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Sieg der Windkraftgegner : Vom Rheingau lernen, heißt Rotoren stoppen

Prominente Unterstützung

Die Rheingauer waren aus anderem Holz geschnitzt. Sie sammelten nicht nur Geld und brachten ihre Erfahrungen und ihr Engagement ein. Sie zogen auch prominente, in der Region gut bekannte Unterstützer auf ihre Seite: „Jede erfolgreiche Bürgerinitiative braucht prominente Köpfe, neudeutsch Testimonials, die als Vorbilder und Sympathieträger dienen“, so die Strategie. ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser ist darunter, der Intendant des Rheingau Musik Festivals, Michael Hermann, der inzwischen verstorbene Dirigent Enoch zu Guttenberg und ebenso Gerd Weiß, der langjährige Präsident des hessischen Landesamtes für Denkmalpflege.

Fortan werden Informationsveranstaltungen organisiert, Flugblätter gedruckt, Plakatständer geklebt. Luftballons steigen auf, um die Höhe von Rotoren zu verdeutlichen. Und die Initiative mischt sich kräftig ein in die Diskussionen im Vorfeld der Bürgerentscheide von Eltville und Oestrich-Winkel. Viele eindringliche Briefe werden geschrieben, an Denkmalschützer, an Landes- und Bundespolitiker, an die Unesco. Die Emotionalisierung ist für die im Marketing erfahrenen Aktivisten ein wichtiger Punkt. Fotomontagen zeigen eine verspargelte Landschaft. Das ist nicht immer realistisch, aber es bleibt nicht ohne Wirkung. Die Kampagne wird immer professioneller. Zeitungsannoncen werden geschaltet, Datenträger mit windkraftkritischen Fernseh-Reportagen verbreitet, Strippen im Hintergrund gezogen.

Zum „Einmaleins der politischen Kommunikation“ gehört es für die Widerständler auch, „bis an die Grenzen des Schicklichen oder Legalen gehen“, um Aufmerksamkeit zu erregen. Auch wenn es nur um die Plazierung eines Infostandes geht, für den vorher keine Genehmigung eingeholt wurde. Auch wenn die Polizei kommt, ist das Ziel erreicht: „Schlechter als schlechte Presse ist gar keine Presse.“ Das gilt auch für die illegale Aktion, Werbebanner an Bahnunterführungen aufzuhängen. „Hierfür eine Genehmigung von der Bahn zu bekommen, hätte Monate gedauert. Außerdem hätten wir sie wohl gar nicht bekommen“, erinnert sich der Vereinsvorsitzende Gerhard Gänsler. „Guerrilla-Marketing“ ist dieses Kapitel der Kampagne überschrieben. Bürgerlicher Ungehorsam gilt in geringer Dosierung als erlaubtes Mittel gegen eine „falsche Politik“. Auch die Klaviatur der sozialen Netzwerke wird bespielt.

Druck auf Politik mit Wirkung

Der derart entfaltete Druck ist groß. Ministerpräsident Bouffier versichert schriftlich, das Land werde das Unesco-Welterbeprädikat für das Mittelrheintaltal keinesfalls gefährden. Minister wie Boris Rhein (CDU) senden eindeutige Signale der Unterstützung. Während sich die CDU im Land mit Rücksicht auf den grünen Koalitionspartner offiziell still verhält, reiht sich die CDU-Basis im Rheingau zum großen Teil in die Widerstandsbewegung ein.

Nachdem die Unesco Windräder bei Lorch für unvereinbar mit dem Welterbe sieht, ist das Ende der Windparkpläne dort nahe. Schließlich sind es aber die Energieversorger selbst, die entnervt an beiden Standorten das Handtuch werfen.

Energiewende : Erneuerbarer Strom: Deutschlands Energiepioniere

Die Bürgerinitiative jubelt, sieht sich aber zur Wachsamkeit aufgefordert: Die schwarz-grüne Landesregierung werde wohl nicht lockerlassen, die Energiewende auch im Rheingau-Taunus-Kreis voranzutreiben. Die jüngsten Äußerungen von Al-Wazir dürften diese Befürchtung bestärken. Doch dass sich noch ein Investor einer Kampagne von Pro Kulturland Rheingau aussetzt, ist vorerst nicht zu erwarten.

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