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Zukunftspläne des RMV : In den Bahnen rund um Frankfurt wird es noch enger

Mehr Pünktlichkeit: Einstiegslotsen helfen den Fahrgästen in den Hauptverkehrszeiten, damit die Züge nicht zu spät abfahren. Bild: Wonge Bergmann

Der Rhein-Main-Verkehrsverbund peilt einen Fahrgast-Rekord an. Doch schon jetzt sind die Züge voll – und das Netz ist in den Spitzenzeiten überlastet. Deswegen sucht der RMV nun auch nach unorthodoxen Lösungen.

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          In den S-Bahnen und Regionalzügen im Rhein-Main-Gebiet geht es in den Spitzenzeiten eng zu. Und in den nächsten Jahren wird es noch enger werden. Denn immer mehr Menschen fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Knut Ringat, der Chef des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV), ist sich sicher, dass bei einer Ausweitung des Angebots sogar noch viel mehr Bewohner der Region Bahnen nützen würden. Schon jetzt sei es so, dass jeder zusätzliche Zug sofort voll sei.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch die Ausweitung des Angebots hat ihre Grenzen. Viel mehr zusätzliche Züge kann der RMV kaum noch auf die Gleise schicken, denn die Infrastruktur ist ausgelastet und in den Spitzenzeiten sogar überlastet. Von 500 Millionen Fahrgästen im Gründungsjahr 1995 auf jetzt 805 Millionen – der RMV hat Jahr für Jahr einen neuen Rekord aufgestellt. Bis 2030 plante der Verbund mit einer Milliarde Fahrgäste – bisher. Doch nach den überdurchschnittlich hohen Zuwachsraten der drei vergangenen Jahre kann sich Ringat durchaus vorstellen, dass die Milliarde schon im Jahr 2025 erreicht wird. Das hohe Wachstum rührt aus der Bevölkerungszunahme nicht nur Frankfurts, sondern im ganzen Ballungsraum, auch in den kleineren Kommunen.

          Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel

          Aber mittlerweile steigt auch eine erkleckliche Zahl von Autofahrern auf öffentliche Verkehrsmittel um. Der Anteil von Bussen und Bahnen am motorisierten Verkehr ist gewachsen und liegt im Einzugsbereich der S-Bahn bei 33 Prozent. Bundesweit macht er laut Bundesumweltministerium nur 20 Prozent aus. Bis 2030, so die Prognose des RMV, wird der Anteil von Bussen und Bahnen weiter um vier Prozentpunkte auf 39 Prozent steigen.

          Das Wachstum des Nahverkehrs sei gut für das Klima, hob Ringat am Dienstag in der Jahrespressekonferenz des RMV hervor. 2019 sei die Zahl der Fahrten mit Bussen und Bahnen im Verbundgebiet um etwa 17 Millionen gestiegen. Dadurch seien 11 Millionen Autofahrten ersetzt und 16.000 Tonnen CO2 eingespart worden.

          Schon jetzt lässt sich voraussagen, dass die Zahl der älteren Menschen, die Verkehrsmittel des RMV nutzen, steigen wird. Das am 1. Januar eingeführte 365 Euro teure und ein Jahr gültige Seniorenticket hat sich sofort nach Verkaufsstart zu einem Renner entwickelt. Innerhalb von zwei Monaten hätten 40.000 Personen diese für ganz Hessen gültige Fahrkarte erworben. Überhaupt boomen die Flatrate-Tickets, die der RMV anbietet. Nachdem das Land für seine Bediensteten ein Ticket für ganz Hessen eingeführt habe, seien immer mehr Unternehmen, aber auch Kreise und Städte wegen eines Jobtickets auf den RMV zugekommen.

          Hälfte der Bevölkerung hat Anspruch auf Flatrate-Ticket

          Etwa der Hälfte der Bevölkerung steht mittlerweile theoretisch ein Flatrate-Ticket zur Verfügung: Landesbediensteten, Studenten, Schülern, Senioren über 65 Jahre und Mitarbeiter mit Jobticket. Kinder bis zum sechsten Geburtstag können ohnehin frei fahren. Die andere Hälfte der Bevölkerung, die den normalen Preis für eine Wochen- oder Monatskarte zahlen muss, sorgt freilich für 60 Prozent der Einkünfte des RMV aus dem Ticketverkauf. Führte man für sie ein 365-Euro-Jahresticket ein, würde für den RMV eine Finanzlücke von 200 Millionen Euro entstehen, rechnete Ringat vor.

          Nicht wirklich vorangekommen ist der Verbund im vergangenen Jahr bei der Pünktlichkeit der S-Bahn. Der Pünktlichkeitswert verharrte bei 92 Prozent. Dabei hatte es in den ersten drei Quartalen besser ausgesehen, der Wert stieg auf etwa 93 Prozent. Doch im vierten Quartal kam ein Absturz auf 88 Prozent. Verantwortlich dafür waren die vielen Verspätungen auf der Linie 2, unter anderem wegen einer Bahnsteigsanierung in Niedernhausen, sowie auf den Linien S 8 und S 9 wegen der Baustelle Gateway Gardens. Zudem gab es überdurchschnittlich viele externe Störungen als Folge von Notarzt- oder Polizeieinsätzen oder wegen Personen auf den Gleisen. Die Bahn und die anderen Eisenbahnbetreiber mussten wegen der Verspätungen einen zweistelligen Millionenbetrag als Strafe an den RMV zahlen. Der finanzierte damit unter anderem die 10-Minuten-Garantie, die pro Monat im Durchschnitt etwa 100.000 Mal in Anspruch genommen wird.

          Sorgen macht dem RMV die Personalsituation der Verkehrsunternehmen. Diese suchen händeringend nach Mitarbeitern und werben sich oft gegenseitig Personal ab – zum Beispiel Lokführer. Zusammen mit der Bahn und den anderen Partnern hat der RMV eine Ausbildungsinitiative begonnen.

          Um kurzfristig die Qualität im Nahverkehr zu steigern, wählt der RMV auch unorthodoxe Lösungen wie zum Beispiel einen parallelen Busverkehr auf der Strecke Kelkheim–Frankfurt-Höchst. Doch am Ende gibt es nach Meinung Ringats keine andere Lösung, als die Schieneninfrastruktur auszubauen.

          Niedrige Pro-Kopf-Investition in die Schiene

          Der regionale Nahverkehrsplan bis 2030, der Ende des Jahres vom RMV-Aufsichtsrat verabschiedet werden soll, sieht zahlreiche Vorhaben mit Kosten von 20 Milliarden Euro vor. Geplant sind zusätzliche Gleise in einer Länge von 200 Kilometern, eine Erhöhung des Angebots um 30 Prozent auf der Schiene sowie die Modernisierung von 100 Stationen.

          Bei allem Lob für die Bundesregierung, die deutlich mehr Geld für den Nahverkehr ausgibt, kritisiert Ringat die im europäischen Vergleich immer noch niedrige Pro-Kopf-Investition in die Schiene: in der Schweiz liegt sie bei 365 Euro, in Großbritannien noch bei 116, in Deutschland aber nur bei 77 Euro.

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