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Weinbau : Kein guter Sommer für den Einwanderer

  • -Aktualisiert am

Nährboden: Kirschessigfliege auf einer Traube der Rebsorte Portugieser Bild: dpa

Aktuell stellt die Kirschessigfliege noch keine Bedrohung in den Weinbergen dar. Dafür sorgen aber Mäuse, Ameisen und Wildschweine für angefressene Trauben.

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          Ein gefährlicher Schadpilz im Rebholzstamm, die Reblaus in den Rebstockwurzeln, die Larven der Kirschessigfliege in den Beeren: Die Rebe hat nicht nur im Rheingau viele Feinde, und die Winzer haben viele Sorgen, ehe die Ernte eingebracht ist. Immerhin: Für die gefürchtete Kirschessigfliege, die ein feuchtwarmes Klima bevorzugt, war es bislang kein gutes Jahr: Trockenheit und Hitze mag der aus Asien eingewanderte Schädling nicht, und das gab es seit Juli reichlich. Für Geisenheim war es der drittwärmste Sommer seit Beginn regelmäßiger Wetteraufzeichnungen vor mehr als 130 Jahren. Wärmer war es nur 2003 und 1947. Entsprechend entspannt sind auch jene Winzer, die besonders gefährdete Rotweinsorten wie Dornfelder, Frühburgunder, Portugieser und St. Laurent anbauen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Fallen, die zur Kontrolle der Populationsdichte der Kirschessigfliege in vielen Weinbergen hängen, bestätigen diese Einschätzung. Bislang werden je Falle und Woche nur einstellige oder niedrige zweistellige Zahlen der Kirschessigfliege registriert, so viele wie beim ersten Auftreten 2012. Im Jahr 2013 war die Zahl auf mehr als 160 hochgeschnellt, im vergangenen Jahr auf mehr als 1000.

          Fliege ist „Globalisierungsgewinnerin“

          Eine Entwarnung für dieses Weinjahr wollte Annette Reineke vom Institut für Phytomedizin der Hochschule Geisenheim daher aber noch nicht geben. Auf der Tagung „Weinbau und Kellerwirtschaft“ der Hochschule, bei der sich die Praktiker des Weinbaus den Rat der Wissenschaftler holen, warnte Reineke davor, dass sich bei günstigen Bedingungen im September doch noch eine bedrohliche Population des 2012 erstmals in Hessen entdeckten Schädlings aufbauen könnte. Reineke riet den Winzern dazu, ihre vorbeugenden Arbeiten im Weinberg wie die Teilentblätterung der Rebstöcke zur guten Durchlüftung der Traubenzone fortzusetzen. Sollte sich der Schädling vor dem Beginn der Lese noch in bedrohlichem Maße vermehren, stehen den Winzern jetzt überdies drei Insektizide zur Verfügung.

          Diese werden wegen ihrer Gefährlichkeit für Bienen und Raubmilben nur sehr eingeschränkt empfohlen, unter anderem, weil sie den Prinzipien des Integrierten Weinbaus entgegenliefen, sagte Reineke. Aber selbst wenn die Kirschessigfliege in diesem Jahr keine Bedrohung für den Ertragsweinbau bedeutet, so hat sie sich nach Einschätzung der Expertin als „Globalisierungsgewinnerin“ binnen weniger Jahre dauerhaft etabliert und wird sich weiter über den gesamten mitteleuropäischen Raum ausbreiten.

          Auch Wildschweine naschen vom Wein

          Ob es gelingt, sie dennoch dauerhaft in den Griff zu bekommen, wird sich erst noch weisen. Die Verwirrmethode mit Sexualduftstoffen, wie sie beim Traubenwickler seit Jahren erfolgreich angewandt wird, greift bei Fliegen jedenfalls nicht. Wie lange der Weinbau in Koexistenz mit einem äußerst gefährlichen Schädling erfolgreich betrieben werden kann, zeigt das Beispiel Reblaus. Weinbau kann seit vielen Jahrzehnten nur dank Pfropfreben auf reblaustoleranten Unterlagsreben betrieben werden. Weil die Auswahl dieser Unterlagsreben aber sehr limitiert ist, forschen die Geisenheimer Rebenzüchter seit mehr als 20 Jahren an neuen Unterlagsrebsorten. Joachim Schmid vom Institut für Rebenzüchtung gab gestern die ersten Ergebnisse mehrjähriger Standorteignungsprüfungen bekannt. Sie geben Hoffnung, dass den Winzern auch für Anlagen auf schwierigen Kalkböden bald neue reblausresistente Unterlagen zur Verfügung stehen und dass so die Reblaus weiterhin in Schach gehalten werden kann.

          Hier kommt die Maus: Der nächste Schädling naht.
          Hier kommt die Maus: Der nächste Schädling naht. : Bild: dpa

          Dessen ungeachtet ist das Spektrum der „tierischen Schädlinge“ groß. Das Weinbauamt berichtet in seinen regelmäßigen Mitteilungen an die Winzer aktuell von bemerkenswerten Schäden durch Wespen, Mäuse und sogar Ameisen. Die Folgen dieser Schäden sind immer gleich: Die Beerenhäute werden verletzt oder angeknabbert, und damit ist der gefürchteten Essigfäule der Weg bereitet. Diese stört den Winzer, nicht aber die Wildschweine, die ebenfalls jetzt den Weg zu den zunehmend süßeren Beeren finden, wie sich unschwer am vermehrten Aufstellen von Elektrozäunen in den Weinbergen ablesen lässt.

          Hauptlese für Riesling im Oktober

          Welche Weinqualität nach dem Pressen der übriggebliebenen gesunden Beeren erreicht werden kann, lässt sich im Rheingau aber noch nicht absehen. „Jetzt kommen erst die entscheidenden Wochen“, sagte Hochschulpräsident Hans-Reiner Schultz zu Beginn der Tagung. Beim Riesling hat die Hitze eine verzögerte Reife bewirkt. Wie schnell die Reben das aufholen und wann die physiologische Reife den Beginn der Lese nahelegt, ist noch nicht abschätzbar. Beim spät reifenden Riesling wird die Hauptlese bislang kaum vor Oktober einsetzen.

          Das durchschnittliche Mostgewicht aus zahlreichen Referenzweinbergen lag am Montag für die Hauptrebsorte Riesling bei 53 Grad Öchsle. Zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres waren es 58 Grad, im Jahr 2013 nur 46 Grad. Beim ebenfalls weitverbreiteten Spätburgunder sieht der Jahresvergleich ähnlich aus, auch wenn die Durchschnittsmostgewichte schon deutlich höher liegen.

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