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Römerlager bei Hofheim : Eine Scherbe als wertvollstes Fundstück

Spurensuche: Ein Student tastet mit einem Metalldetektor den Boden ab. Bild: Lando Hass

Ein unscheinbarer Acker in Hofheim: Hier haben Archäologen ein Römerlager ausgegraben und konnten dessen Alter bestimmen. Des Rätsels Lösung war eine kleine Tonscherbe.

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          Auf den ersten Blick ist es eine unscheinbare Tonscherbe, die Markus Scholz, Professor für Archäologie an der Frankfurter Universität, auf seiner Handfläche zeigt. Doch die Scherbe, nur einige Zentimeter groß, ist das, wonach er mit seinen Mitarbeitern wochenlang in der Erde eines Ackers bei Hofheim gesucht hat. Sie ist für die Wissenschaftler so wertvoll, weil sie eine Datierung ermöglicht. Das Tonstück wurde in den Überresten eines Marschlagers der römischen Armee entdeckt. Das Alter der Scherbe lässt darauf schließen, wann die Römer an dieser Stelle östlich des Stadtteils Marxheim ihr Zeltlager aufgeschlagen hatten.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von dem Lager wussten die Wissenschaftler schon vorher, nur deswegen wurde dort gegraben, wo in den nächsten Jahren das Neubaugebiet Marxheim II entstehen soll. Die Umrisse des Lagerplatzes waren bei einer magnetischen Untersuchung des Bodens in den vergangenen Jahren zum Vorschein gekommen. Die Archäologen wussten aber nicht, aus welcher Zeit das Lager stammt, sie vermuteten, aus dem ersten, zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christus. Nun wissen sie mehr – dank der Scherbe aus einem Graben, den die römischen Soldaten zur Verteidigung des Lagers ausgehoben hatten.

          Das Tonstück hat einen Rand und zeigt damit, dass es Teil eines Tellers war. Aus der Form schließen die Wissenschaftler, dass es aus der Zeit zwischen 70 und 80 nach Christus stammt. Tafelgeschirr dieser Art kennen die Archäologen gut, weil es in großen Mengen in einer Töpferei in der römischen Provinz im heutigen Südfrankreich hergestellt wurde.

          Fünf Hektar große Verteidigungsanlage

          Das Alter des Lagers ist zwar eine wichtige Erkenntnis, die die Wissenschaftler durch die Ausgrabung gewinnen konnten, doch nicht die einzige, wie Scholz sagt. Die Schnitte, die in den Boden gezogen wurden, ergeben ein genaueres Bild von den Gräben, die der Sicherung des Lagers dienten. An den senkrechten Wänden der Gruben, welche die Archäologen in den vergangenen Wochen aushoben, zeichnet sich der Querschnitt der V-förmigen, unten spitz zulaufenden römischen Gräben ab, die zwei Meter tief und drei Meter breit waren, wie der Grabungsleiter Johannes Gier erläutert. Wo Erde ausgehoben und später wieder verfüllt wurde, ist das Erdreich dunkler. Aus der gleichmäßigen Färbung der Füllung schließen die Wissenschaftler, dass die Verteidigungsanlage beim Verlassen des Lagerplatzes eingeebnet und nicht erst später nach und nach zugeschüttet wurde.

          Ein durchgehender Graben umgab den rechteckigen Platz für die Zeltstadt der Truppen, wie der Grabungsleiter sagt. Die Erde aus dem Graben wurde daneben zu einem Wall aufgeschichtet, um Feinden einen Angriff zu erschweren. Quer vor den Eingängen des Lagers wurden ebenfalls Gräben gezogen. Wer durch das Tor hineinwollte, musste um diese herumgehen – ein Hindernis für Angreifer bei einem Sturm auf das Tor.

          Ausgegraben wurden bei Marxheim zwei Abschnitte an den beiden Seitentoren und nicht die gesamte Verteidigungsanlage. Ein Lager wurde in der römischen Armee immer nach dem gleichen Muster angelegt: rechteckig mit je einem Tor an jeder der vier Seiten und zwei Hauptstraßen, die längs und quer hindurchführten. Das Marxheimer Römerlager war gut fünf Hektar groß.

          Auf Antworten folgen Fragen

          Die Erkenntnisse fügen sich ein in das, was man in der Altertumswissenschaft schon lange über das erste Jahrhundert nach Christus weiß. Aus den Jahren 40 bis 70, der Regierungszeit der Kaiser Claudius und Nero, gibt es viele Funde, weil die Gegend des heutigen Hofheims ein wichtiger Schauplatz der römischen Geschichte war, wie Scholz sagt. An der Stelle des heutigen Kreishauses gab es zwei Kastelle, eines davon mit Steinbauten. Diese strategisch günstige Position bot einen Blick über die Ebene. Von dort aus ließen sich mehrere wichtige Verbindungen und Orte kontrollieren – die gut ausgebaute Straße von der römischen Militärbasis in Mainz vorbei am heutigen Hofheim in Richtung Wetterau, der Main und das Lorsbachtal, durch das der Weg durch den Taunus zur Lahn führte, in das Siedlungsgebiet der Chatten. Gegen diesen germanischen Stamm führten die Römer in jener Zeit Krieg. Das Steinkastell auf dem Plateau des Kreishauses verlor erst an Bedeutung, als Jahrzehnte später der Limes im Taunus mit dem Kastell Saalburg gebaut wurde.

          Die bei Marxheim gemachten Funde beweisen auch, dass das Gebiet des heutigen Hofheims nicht erst in römischer Zeit besiedelt war. Die Archäologen haben Scherben entdeckt, die nicht römischen Ursprungs sind. Aus welcher Zeit sie stammen, ist unklar. Scholz zufolge könnten sie Überbleibsel aus der Jungsteinzeit oder der Bronzezeit sein. Vielleicht ergibt sich eine Verbindung von diesen Funden zum Kapellenberg, wo sich vor 6000 Jahren eine große Siedlung der Kelten befand. So liefern die jüngsten Ausgrabungen nicht nur Antworten, sondern werfen auch Fragen auf.

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