https://www.faz.net/-gzg-7uh2l

Wirtschaftsentwicklung Rhein-Main : Lage gut, Stimmung nicht mehr ganz so

Bild: F.A.Z.

Der Mindestlohn, die Rente mit 63 und zahlreiche Krisen im Ausland lassen die Unternehmer skeptisch werden für das Jahr 2015. Doch was die Wirtschaft von der Zukunft erwartet, ist wichtiger, als man erst denken mag.

          An guten Nachrichten aus der Wirtschaft war auch in der vergangenen Woche wieder kein Mangel. In einem Bürokomplex im Frankfurter Westhafen siedelt ein Weltkonzern seine Deutschlandzentrale an, Allergan-Pharma aus den Vereinigten Staaten, der sich mit Botox einen Namen gemacht hat. In Wiesbaden eröffnet ein japanisches Unternehmen namens Mitsubishi Polyester Film eine Fabrik für Platten aus Stahl und Aluminium, die später zu Schildern werden oder zur Inneneinrichtung von Ladenlokalen. Und der Chemie- und Pharmakonzern Merck in Darmstadt kauft ein solch großes Unternehmen in den Vereinigten Staaten zu, dass sich die Börse tagelang nicht beruhigt. Der 13 Milliarden Euro schwere Erwerb von Sigma-Aldrich in St.Louis, spezialisiert auf Chemikalien für Forschungslabore, lässt die Merck-Aktie in einer sonst schwachen Börsenwoche um mehr als fünf Prozent nach oben schießen.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Es sind durch die Bank gute Nachrichten aus der Industrie, die im von Banken und dem Flughafen geprägten Rhein-Main-Gebiet traditionell ein Schattendasein führt. Doch Meldungen dieser Art könnten in Zukunft seltener werden. Denn die goldenen Jahre der südhessischen Wirtschaft, die kräftig am jüngsten deutschen Wirtschaftswunder partizipierte, neigen sich womöglich dem Ende zu. Auch wenn die Lage der Unternehmen noch recht gut ist – die Stimmung hat sich in den vergangenen Monaten gedreht. Als Ralf Geruschkat, Chefvolkswirt der Industrie- und Handelskammer Frankfurt, auf die ersten Antworten der jüngsten Unternehmerbefragung schaute, die die Kammern regelmäßig dreimal im Jahr veranstalten, war er jedenfalls bass erstaunt. Die Mitgliedsbetriebe der Kammern bezeichnen zwar ihre Lage mehrheitlich nach wie vor als gut. Aber bei der zweiten Frage, der nach den Erwartungen für die nächsten Monate bis ins Jahr 2015 hinein, haben sich die Werte deutlich verschlechtert. „Der Trend ist mehr als deutlich“, sagt Geruschkat.

          Geschäftsklimaindex fällt weiter

          Zu viel ist in den vergangenen Monaten zusammengekommen. Zum einen im Inland. Nach wie vor ist die Wirtschaftslage vor allem deshalb so gut, weil die Binnenkonjunktur läuft. Doch häufen sich hier die politischen Hürden, wie Geruschkat erläutert. Die Einführung des Mindestlohns, die Rente mit 63 Jahren – aus Sicht der Unternehmen sind solche neuen Wohltaten vor allem Gefahren für Wachstum und Arbeitsplätze. Zugleich bleibt als Dauerthema der Fachkräftemangel. Zum anderen schwindet aber auch die Hoffnung, dass die Nachfrage aus anderen Staaten die Wirtschaft beleben könnte. „Der Export wird es wohl nicht bringen“, sagt Geruschkat. Italien und Frankreich kommen mit ihren Strukturreformen nicht voran, die bleierne Zeit dort nimmt kein Ende. Jetzt ist noch die Ukraine-Krise hinzugekommen.

          Was Unternehmer von der Zukunft erwarten, ist wichtiger, als es zunächst scheint. Denn wer skeptisch nach vorn schaut, investiert womöglich nicht in eine neue Werkshalle, stellt vielleicht niemanden zusätzlich ein. Die Hälfte der Wirtschaft sei Psychologie, heißt es. Und die Unternehmer aus Rhein-Main sind mit ihren Zukunftsängsten keine Ausnahme. Der vom Münchner Ifo-Institut monatlich ermittelte Geschäftsklimaindex ist im September zum fünften Mal in Folge gefallen. Institutsleiter Hans-Werner Sinn zog dieser Tage für die Bundesrepublik die gleichen Folgerungen wie Geruschkat für Frankfurt: „Der deutsche Konjunkturmotor läuft nicht mehr rund“, folgerte der Münchener Wissenschaftler, und: Vom Auslandsgeschäft würden kaum noch Zuwächse erwartet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Engpass bei Medikamenten : Wenn die Arznei nicht mehr zu haben ist

          Patienten im Rhein-Main-Gebiet bekommen immer häufiger nicht ihre benötigten Medikamente. Apotheker müssen manche Kunden aufgrund von Lieferengpässen wegschicken. Doch das Problem ist längst nicht mehr nur regional.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.