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Strategie der Rockergruppe : Osmanen auf dem Vormarsch

  • -Aktualisiert am

Unter Beobachtung: Polizeibeamte überwachen im Januar ein Treffen der Rockergruppe „Osmanen Germania“ in Neuss. Bild: dpa

In Hessens Rockerszene brodelt es weiter. Das Landeskriminalamt beobachtet, wie sich angebliche Boxclubs anschicken, den Hells Angels Konkurrenz zu machen.

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          Von Frankfurt und Offenbach aus haben sich die „Osmanen“ ausgebreitet. In Hessen sollen sie, organisiert in Frankfurt, Rodgau und im Odenwald, etwa 100 Mitglieder haben, bundesweit schon rund 700 - Tendenz stark steigend. Ihnen gehörten meist türkischstämmige Mitglieder an, sagt auf Anfrage ein Sprecher des Landeskriminalamts (LKA). Wie stark sie mit jenen Chartern, das heißt lokalen Vereinen, der Hells Angels verbandelt sind, die vor einigen Jahren begannen, den Altvorderen die Einflusssphären streitig zu machen, ist eine von mehreren offenen Fragen.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Inzwischen sind die Osmanen selbst gespalten, in Frankfurt gibt es sowohl den Club „Osmanen Frankfurt“ als auch die „Osmanen Germania“. Das macht es für die Sicherheitsbehörden noch schwieriger, sie zu beobachten und ihre Gefährlichkeit einzuschätzen. Einige Mitglieder seien wegen Rauschgift- und Gewaltdelikten vorbestraft, heißt es. Aber von den Gruppen organisierte Taten, die ein Verbot nach dem Vereinsrecht rechtfertigen würden, konnten noch nicht nachgewiesen werden. Die drei Männer, die Ende Mai vergangenen Jahres in der Frankfurter Diskothek Gibson einen Gast zu Tode geprügelt haben sollen, gehören nach den bisherigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft zwar dem Osmanen-Club Frankfurt/Offenbach an. Anfängliche Spekulationen, sie hätten die Schlägerei provoziert, um damit zu demonstrieren, nur sie könnten für Sicherheit sorgen, haben sich im Zuge der Ermittlungen nicht nachweisen lassen. Wann es zum Prozess kommt, ist noch ungewiss. Auch die beiden Hauptbeschuldigten sind inzwischen von der Untersuchungshaft verschont.

          Mehmet B. - der selbsternannte Weltpräsident

          Die „Tür zu machen“, außer bei der Prostitution auch Fuß zu fassen im immer lukrativer werdenden Geschäft mit Sicherheitsdiensten vor und in Diskotheken und Clubs, gehört zu den Ambitionen der Osmanen. Unverhohlen und martialisch preisen sie im Internet und in den sozialen Netzwerken ihre angebliche Macht auf diesem umkämpften Markt an. Spekulationen in Medien, sogar der Wach- und Ordnungsdienst in Flüchtlingsunterkünften sei schon von ihnen unterwandert, widersprechen jedoch sowohl das LKA als auch ein Generalunternehmer aus Frankfurt. Sie verweisen auf die strenge Überprüfung der Zuverlässigkeit des Personals, in die sogar der Verfassungsschutz eingeschaltet wird.

          Den ersten „Boxclub“ hatte Mehmet B. Mitte 2015 in Dreieich gegründet. Inzwischen nennt er sich Weltpräsident, aber es gibt mindestens zwei, die ihm diesen Rang streitig machen. Die Osmanen nutzen ein Machtvakuum, das sich offenbar ausweitet. Es war wegen des Konflikts zwischen den ehemals führenden, nach dem Verbot der beiden wichtigsten Charter aber an Einfluss verlierenden Frankfurter Hells Angels und ihren abtrünnigen ehemaligen Mitgliedern entstanden, die vor knapp zwei Jahren im Raum Gießen ein eigenes Charter gründeten. Wurden die Osmanen früher noch als Männer fürs Grobe im Dienste der Old-Schooler betrachtet, pflegen sie inzwischen überwiegend freundschaftliche Kontakte zu den türkischen „Engeln“ in Mittelhessen. Jedenfalls gibt es im Internet ein Foto, auf dem sie Arm in Arm posieren.

          Es komme darauf an, Brutalität auszustrahlen.

          Das LKA ist sich ziemlich sicher: Das sportliche Boxen ist nur Fassade, weitaus brutalerer Kampfsport ist angesagt. Im Vereinsleben pflegt man offenbar ähnliche Rituale wie die angestammten Rocker, allerdings gehören zum öffentlichen Auftritt weniger Motorräder (die bei den Hells Angels in den vergangenen Jahren auch mehr Mythos denn Fortbewegungsmittel geworden waren) als vielmehr PS-starke Autos - und Kutten. Auf den Lederjacken prunkt das Vereinsemblem, ein grimmiger Zeitgenosse, verhüllt durch Turban und Halstuch.

          Der Triumph, so gewandet auftreten zu können, ist umso größer, als die Hells Angels Gefahr laufen, sich strafbar zu machen, wenn sie mit dem Totenschädel auf dem Rücken auflaufen. Und es soll bei den Osmanen längst nicht so schwierig wie bei den Rockern alter Garde sein, Mitglied im „Boxclub“ zu werden. Das lästige Hochdienen vom Supporter, Hangaround über den Prospect bis zum Mitglied (Member) entfalle. Es komme mehr darauf an, Härte und Brutalität auszustrahlen.

          Ein wackeliges Friedensabkommen

          Wie lange angesichts dieser neuen, kaum auszurechnenden Konkurrenz das Friedensabkommen noch hält, das die Hells Angels mit den jungen türkischen Wilden im Juni 2015 auf ihrem Weltkongress in Griechenland schlossen, bleibt daher abzuwarten. Nach dem Schusswechsel vor dem Frankfurter Club Katana im Juli 2014 hatten die Bosse aus Übersee die verfeindeten Charter aus Hessen gezwungen, sich zu arrangieren. Einen in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Rockerkrieg konnte man nicht gebrauchen, er hätte in Deutschland den ohnehin deutlich erhöhten Druck von Polizei und Innenministerien auf die Szene noch weiter verstärkt und die Geschäfte gefährdet.

          Die Osmanen fühlen sich offenbar an das Abkommen nicht gebunden, im Gegenteil, sie scheinen es für sich nutzen zu wollen und demonstrieren öffentlich Selbstbewusstsein. Dass sie die Konfrontation mit den Platzhirschen nicht scheuen, sondern sogar regelrecht suchen, wird in diesen Tagen vor allem in Nordrhein-Westfalen deutlich, im Stammgebiet der Hells Angels. In Neuss trafen sich auf einem Parkplatz in der Innenstadt etwa 80 Osmanen, in Duisburg waren es etwa 40. Sie standen schwerbewaffneten Polizisten gegenüber.

          Man werde „null Toleranz zeigen“, wird ein Sprecher aus Neuss zitiert. Fragt sich nur, gegen was. Die Osmanen bewegen sich derzeit munter in einer Grauzone zwischen Machtgehabe und offener Kriminalität.

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