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UNESCO-Weltkulturerbe : Römisches Kastell in wilhelminischem Stil

Auferstehung der Antike: Haupttor der Saalburg Bild: Rüchel, Dieter

Wiederentdeckung des Römischen Reichs: Die Saalburg vermittelt nicht nur einen plastischen Eindruck der Antike. Sie ist auch Ausdruck des Zeitgeists vor 120 Jahren. So authentisch ist das Kastell.

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          Darsteller historischer Personen in Uniform sind in der Saalburg nichts Ungewöhnliches. Regelmäßig schlagen dort Legionäre ihr Lager auf und zeigen den Besuchern, wie die römischen Soldaten exerziert oder ihr Essen zubereitet haben. Jemand wir Ullrich Brand ist die Ausnahme. Der blaue Rock mit rotem Kragen und die Pickelhaube kennzeichnen ihn als Polizeisergeanten der preußischen Exekutivpolizei. Auch die übrigen Mitglieder der teils vom Museumstheater des Hessenparks rekrutierten Gesellschaft zeigen mit ihren langen Kleidern und steifen Kragen an, dass sie die Szenerie in die Zeit um 1910 zurückversetzen wollen. Sie ist für die Saalburg genauso wichtig wie die Antike.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Der Unesco-Welterbetag am Sonntag war für das Saalburgmuseum nicht zum ersten Mal eine Gelegenheit, an ihre Doppelrolle zu erinnern. „Wir sind durch den Wiederaufbau das einzige Museum, das ein Römerkastell für die Besucher erlebbar macht“, sagt Saalburg-Direktor Carsten Amrhein. „Der Eindruck ist plastischer als bei jeder 3D-Simulation.“ Nirgendwo sonst kann man innerhalb eines vollständig von Mauern umschlossenen Römerlagers vom Praetorium, dem Wohnhaus des Kommandanten, zu den Mannschaftsbaracken hinübergehen und sich die Mannschaftsstube der Legionäre anschauen. Gleich nebenan in der Taberna noch den Kräuterkäse Moretum auf einem römischen Brot zu probieren, sollte man sich dabei nicht entgehen lassen.

          Echtes historisches Interesse mit imperialem Machtanspruch

          Alles perfekt also? Wer glaubt, ein römisches Kastell habe genauso wie die Saalburg ausgesehen, täuscht sich. Die so romantisch wirkenden Mauern aus Taunusquarzit wären vor gut 1800 Jahren nach jetzigem Kenntnisstand weiß verputzt gewesen, mit aufgemalten roten Fugen. Als am 11. Oktober 1900 Kaiser Wilhelm II. feierlich den Grundstein für den Wiederaufbau des Kastells legte, hatten die Archäologen andere Vorstellungen. Der größte Teil der Saalburg repräsentiert den damaligen Stand der Wissenschaft, ergänzt um ästhetische Vorstellungen. So wurde das Lager in die Landschaft eingepasst, um die „feierliche Waldstimmung“ nicht zu beeinträchtigen. Selbst die Informationstafeln aus Schiefer, die heute noch an einigen Stellen zu sehen sind, scheinen schon immer dagewesen zu sein. Amrheins Vorgänger Egon Schallmayer hat deshalb anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Saalburg“ von „inszenierter Geschichtlichkeit“ geschrieben und die Saalburg als „wilhelminisches Gesamtkunstwerk“ bezeichnet.

          In der Saalburg verband sich echtes historisches Interesse mit imperialem Machtanspruch. Die „heranwachsenden Geschlechter“ sollten auf dem Taunuskamm lernen, „was ein Weltreich bedeutet“, sagte Kaiser Wilhelm II. bei der Grundsteinlegung. Zugleich deute das Museum in die Zukunft, denn das deutsche Vaterland solle „so fest geeint und so maßgebend werden, wie es einst das römische Weltreich war“. Das vom Kaiser zitierte „Civis Romanus sum“ sollte zu „Ich bin ein deutscher Bürger“ werden. Wobei es Wilhelm bei dem Zitat nicht um die in der Antike gemeinten Rechte eines römischen Bürgers ging, sondern eher um die Zugehörigkeit zu einer Allianz aus „Fürsten und Völkern, ihren Heeren und ihren Bürgern“. Bedrohlich habe der Hinweis wirken müssen, den römischen Legionen sei es ja gelungen, der Welt ihren Willen aufzuzwingen, schrieb der Historiker Andreas Daum einmal in einem Beitrag für diese Zeitung.

          Kein reines Propagandagebilde

          Ein reines Propagandagebilde ist das Römerkastell deswegen nicht. In einem Vortrag hat Barbara Dölemeyer vom Verein für Geschichte und Landeskunde am Sonntag daran erinnert, dass die ersten Überlegungen für einen Wiederaufbau Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Die Ausgrabungen beeindruckten schon Wilhelm I., der 1870 Mittel zur Erhaltung der Mauerreste bereitstellte. In diesem Jahr besuchte auch sein Sohn, der spätere 99-Tage-Kaiser Friedrich III., mit seiner Familie den Saalburgpass. Lange vor der Übernahme seiner Herrscherrolle befasste sich Wilhelm II. mit den Überresten aus der Römerzeit und grub in jungen Jahren selbst mit. Er war es schließlich, der 1897 auf einem Festbankett die entscheidende Voraussetzung für den Wiederaufbau zusicherte: „Das Geld schaffe ich!“

          Die Saalburg spielte schnell eine Rolle als Touristenattraktion für die Bad Homburger Kurgäste und Besucher aus Frankfurt, die mit der Straßenbahn bis vor der römische Haustür fahren konnten – nur die Haltestelle hat sich erhalten, nicht die Schienenverbindung. Dölemeyer berichtete auch über die frühe gastronomische Erschließung. Die erste Wirtschaft öffnete schon 1860, als die Rekonstruktion noch lange nicht begonnen hatte. Dem stand die wissenschaftliche Arbeit gegenüber, für die man auch ungewöhnliche Wege beschritt. Preußische Soldaten legten römische Schanzen an und schossen mit nachgebauten Pfeilgeschützen. Eine Praxis, die heute experimentelle Archäologie heißt.

          „Man hat damals ernsthaft fachlich diskutiert“, sagt Saalburg-Direktor Amrhein über den Wiederaufbau. Bei den vier Lagertoren zum Beispiel seien unterschiedliche Rekonstruktionen durchgespielt worden. „Jedes sieht anders aus.“ Er spricht deshalb von mindestens zwei Denkmalebenen, die es zu bewahren gelte: der römischen und der wilhelminischen. Wobei Letztere übrigens auch Teil des Welterbes ist, wie Amrhein hervorhebt. Sie sind durch Neubauten der jüngeren Zeit ergänzt worden. Diese zeigen den heutigen Forschungsstand – die 2008 eröffnete Fabrica ist weiß verputzt. Und während das Museum sonst auf zeitgemäße Pädagogik setzt, lässt sich in zwei Ausstellungsräumen samt vollgestellter Originalvitrinen sehen, was die Verantwortlichen vor 100 Jahren unter Altertumsvermittlung verstanden haben.

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