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Im Gespräch: RMV-Chef Ringat : „Preissprünge im S-Bahn-Netz nicht zu erklären“

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„Die genannten 4,65 Euro vom Ledermuseum Offenbach nach Frankfurt kann man niemandem mehr erklären“: RMV-Chef Ringat Bild: Wolfgang Eilmes

Seit sechs Jahren arbeitet der RMV an einer Tarifreform. Zuerst kamen Semesterticket, Clevercard und 65plus-Karte. Bei RMV-Smart zahlt der Kunde jetzt nur die Strecke, die er tatsächlich gefahren ist.

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          Für die zwei Stationen von Offenbach Ledermuseum bis Frankfurt Mühlberg zahlt der Fahrgast 4,65 Euro. Finden Sie diesen hohen Preis in Ordnung?

          Das ist natürlich nicht in Ordnung. Über solche Tarifsprünge ist der Rhein-Main-Verkehrsverbund nicht glücklich.

          Warum gibt es solche Tarifsprünge?

          Das hat historische Ursachen. Als der RMV vor 21 Jahren gegründet wurde, hat man aus mehr als 30 verschiedenen Tarifen der verschiedenen Verkehrsgesellschaften einen RMV-Tarif mit wabenartigen Tarifzonen gemacht. Das System orientierte sich an dem damaligen Mobilitätsverhalten.

          War das damals anders als heute?

          Ja. Die meisten Fahrgästen haben sich innerhalb einer Tarifzone bewegt. Deren Grenze haben nicht allzu viele überschritten.

          Es fuhren also zum Beispiel nur wenige von Offenbach über die Stadtgrenze nach Frankfurt?

          Es war sogar politisch gewollt, dass die Leute sich nicht über die Stadtgrenze bewegten. So gab es damals eine starke politische Bewegung aus Offenbach, die im RMV vehement dafür gekämpft hat, dass es einen Tarifsprung zwischen Offenbach und Frankfurt gibt, damit die Offenbacher ihr Geld in Offenbach und nicht in Frankfurt ausgeben.

          Gibt es dieses Kirchturm-Denken noch?

          In den Gremien glücklicherweise schon lange nicht mehr, unter den Fahrgästen hat es noch nie eine große Rolle gespielt. Ihr Mobilitätsverhalten hat sich, nicht nur im Rhein-Main-Gebiet, kräftig verändert. Die meisten bewegen sich jetzt intermodal: Mal nützen sie die Bahn oder den Bus, mal das Fahrrad oder das Auto. Was gerade am günstigsten ist. Und sie fahren über Stadtgrenzen hinaus quer durchs Rhein-Main-Gebiet.

          Wäre es da nicht konsequent, die Preissprünge an den Stadt- und Tarifgrenzen abzuschaffen?

          Die genannten 4,65 Euro vom Ledermuseum Offenbach nach Frankfurt kann man niemandem mehr erklären. Schon vor zehn Jahren haben wir beim RMV versucht, eine Reform der Tarifstruktur in die Gänge zu bringen. Viele dachten, man könne in einem großen Wurf alles ändern. Aber das geht nicht. Wenn man auf einen Schlag alles anders macht, ist das Risiko viel zu hoch, Einnahmen zu verlieren. Der RMV nimmt im Jahr etwa 850 Millionen Euro ein, und er braucht dieses Geld auch, um die notwendigen Verkehrsleistungen bei der Bahn oder anderen Verkehrsträgern zu bestellen.

          Was würde passieren, wenn die Einnahmen sänken?

          Der RMV müsste Leistungen reduzieren. Wenn ich mich bei Tarifänderungen nur um ein Prozent verschätze, hat der RMV sofort einen Einnahmeausfall von etwa acht Millionen Euro.

          Was ist die Alternative zur Tarifreform auf einen Schlag?

          Eine Reform in Schritten. Das habe ich damals dem Aufsichtsrat vorgeschlagen, und das läuft jetzt seit sechs Jahren. Wir haben mittlerweile bestimmten Fahrgastgruppen ein besonders günstiges Angebote gemacht. Die erste Stufe war das Semesterticket für Studenten. Die zweite Änderung war die Einführung der Clevercard für Schüler und Auszubildende.

          Funktioniert das?

          Sowohl das Semesterticket wie auch die Clevercard kreisweit sind ein riesiger Erfolg. Im Verbundgebiet ist durch den demographischen Wandel die Zahl der Schüler in den vergangenen fünf Jahren um zwölf Prozent zurückgegangen, aber als RMV haben wir vier Prozent fahrende Schüler dazugewonnen - durch die Clevercard kreisweit.

          Gab es weitere Änderungen?

          Ein weiterer Schritt der Reform war die Einführung des Seniorentickets, der 65plus-Karte. Zuerst als Jahreskarte, die unser erstes elektronisches Ticket mit einer Chipkarte war. Dann auch als Monatskarte. Dieses Angebot wird ebenfalls angenommen, wir haben neue Kunden gewonnen.

          Wie soll die Tarifreform weitergehen?

          Der nächste Schritt hätte eigentlich ein Relationstarif sein müssen: Der Kunde zahlt nur die Strecke, die er gefahren ist. Wir haben über Jahre darüber verhandelt, doch wir fanden unter den vielen Partnern des RMV keine Einigung. Man muss dazu wissen, dass im RMV beim Tarif das Prinzip der Einstimmigkeit gilt, alle Städte und Kreise müssen zustimmen.

          Steckt der RMV in einer Sackgasse?

          Im Juni 2014 habe ich im Aufsichtsrat dargelegt, dass wir mit einem allgemeinen Relationstarif nicht weiterkommen, auch weil es hier noch keine Erfahrungswerte bei der Einnahmesicherung gibt. In dieser Sitzung kam mir die Idee für RMV-Smart. Schon damals waren wir beim Verkauf von Tickets über das Smartphone von allen Verbünden in Deutschland am besten. Von unseren 850 Millionen Einnahmen kommen etwa 300 Millionen aus dem Einzel- und Tageskarten-Verkauf an Automaten, Busdrucker oder via Handy herein.

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