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Rhein-Main-Region : Kelterer freuen sich über gute Mostobst-Ernte

Rotbäckchen: Die Tafelsorte Elstar wird auch in der Rhein-Main-Region angebaut – etwa nahe Kriftel. Bild: dapd

Nach zwei schwachen Ernten hängen viele Apfelbäume in der Region wieder voll - jedenfalls auf den Streuobstwiesen. Tafelobstanbieter berichten dagegen von erheblichen Ertragseinbußen.

          Landauf, landab biegen sich Apfelbäume unter der Last der reifen Früchte. Vielerorts halten Äste gar dem Gewicht der Äpfel nicht mehr stand und brechen ab. In der Wetterau, im Hintertaunus und im Gießener Land kommen mobile Kelterer mit der Arbeit kaum noch nach. Und dann das: Die Apfelernte 2011 dürfte um ein Zehntel unter dem Mittelwert der vergangenen zehn Jahre liegen, meldet das Statistische Bundesamt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun berufen sich die Wiesbadener Statistiker auf vorläufige Schätzungen. Gleichwohl lässt ihre Nachricht aufhorchen. Denn Kelterer und andere Obstfreunde haben 2009 und 2010 als besonders schwache Erntejahre in Erinnerung. Birgit Müller-Lindenau von der Kelterei Müller in Butzbach-Ostheim sagt sogar, in den eigenen, viele Jahrzehnte zurückreichenden Erntenotizen seien zwei aufeinanderfolgende derart schwache Apfeljahre zuvor nicht vermerkt gewesen. Dagegen sei 2011 wieder gut.

          Auf ein schwaches Apfeljahr folge in der Regel ein gutes

          Auch Christoph Heil, Mitinhaber der Kelterei Heil in Laubus-Eschbach, spricht von einer guten Ernte nach zwei mageren Jahren. „Jede Krücke hängt voll“, meinte er. Um davon profitieren zu können und ordentliche Ware zu bekommen, hat die Kelterei aus der Nähe von Weilmünster eigene Sammelstellen eingerichtet. Die Mostobst genannten Früchte von Streuobstwiesen nimmt sie im Raum Frankenberg und im Lahn-Dill-Kreis, im Westerwald und Hintertaunus sowie in der Wiesbadener Gegend entgegen. „Wir hoffen auf 7000 bis 8000 Tonnen Äpfel“, sagt der Getränke-Ingenieur. Vor allem sammelt Heil Exemplare der Sorten Boskop, Kaiser Wilhelm, Winterrambur, Schafsnase, Bittenfelder sowie Bohnapfel ein, der als besonders gute Kelterfrucht gilt.

          Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden hessenweit 11000 Tonnen und im Jahr davor nur 8800 Tonnen Äpfel, die von Obstbauern an Märkte verkauft und nicht zu Most verarbeitet wurden, geerntet; 2008 waren es noch 12700 Tonnen gewesen. In jenem Jahr trugen aber auch die Bäume auf den Streuobstwiesen reichlich, aus deren Früchten Apfelsaft und „Stöffche“ werden. Seinerzeit sind die Keltereien „an Äpfeln fast erstickt“, wie Müller-Lindenau sagt. Dass die Streuobstwiesenbäume 2011 wieder reichlich tragen, wundert sie nach eigenem Bekunden ebenso wenig wie ihren Mitbewerber aus Laubus-Eschbach. Auf ein schwaches Apfeljahr folge in der Regel ein gutes. Fachleute nennen dieses Phänomen Alternanz. Ein Baum brauche ein Jahr zum Ausruhen, bevor er wieder viele Früchte bilde, erläutert Heil. Da 2010 ein Ruhejahr gewesen sei und es im Jahr zuvor viele Frostschäden gegeben habe, „ist es klar, dass jetzt ein Baum trägt, was geht“.

          „Ich schätze, ich habe im Vergleich zu 2010 die halbe Ernte“

          Berthold Heil äußert sich derweil deutlich zurückhaltender zu den Ernteaussichten. Denn anders als Müller-Lindenau und sein Namensvetter aus dem Hintertaunus greift der Obstbauer aus Kriftel nicht auf Streuobst zurück - er kümmert sich vielmehr um Tafelobstbäume, die auf Plantagen in der Region stehen. Er kann die Schätzung der Statistiker durchaus nachvollziehen. „Ich schätze, ich habe im Vergleich zu 2010 die halbe Ernte“, sagt der Vorsitzende des Landesverbandes Hessen für Erwerbsobstanbau. Demnach werde er, nach einem ordentlichen Ertrag 2010, auf 14 Hektar nur gut 2000 Tonnen statt 4000 Tonnen pflücken können.

          20 bis 25 Sorten baut Heil an. Darunter finden sich in Gestalt des Boskop oder des auch als Goldrenette bekannten Berlepsch auch auf Streuobstwiesen verbreitete alte Sorten, während etwa Elstar, Fuji, Jonagold oder Delicious typische Supermarktäpfel sind. Mit diesem Angebot folgt er der Nachfrage, wie er sagt. Ein beliebter Konsumapfel ist auch der Braeburn, der Heil diesmal nur einen Bruchteil des erhofften Ertrags beschert: „100 Kisten sollten es werden - eine Kiste habe ich geerntet.“

          Dagegen können die Kelterer wieder Mostreserven anlegen

          Die Einbußen erklärt Heil zum einen mit der Alternanz, zum anderen aber auch mit Frostschäden in manchen Landstrichen wie der Krifteler Gegend. In der Folge werde er wohl nur bis in den nächsten März hinein Äpfel liefern können, nicht bis in den Juni, wie sonst üblich.

          Dagegen können die Kelterer wieder Mostreserven anlegen. Dies ist auch „bitter nötig“, wie Müller-Lindenau bekennt. „Unsere Lager waren zuletzt richtig leer.“ Christoph Heil freut sich auch auf die Möglichkeit, bunkern zu können. Die Ausbeute aus einem guten Apfeljahr sollte das Anderthalbfache dessen ergeben, was die Kelterei binnen Jahresfrist an Saft und Apfelwein verkaufe - so laute die Faustregel. 2012 werde er sicher auf die Reserve zurückgreifen müssen. „Im nächsten Jahr werden wir Probleme haben, die notwendigen Mengen zu bekommen - das steht schon fest.“ Auf ein gutes Apfeljahr folgt eben ein schwaches.

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