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Rockenberg-Verein : „Den Gefangenen eine zweite oder dritte Chance geben“

  • -Aktualisiert am

Lernen für die Freiheit: Die Werkstatt der JVA Rockenberg bietet jungen Straftätern die Chance, einen Beruf zu erlernen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Rockenberg-Verein in Dreieich hilft jugendlichen Straftätern. Er unterstützt Nachhilfe, Sprachkurse und Ausbildungsgänge.

          3 Min.

          Sascha hat seinem Leben eine Wende gegeben. Als Jugendlicher kam er in die Justizvollzugsanstalt Rockenberg im Wetteraukreis, in der Straftäter im Alter von 14 bis 21 Jahren ihre Strafe verbüßen. Sascha war damals 16 Jahre alt. Was hatte er getan? „Genug, um dort vier Jahre zu landen“, sagte Frits Baron van Dedem, der Vorsitzende des Rockenberg-Vereins in Dreieich. Der Verein hilft den Strafgefangenen auf unterschiedliche Weise. Auch Sascha habe während seiner Zeit in der Justizvollzugsanstalt an den Programmen, die der Verein anbietet, teilgenommen. Das liegt inzwischen zehn Jahre zurück. Heute sei Sacha Familienvater, als Kraftfahrzeugmeister selbständiger Unternehmer und bilde Lehrlinge aus. Van Dedem ist überzeugt: „Ohne die Hilfe des Rockenberg-Vereins hätte er es nicht geschafft.“ Wenn es gelinge, nur eine Person pro Jahr aus der „negativen Spirale“ herauszuholen, „haben wir eine Super-Rendite“. Schließlich koste eine einzige Person mit lebenslanger krimineller Karriere den Steuerzahler rund eine Million Euro.

          Dass der Rockenberg-Verein vor 40 Jahren in Dreieich gegründet wurde, geht auf einen Gottesdienst zurück, den der damalige Anstaltspfarrer 1977 mit Freigängern in der evangelischen Kirche im Stadtteil Buchschlag organisierte. In der Folge riefen einige Jugendschöffen den Verein ins Leben, um den jungen Strafgefangenen mit Bildungsangeboten den Weg zur Resozialisierung zu ebnen. Der Holländer Van Dedem, der vor 22 Jahren nach Buchschlag zog, schloss sich dem Verein bei dessen zwanzigjährigem Bestehen an; kurz darauf war er Schatzmeister. Zusätzlich amtiert der heute 59 Jahre alte Unternehmer seit 2003 auch als Vorsitzender.

          Zweite oder dritte Chance

          Etwa 150 junge Männer sitzen in der Justizvollzugsanstalt Rockenberg ein. Es gehe darum, ihnen „eine zweite oder dritte Chance zu geben“, sagte Van Dedem. „Wenn sie Glück haben, bekommen sie eine ordentliche Strafe von vier oder fünf Jahren.“ Das Leben im Knast sei organisiert mit festen Zeiten zum Aufstehen, Frühstücken und für den Schulbeginn. Viele Insassen lernten zum ersten Mal in ihrem Leben eine Ordnung, eine Struktur und ein Regelmaß kennen.

          Die größte Motivation für den Verein laute: „Bildung, Bildung und Bildung“. Die Justizvollzugsanstalt biete die Möglichkeit, den Haupt- oder Realschulabschluss zu erreichen. Außerdem gebe es berufliche Ausbildungsgänge und Kurse für Deutsch als Fremdsprache. Der Verein unterstütze dies, werfe jedoch kein Geld zum Fenster hinaus: Die Jugendlichen müssten zeigen, dass sie lernen wollten und bereit seien, ihr Leben zu ändern. Je länger sich die jungen Leute in der Justizvollzugsanstalt aufhielten, desto größer sei die Chance, dass sie einen Abschluss schafften und nach drei oder vier Jahren verstanden hätten, ein geordnetes Leben funktioniere auch.

          „Positive Stimulanz“

          Für 40 bis 50 Gefangene im Jahr finanziert der Verein Lerntraining in unterschiedlichen Programmen. Eines heißt „Klick – Bildung im Knast“ und läuft schon seit 13 Jahren. Wer daran teilnehmen will, muss ein Bewerbungsschreiben verfassen und darlegen, warum er gefördert werden sollte. Zehn junge Männer werden ausgewählt und erhalten jeweils einen Gutschein über 125 Euro für Lehrbücher; kein Erfolg war dem Versuch beschieden, damit den „Playboy“ zu bestellen. Das Programm umfasst jeweils sechs Monate: Eine Stunde pro Woche kommt zu jedem der zehn Gefangenen ein Lerntrainer, um individuelle Nachhilfe zu geben. Die beiden Häftlinge mit den besten Noten bei der folgenden Prüfung bekommen eine Geldprämie von jeweils 125 Euro und einen weiteren Büchergutschein über 125 Euro. Van Dedem sprach von einer „positiven Stimulanz“. Die Teilnehmer kämpften in der Prüfung um Zehntelpunkte. Man könne nachweisen, dass die Durchschnittsnoten in den vergangenen Jahren besser geworden seien. Insgesamt finanziert der Verein rund 2500 Lerntrainerstunden im Jahr.

          Einmal im Jahr organisiert der Verein ein Fußballturnier mit Mannschaften von draußen. Auch eine Advents- oder Weihnachtsfeier wird regelmäßig ausgerichtet. Der Verein spendete Gitarren und bot Literatur-Lesungen an; zum Abschluss schrieben die Gefangenen Gedichte. „Die Jungs sind überrascht, dass sich überhaupt jemand von draußen für sie interessiert“, sagte Van Dedem. Zu den 15 Lerntrainern, die für den Verein tätig sind, gehören auch einige Frauen. Noch nie habe sich eine Lerntrainerin bedroht gefühlt: „Die jungen Männer wissen genau, wenn sie da etwas machen, hören wir auf.“

          Jährlich 40 000 Euro gibt der Verein, der 85 Mitglieder hat, für seine Aktivitäten in der Justizvollzugsanstalt aus. Neben den Mitgliedsbeiträgen erhält er ab und zu auch Bußgelder. Stiftungen sind die dritte Geldquelle. Die Vereinskosten lägen bei null, versicherte Van Dedem: „Da bleibt kein Cent irgendwo hängen.“ Jeder Euro fließe in die Projekte.

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