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Rheinstraße in Darmstadt : Prachtstraße nach französischem Vorbild

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Verengt: Die Rheinstraße als Einfahrtstraße nach Darmstadt wird hinter dem Steubenplatz immer schmaler. Bild: Wonge Bergmann

Von der einstigen via triumphalis zur via triumphalis des Verkehrs soll die Rheinstraße in Darmstadt jetzt aufgewertet werden. Im Programm der Grünen und der CDU steht der Plan zumindest schon einmal.

          Es gibt Dinge, die brauchen Zeit. Der Architekturhistoriker Werner Durth und Darmstadts früherer Denkmalpfleger Nikolaus Heiss hatten sich schon 2007 öffentlich dafür ausgesprochen, sich mit der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe als Weltkulturerbe-Stätte zu bewerben. Es hat Jahre gedauert, bis die Politiker die Idee aufgriffen und eine Bewerbung abgaben. Inzwischen steht Darmstadt auf der deutschen Tentativliste für die Unesco, was man als wichtigen Etappensieg verbuchen kann.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Ähnlich könnte es nun der Rheinstraße ergehen, der Haupteinfallstraße, die jeder Autofahrer benutzt, der vom Darmstädter Kreuz in die Innenstadt möchte. Auch sie war auf einer Veranstaltung des Presseclubs vor zehn Jahren Thema und stimulierte die Phantasie von Stadtplanern und Denkmalpflegern ebenso stark wie die Mathildenhöhe. Von einer „Kulturachse“ war die Rede und einem „Aushängeschild der Wissenschaftsstadt“, zu der die Magistrale fortentwickelt werden könne. 2010 zeigte eine Ausstellung in der Kunsthalle, dass die Rheinstraße ein großes Potential besitzt. Das zu nutzen setzt aber eine klare Vision voraus, ein konkretes Leitbild für die fast zweieinhalb Kilometer lange Darmstädter Verkehrsachse.

          Einst wurde sie als via triumphalis konzipiert

          Möglicherweise ist damit bald zu rechnen. Wer in die Programme von Grünen und CDU zur Kommunalwahl im März 2016 blickt, entdeckt dort die Rheinstraße an prominenter Stelle. Von der CDU wird zum Beispiel die Forderung erhoben, diese einst als via triumphalis konzipierte Ausfallstraße aufzuwerten und deren „künstliche Verengung“ vor dem Citytunnel zu beseitigen. Auch die Grünen wollen die Rheinstraße zu einem „vorzeigbaren Entree der Stadt“ machen und ihren in den fünfziger Jahren geprägten Charakter stärken. Besondere Aufmerksamkeit sei dem historischen Eingang zur einstigen Residenzstadt zu schenken, den heute die Kunsthalle und das DGB-Haus markierten. Ihn gelte es „grundlegend umzugestalten“.

          Wer sich der Rheinstraße städtebaulich annimmt, der steht unweigerlich vor der Frage, welche historische Schicht er präferiert. In der bisherigen Diskussionen spielten zwei Aspekte eine zentrale Rolle: Die Jahre des Wiederaufbaus nach dem Krieg und die Gegenwart Darmstadts als Kommune mit so vielen wissenschaftlichen Einrichtungen, dass sie sich „Wissenschaftsstadt“ nennen darf. Zurück reichen die Ursprünge jedoch viel weiter – bis in das Zeitalter des Barocks. Um 1690 erteilte Landgraf Ernst Ludwig erstmals den Auftrag, die Anlage einer breiten Allee nach Westen zu prüfen. Die Idee einer Prachtstraße nach französischem Vorbild hat über die Jahrhunderte alle Überlegungen zur Stadterweiterung nach Westen begleitet, auch Darmstadts großen Baumeister Georg Moller und Stadtbaumeister Peter Grund, der 1947 maßgeblich den Wiederaufbau gestaltete.

          Und wurde nach dem Krieg zu einer via triumphalis des Verkehrs

          Viele Pendler werden es nicht glauben, aber die Rheinstraße galt bis 1944 als die „ansehnlichste Straße der Stadt, die durch das Rheintor ins Herz Darmstadts führt“. So stand es 1923 in einem Reiseführer. In der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 wurde dieser Prachtallee, die direkt bis zum Stadtschloss führte, das Rückgrat gebrochen. Die britischen Bomberpiloten kamen von Westen, nahmen die Rheinstraße als Orientierungspunkt Richtung Kernstadt, um dort ihre tödliche Fracht abzuwerfen. Übrig blieb ein Trümmerberg von drei Millionen Kubikmeter Schutt, davon 135.000 auf den Straßen der Innenstadt. Zerstört waren auch markante Bauten entlang der Anflugroute wie die Kunsthalle, von der an der Rheinstraße nur der Portikus des Rheintors übrigblieb, und das Casino, ein von Moller konzipiertes prachtvolles Gesellschaftshaus, auf dessen Grundstück 1967 das „Mengler-Hochhaus“ errichtet wurde.

          Nach dem Krieg wurde die Rheinstraße vor allem zu einer via triumphalis des Verkehrs. Mehr als 80.000 Ein- und Auspendler quälen sich hier jeden Tag entlang. Den wenigsten wird auffallen, dass an der Struktur der Bebauung rechts und links der Straße noch immer Mollers Handschrift zu erkennen ist. Oberbaudirektor Grund orientierte sich für den Wiederaufbau einerseits an seinem Vorgänger, andererseits skizzierte er einen Stadteingang im Stil der Architektur der fünfziger Jahre. Deren städtebauliche Bedeutung wird in Darmstadt gerade wiederentdeckt.

          Die Rheinstraße war und ist noch immer eine gute Adresse

          Grunds Leitidee war die einer „gegliederten und aufgelockerten Stadt“. So entstanden am Rand des „Graphischen Viertels“ etwa auf Höhe des Hauptbahnhofs viergeschossige Kammbauten mit Geschäftspavillons und Wasserbecken als verbindende Glieder. Markantestes Bauwerk war das „Dugena-Haus“. Dem klassizistischen Konzept von Verdichtung und Aufweitung folgte Grund auch weiter östlich. So sah er am Eintritt zum Steubenplatz zwei siebengeschossige Wohnblöcke vor, die sich in das Profil der Rheinstraße hineinschieben und damit jene Stelle markieren, an der einst das Rheintor stand – als Nahtstelle zwischen der alten und neuen Stadt.

          Um diese Grenze noch mehr zu akzentuieren, setzte er als Pendant der neu entstandenen Kunsthalle das Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes ebenfalls leicht von der Straße zurückversetzt. Den schon in Mollers städtebaulichem Konzept vorhandenen Kreuzungspunkt der Rhein- mit der Neckarstraße baute Grund zu einem „großen Verkehrsplatz“ aus mit dem bis heute alles dominierenden Mengler-Hochhaus.

          Die Rheinstraße ist also im Zweiten Weltkrieg untergegangen, aber in den fünfziger Jahren wieder auferstanden. Das allein wäre schon Grund genug, dieser verkehrlichen Lebensader in der Stadtplanung künftig den Stellenwert einzuräumen, der ihr gebührt – zumal die Entwicklung dynamisch ist: In den vergangenen Jahren wurden das „Haus der Wirtschaft“ und Gebäude des Fraunhofer Instituts für Sichere Informationstechnologie neu errichtet, angesiedelt hat sich auch das Institut für Wohnen und Umwelt. Die Rheinstraße, das zeigen diese Beispiele, war und ist noch immer eine gute Adresse.

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