über die Straße. Die Haare sind raspelkurz geschnitten, das Polohemd spannt über einem mächtigen Bauch. Der Mann blickt aus müde wirkenden Augen. Ungefähr 25 Personen zähle die Gruppe, sie kämen alle aus Bukarest, sagt der Clanchef. Einige jüngere Frauen hätten Kinder, die in Rumänien lebten, die Mütter kämen zum Betteln nach Deutschland. Toiletten gebe es keine, waschen könnten sie sich in den Räumen der Kirche.

          Ist es gut, so zu leben? Cristian wiegt den Kopf hin und her und zuckt mit den Schultern. „Nein, es gefällt mir nicht“, sagt er. Aber es sei immer noch besser, als in Rumänien zu leben.

          Frau beim Betteln mit Reizgas besprüht

          Mit dem, was beim Betteln zusammenkommt, was umliegende Restaurants manchmal an Essen spenden oder die Kirche an Unterstützung bietet, lebt es sich in Deutschland unter freiem Himmel, inmitten des Geruchs, den die nahe gelegene Amüsiermeile ausdünstet, immer noch besser als in Rumänien. Auch wenn es passieren kann, dass man aus den umliegenden Fenstern mit Eiern beworfen wird. Oder dass die Frau beim Betteln mit Reizgas besprüht wird.

          Trotzdem will Cristian mit seiner Gruppe bleiben. Wenn es demnächst kalt werde, würden sie in die Kirche gehen, sagt er. Und verkündet mit unerschütterlichem Optimismus: „Wenn es kalt wird und regnet, egal, ich ziehe mir eine Jacke an, spanne einen Regenschirm auf und bleibe.“

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