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„Rockerkrieg“ befürchtet : Aufruhr unter den Höllenengeln

Alarm im Sperrbezirk: Nach den vergangenen Wochen können Hells Angels nicht mehr so entspannt durch das Bahnhofsviertel rollen wie noch 2012. Bild: Hoang Le, Kien

Seit dem Schusswechsel vor einem Monat geht die Furcht vor einem „Rockerkrieg“ in Frankfurt um. Nach dem Verbot der beiden Frankfurter Hells-Angels-Charter ist ein Machtvakuum entstanden.

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          Wenn früher starke Männer in Kutten auf Harleys durch das Frankfurter Bahnhofsviertel dröhnten, dann gehörte das irgendwie zum Lokalkolorit. In den Monaten nach dem Verbot der beiden Charter der Frankfurter Hells Angels vor fast drei Jahren wäre es eine Trotzdemonstration und ein Verstoß gegen das Vereinsgesetz gewesen. Doch mit der Schießerei zwischen rivalisierenden Gruppen vor einem Monat haben sich die Voraussetzungen geändert: Der Auftritt vom vergangenen Mittwoch, am helllichten Nachmittag, gilt als Alarmsignal. Jetzt geht die Angst um, es könne auch in Frankfurt ein „Rockerkrieg“ drohen.

          Helmut Schwan
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Wie Zeugen berichteten, fuhren rund 50Männer durch das Rotlichtviertel, in „dicken Schlitten“ und auf Motorrädern. Das war mit großer Wahrscheinlichkeit als weitere Provokation der Platzhirsche gedacht. Als Revanche für die Schießerei am Abend des 2.Juli am Taunustor vor dem Club Katana, bei der inzwischen verfeindete ehemalige Mitglieder des Frankfurter Charters „Westend“ aufeinandergetroffen waren. Während auf Seiten der Alteingesessenen nur ein Bizepsabriss zu beklagen war, erlitten vier Abtrünnige Schussverletzungen. Sie gehören zu der Gruppe, die, wie zu hören ist, offenbar nahe Gießen ein eigenes Charter gründen will – sehr zum Ärger nicht nur der lokalen Größen, sondern auch der Rocker-Bosse in anderen Großstädten.

          Bisher erstaunlich friedlich

          Schließlich haben viele der einst unangefochtenen Club-Präsidenten, die eigentlich das kriminelle Image ablegen wollen, mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Von der einen Seite macht der Staat seit etwa fünf Jahren Druck mit Vereinsverboten und weitaus schärferen Kontrollen als früher. Anderseits drängten junge Männer, viele von ihnen mit familiären Wurzeln in der Türkei oder anderen muslimischen Staaten, erst in die Charter, um sich nun, da die Club-Ableger reihenweise verboten wurden, auf deren angestammten Geschäftsfeldern zu versuchen.

          Auch wenn sich Polizei und Justiz bedeckt halten, so sehen sie die Entwicklung in Frankfurt mit einiger Sorge. Fast drei Jahre schienen sich die rund 80 als Mitglieder registrierten Rocker erstaunlich friedlich in ihr Schicksal zu fügen, nicht mehr nach alter Sitte ihre Treffen abhalten zu können und, als Höchststrafe, ihre Kutten ablegen zu müssen. Die Frankfurter Hells Angels beschritten gegen das Verbot ihrer „Vereine“ den Rechtsweg und verloren, schließlich sogar vor dem Bundesverwaltungsgericht.

          Für das Gefühl der Macht

          Seither herrschte nach außen hin Ruhe, offenbar eine trügerische. Ob hinter den Fassaden des Rotlichtviertels tatsächlich zornige ältere Männer blutige Kämpfe planen, der Ehre wegen und erst recht, um ihre Pfründen zu verteidigen, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Zwar wurde vor einer Woche ein Mann unter dem Verdacht festgenommen, die Schüsse am 2.Juli abgegeben zu haben. Von einem Durchbruch sprechen die Ermittler aber nicht. Die Fehde hat an der eisernen Regel, kein Wort mit der Polizei zu reden, nichts geändert, keiner der Verletzten hat Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft gibt sich schmallippig, das Landeskriminalamt ist eingeschaltet. Die Wiesbadener Behörde, die seit Jahren die Rockerszene beobachtet und mit dem gesammelten Material die Grundlage für das Verbot der Frankfurter Charter 2011 schuf, sieht sich in ihrer Einschätzung bestätigt: Die Clubs sind mehr als Treffpunkte, in denen man mal ein Bierchen zusammen trinkt und Tipps austauscht, wie man die Harley auf Hochglanz poliert. Sie sorgen für ein Gefühl der Macht, die jederzeit in Gewalt umschlagen kann, wenn die Gangs ihre Interessen gefährdet sehen. Das ist mittlerweile herrschende Meinung von Strafverfolgern und Sicherheitspolitikern fast überall in Deutschland.

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