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Rheinromantik-Ausstellung in Wiesbaden : Als die Kunst den Rhein entdeckte

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Die Romantik-Bewegung ist heute ein europäisches Thema. In der Rheinromantik-Ausstellung arbeitet das Museum Wiesbaden aber auch die Geschichte des eigenen Hauses auf.

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          Zum deutschen, gar europäischen Thema hat sich die Romantik erst entwickelt. Die Wurzeln der spartenübergreifenden Bewegung weisen nicht zuletzt in die hiesige Region. Die neue Ausstellung im Museum Wiesbaden macht jetzt darauf aufmerksam, dass der „Impuls Romantik“, den der Kulturfonds Frankfurt / Rhein-Main gegenwärtig fördert, an Ort und Stelle gesetzt wurde. In der ersten komplett am eigenen Haus konzipierten großen Wechselschau seit dem Amtsantritt des Museumsdirektors Alexander Klar Ende 2010 beleuchtet Kustos und Kurator Peter Forster die Rheinromantik und arbeitet damit zugleich die bislang vernachlässigte Geschichte des Museums auf. Dessen Besitz fußt auf der Gemälde- und Insektensammlung des Frankfurter Politikers und Schöngeists Johann Isaak von Gerning, der auch einen wesentlichen Beitrag zum romantischen Rhein-Tourismus leistete. Die 24 Illustrationen eines 1820 aufgelegten Prachtbandes stammten aus seinem Besitz und zeigen von Christian Georg Schütze fein aquarellierte Mittelrhein-Ansichten. Das Buch wurde ein Bestseller, und der Rhein war danach nicht mehr nur Durchgangsstation für Adlige auf ihrer Grand Tour nach Italien, sondern Sehnsuchtsort.

          Folgerichtig vermittelt der Auftakt des Rundgangs durch drei zurückhaltend suggestiv und atmosphärisch dicht gestaltete Säle auf zwei Ebenen eine Idee davon, wie es bei Gerning zu Hause ausgesehen hat: Niederländische Jagdstillleben und Szenen aus dem Leben Jesu zieren eine Wand, die vom Vater geerbte und in Schaukästen verwahrte Schmetterlingssammlung eine andere. Von antiken Büsten umgeben ist eine intellektuelle Tischgesellschaft, zu der unter anderen Goethe höchstselbst gehörte und an deren Gespräch sich Museumsbesucher interaktiv beteiligen können.

          Die ernste Seite der Romantik

          Im Nachbarraum beginnt die Entdeckung des Rheins durch die Kunst schon Mitte des 17.Jahrhunderts mit den Gemälden von Herman Saftleven. Seine Herkunft als Genremaler können die stark bevölkerten Landschaften kaum verhehlen. Manchem Betrachter mag es besondere Freude bereiten, in diesen Wimmelbildern nach einem der darin häufig auftauchenden, seine Notdurft verrichtenden Bauern zu suchen.

          Ernster wird es mit der Romantik im Untergeschoss, das bestimmt ist durch Varianten der stets gleichen, Himmel, Hügel, Fluss und Burg vereinenden Bildformel. Das Spektrum reicht dort von der starren, bisweilen auch recht grob gemalten Vedute bis zum schönen Schauer im Sinne einer schwarzen Romantik, wie sie Johann Caspar Schneider um 1800 mit der „Beschießung von Mainz“ ins Bild gesetzt hat. Von gebrochenem „englischen“ Licht beschienen und frei von allen die Moderne ankündigenden Details ist die Szene bei Clarkson Stanfield, James Baker Pyne und James Webb. Anderswo beleuchten Sonnenauf- und -untergänge Ruinen mit dem Licht einer Feuersbrunst, während naturalistische Details zugleich von idealisierend erhabener Proportion erscheinen. Caspar Nepomuk Scheuren und Eduard Wilhelm Pose zoomen sich ran an Bachläufe und Mühlen, während Carl Hilgers den Rhein im Jahr 1850 gerade nicht als Lebensgrundlage und Wirtschaftsraum, sondern als lebensfeindlichen Ort, nämlich zugefroren, darstellt und dabei gar nicht erst versucht, davon abzulenken, dass er das berühmte, ein gutes Vierteljahrhundert früher entstandene „Eismeer“ des romantischen Übervaters Caspar David Friedrich kennt. Über seine Kollegen erhaben ist freilich und erwartungsgemäß William Turner. Zur Ausstellung gehören 21 seiner bestechend leichten Aquarelle, die belegen, dass er auch am Rhein weniger die Topographie als Licht und Farben studierte. Ein Trumm wie Schloss Biebrich etwa verschwindet in seiner Betrachtung miniaturklein am Horizont.

          Kitschige Untiefen der Romantik

          Im Untertitel „Kunst und Natur“ greift die Ausstellung nicht nur dem Präsentationskonzept der für Mai geplanten Wiedereröffnung der Naturkunde-Sammlung vor, aus der unter anderem am Rheinufer gefundenes Gestein, Vater Gernings Schmetterlinge sowie der letzte, 1840 im Rhein gefangene Stör stammen und die nun die Verbindung zwischen Bild und Abgebildetem herstellen. Die Schau setzt sich damit auch ausdrücklich ab von kitschigen Untiefen der Romantik, wie sie etwa Wilhelm Krays süßliche Loreley zum ironischen Schluss des Rundgangs repräsentiert. Dass dieses Werk nicht mit den anderen Exponaten vergleichbar ist, wird vorsichtshalber noch einmal schriftlich erklärt. Ironie geht schließlich schnell schief.

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