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Riederwaldtunnel : Frankfurts unendliche Geschichte

Mahnmal aus Beton: Das Verbindungsbauwerk, das im Frankfurter Osten die A 66 mit der A 661 verknüpfen soll, wird viele Jahre nutzlos herumstehen. Bild: Braunschädel, Michael

Alle lachen über Berlin wegen des Flughafen-Desasters. Doch die Verzögerungen beim Bau des Riederwaldtunnels sind fast genauso peinlich.

          Am 23. September 2009 haben zwei leibhaftige Verkehrsminister den symbolischen Spatenstich für den Riederwaldtunnel im Frankfurter Osten gesetzt. Die Namen der beiden Politiker, Wolfgang Tiefensee (SPD) und Dieter Posch (FDP), sind weitgehend vergessen. Geblieben ist das Projekt Riederwaldtunnel, das weiterhin seiner Vollendung harrt. Seit mehr als vier Jahrzehnten mittlerweile. Denn 1974, so hatten Politik und Planer einst in grauer Vorzeit versprochen, sollten die Bauarbeiten beginnen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Riederwald frühestens 2017 befahrbar“, lautete nach dem Spatenstich vor acht Jahren die warnende Überschrift in dieser Zeitung. Jetzt haben wir 2017, und vom Riederwaldtunnel ist nichts zu sehen außer einer von Bäumen befreiten Schneise, die irgendwann zur Baugrube werden soll, in der Arbeiter die 1100 Meter lange Tunnelröhre gießen. Durch sie sollen einmal jene Autos rollen, die derzeit am Ende der A 66 neben dem Hessen-Center auf die Borsigallee drängen und sich danach Stoßstange an Stoßstange dort durch das Industriegebiet und dann durch den Stadtteil Riederwald quälen. Auch der Stadtteil Seckbach, dessen Hauptstraße morgens und abends vielen Pendlern als Schleichweg gilt, würde durch den Riederwaldtunnel entlastet, ferner die chronisch überlastete Hanauer Landstraße.

          Autobahnkreuz ist Herzstück

          Nicht unterschlagen werden soll, dass am Verbindungsbauwerk neben dem Stadion des Fußballclubs FSV, das einmal die beiden Autobahnen A 66 und A 661 verknüpfen soll, tatsächlich gebaut wird. Dort haben damals der Bundesverkehrsminister und sein hessischer Kollege zum Spaten gegriffen und sich fotografieren lassen. Hier wird seither das Herzstück des Riederwaldprojekts errichtet, ein riesiges Autobahnkreuz, über das einmal in komplizierten Verschlingungen die Verkehrsströme verteilt werden sollen.

          In einem riesigen, in die Erde gegrabenen Loch, dessen Ränder durch Spundwände abgesichert sind, wächst ein Betonungetüm mit 200 Meter langen und zehn Meter hohen Wänden gen Himmel. Eigentlich sollte dieses Kreuzungsbauwerk Ende dieses Jahres fertig sein. Doch ob die Arbeiten demnächst oder in einem Jahr beendet sind, ist völlig egal. Denn das Autobahnkreuz wird vorerst ohnehin nicht gebraucht. Erst wenn der Riederwaldtunnel vollendet ist, kann das Autobahndreieck Erlenbruch seine wahre Aufgabe erfüllen, nämlich zwei in der Hauptverkehrszeit dicht befahrene Autobahnen zu verbinden. Bis dahin wird es mindestens noch zehn Jahre dauern, eher sogar länger, vielleicht sogar deutlich länger. Falls der Riederwaldtunnel überhaupt jemals gebaut wird, woran Pessimisten mittlerweile nicht mehr so recht glauben.

          Hochmodernes Bauwerk neben der Autobahn

          So werden die auf der A 661 Vorbeifahrenden also in den kommenden zehn, fünfzehn Jahren im Frankfurter Osten ein hochmodernes Bauwerk neben der Autobahn sehen, das ohne Verwendung Regen, Schnee, Hitze und Sturm trotzen muss. Man kann das Kreuzungsbauwerk als Mahnmal ansehen, das der deutschen Öffentlichkeit stumm sagt: Große Autobahnprojekte sind heutzutage in Deutschland nicht mehr durchzusetzen.

          Oder vielleicht doch? Ausgerechnet ein Grünen-Politiker, der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir, hat angekündigt, die unendliche Geschichte des Riederwaldtunnels zu einem guten Abschluss bringen zu wollen. Immerhin war es seine Partei, die von Anfang an das Projekt Riederwaldtunnel und Autobahndreieck Frankfurt-Erlenbruch abgelehnt hat. Nun ist Al-Wazir als Minister aber in die Rolle eines Vollzugsbeamten geraten: Das Vorhaben ist demokratisch beschlossen und in weiten Teilen genehmigt, also bleibt ihm nicht viel anderes übrig, als es durchzusetzen.

          Mut und Wille zur Verwirklichung

          Man kann dem Minister also durchaus Mut und einen gewissen Willen zur Verwirklichung des Riederwaldprojekts attestieren, auch wenn er Ende 2015 den anstehenden Bau des Tunnels verschoben hat, weil ihm die rechtlichen Risiken als zu hoch erschienen. Al-Wazir hat sich zum Beispiel im Juni dieses Jahres sozusagen in die Höhle des Löwen begeben, als er im Riederwald Anwohnern, darunter auch viele Gegner des Tunnels, Rede und Antwort stand.

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