https://www.faz.net/-gzg-8cm5u

Öffentlicher Nahverkehr : Jede fünfte S-Bahn ist verspätet

Wartezeit: Die S-Bahnen sind nicht immer pünktlich. Bild: Jonas Wresch

Verspätungen reduzieren. das Schienennetz erneuern, ein neues Tarifsystem einführen und das digitale Angebot ausbauen. Hochgesteckte Ziele des Rhein-Main-Verkehrsbunds, der einen Fahrgastrekord zu vermelden hat.

          „Ärmel hochkrempeln“ lautet in diesem Jahr beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) die Devise. Geschäftsführer Knut Ringat und seine Mitarbeiter haben mehrere schwierige Aufgaben zu meistern.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zum einen müssen sie die Fahrgäste während der Sperrung des S-Bahn-Tunnels in Frankfurt in den Osterferien und den Sommerferien auf anderen Wegen ans Ziel bringen. Zum Zweiten stehen sie in der Pflicht, die massiven Verspätungen im S-Bahn-Verkehr zu reduzieren. Zudem beginnt der Verbund ein anspruchsvolles Pilotprojekt, in dem Elemente eines neuen Tarifsystems getestet werden, bei dem es keine Tarifsprünge mehr gibt und der Preis der Fahrkarte sich nach den tatsächlich gefahrenen Kilometern richtet.

          Ausbau des Schienennetzes geht nur schleppend voran

          Ein Ziel für 2016 lautet, die Zahl der Nutzer wiederum zu steigern. Das ist dem RMV in den 20 Jahren seines Bestehens jedes Jahr gelungen, mit 722 Millionen erreichte der Verbund 2015 abermals einen Rekord. Während in anderen deutschen Verbünden die Nachfrage wegen einer ungünstigen demographischen Entwicklung zurückgeht, hält der Ansturm auf die Busse und Bahnen des RMV unvermindert an. Denn die Bevölkerung im Ballungsraum Frankfurt wächst stärker, als sie in den ländlichen Gebieten wie der Wetterau, im Kreis Fulda oder im Kreis Marburg-Biedenkopf abnimmt.

          Auch 2016 wird der RMV im Rhein-Main-Gebiet mit seinem Grundproblem kämpfen müssen, dass nämlich die vorhandenen Schienenwege fast vollständig ausgelastet sind und der Ausbau des Netzes nur schleppend vorangeht. Ringat bringt die Situation auf folgenden Nenner: „Zu wenige Züge für zu viele Leute.“

          Mit sechs kleineren Maßnahmen, die eine Investition von etwa 45 Millionen Euro erfordern, soll das Schienennetz in diesem Jahr ertüchtigt werden. Die bekannten Großprojekte wie die nordmainische S-Bahn, der Ausbau der Strecke nach Bad Vilbel und Friedberg oder die Regionaltangente West, die den Engpass im Rhein-Main-Gebiet beseitigen oder wenigstens vermindern würden, lassen dagegen weiter auf sich warten.

          RMV beschwert sich bei der Bahn wegen unpünktlichen S-Bahnen

          Die Pünktlichkeit der S-Bahn sank 2015 auf einen Tiefstand, die Pünktlichkeitsrate lag bei 90 Prozent. Tatsächlich sieht die Lage noch verheerender aus, denn als Verspätung gilt bei dieser Statistik, wenn ein Zug sich länger als 5:59 Minuten verspätet. In den Verträgen des RMV mit der Deutschen Bahn AG, die den S-Bahn-Verkehr betreibt, gilt ein Zug aber schon als unpünktlich, wenn er drei Minuten später ankommt als vorgesehen. Legt man die tatsächlich geltende Definition von Pünktlichkeit zugrunde, kommt die S-Bahn nur noch auf eine Pünktlichkeitsrate von 80 Prozent. Nicht eingerechnet sind hier noch nicht einmal Züge, die ausfallen. Die Rate liegt hier bei einem Prozent.

          RMV-Geschäftsführer Ringat hat sich wegen der mangelhaften Pünktlichkeit der S-Bahn jüngst bei Bahnchef Rüdiger Grube schriftlich beschwert. Nun wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die Lösungen suchen soll. Eine der Ursachen für die Unpünktlichkeit dürfte der schlechte Zustand des Schienennetzes sein, das in der Ära Mehdorn nicht genug gewartet wurde. Die Bahn ist dabei, die Rückstände aufzuarbeiten. Deswegen gibt es viele Baustellen, die wiederum für Verspätungen sorgen. Ein anderer Grund für die Verspätungen ist die knappe Personaldecke bei der Bahn. Immer wieder fehlt es an Fahrern oder Werkstattmitarbeiter. Im S-Bahn-Verkehr wird zwar die modernste Zugflotte Deutschlands eingesetzt, aber wenn es an Mechanikern fehlt, nützt auch die beste Flotte nichts.

          Auch in diesem Jahr will der RMV seine digitalen Angebote, das E-Ticket sowie das Jobticket ausbauen. Die RMV-App wird mittlerweile von einer halben Million Fahrgästen am Tag genutzt, der Umsatz über das Handy-Ticket wurde von 6,8 Millionen auf 8,7 Millionen gesteigert.

          Neue Tarifstruktur befindet sich in der Testphase

          Das auf drei Jahre angelegte Pilotprojekt RMV-smart beginnt im April oder Mai mit 20000 Smartphone-Nutzern. Der Fahrpreis errechnet sich hier aus einem Grundpreis und dem tatsächlich zurückgelegten Fahrweg. Gedacht ist das Vorhaben als Test für eine neue Tarifstruktur, bei der es keine Tarifsprünge mehr gibt, sondern der Preis sich aus den gefahrenen Kilometern errechnet. Allerdings müsse der Verbund mit dem angestrebten neuen Tarifsystem genauso viel einnehmen wie heute, stellte Ringat klar.

          Denn der RMV ist auf stabile Einnahmen angewiesen, um sein Angebot halten oder gar ausweiten zu können. Zwischen 56 und 57 Prozent seiner Ausgaben finanziert der Verbund über eigene Erlöse, vor allem aus dem Ticketverkauf. Der Rest kommt vom Bund aus dem Topf der Regionalisierungsmittel.

          Die Bundesregierung hat zugesagt, diese Mittel von 7,3 auf acht Milliarden Euro zu erhöhen. Dieser Betrag soll jährlich um 1,8 Prozent erhöht werden. Tatsächlich liegen die jährlichen Kostensteigerungen laut Ringat bei etwa drei Prozent. Durch die Dynamisierung der Regionalisierungsmittel werde also die Verteuerung keineswegs ausgeglichen. Hessen bekommt von den acht Milliarden Euro Regionalisierungsmittel etwas mehr als 600Millionen.

          Weitere Themen

          Wo Wien jetzt eine Küste hat

          Seestadt Aspern : Wo Wien jetzt eine Küste hat

          In der Seestadt Aspern entstehen 10.000 Wohnungen – unter anderem im höchsten Holzhochhaus der Welt. Die Mieten sind niedrig, die Verkehrsanbindung ist gut. Echte Wiener würden trotzdem nie so weit nach draußen ziehen. Und nun?

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: Chinas Präsident Xi Jinping : In der Sackgasse

          Xi Jinping hat in der chinesischen Bevölkerung den Fehlglauben genährt, das Land könne es schon jetzt mit Amerika aufnehmen. Damit hat er Erwartungen geweckt, die er nicht erfüllen kann – und sich so verwundbar gemacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.